Queerer Widerstand in Brasilien

Vor eineinhalb Jahren wurde die Schwarze lesbische Kommunalpolitikerin Marielle Franco in Rio de Janeiro erschossen. Der Fall ist bis heute ungeklärt. TANIA NAPRAVNIK hat mit Aktivistin MONICA BENICIO über das politische Erbe ihrer Partnerin gesprochen.

 

an.schläge: Wie hat sich das Leben in Brasilien seit Beginn der Präsidentschaft von Jair Bolsonaro im Jänner 2019 verändert?

Monica Benicio: Jair Bolsonaro hat sämtlichen Fortschritt gestoppt, viele hart erkämpfte Menschenrechte wurden zurückgenommen. Doch nicht nur das: Er schürt Hass gegen Frauen, Schwarze und LGBTQI*-Personen. Seine rechtsextreme Politik richtet sich gegen die Armen. Selbst den ehemaligen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva (2003–2011) von der Arbeiter*innenpartei trafen die korrupten Machenschaften von Jair Bolsonaro. Im Jahr 2017 wurde Lula da Silva vom Richter Sérgio Moro in einem zwielichtigen Prozess zu neuneinhalb Jahren Haft wegen Korruption verurteilt, sodass Lula da Silva den Präsidentschaftswahlkampf im darauff olgenden Jahr vom Gefängnis aus führte. Die Aufdeckungsplattform „The Intercept“ berichtet sogar davon, dass die brasilianischen Staatsanwälte in diesen Wahlkampf interveniert hatten, um den Sieg von Lula da Silva zu verhindern. Bezeichnend ist auch, dass Sérgio Moro nun von Jair Bolsonaro als neuer Justizminister nominiert wurde.

Haben Sie Angst vor Jair Bolsonaros Politik?

Ich habe weniger Angst, sondern bin viel eher entsetzt über die politischen Ereignisse in Brasilien. Ich bin extrem empört, dass Jair Bolsonaro mit seinen Hassreden und der Herabsetzung von marginalisierten Personengruppen die Präsidentschaftswahl gewinnen konnte. Im Speziellen mache ich mir Sorgen um Frauen. Schon im Zuge der Präsidentschaftswahl 2018 hat die Gewalt gegen Frauen vehement zugenommen. Trotz dieser Entwicklung bin ich positiv gestimmt. Denn ich kämpfe gegen sämtliche Formen von Gewalt an und lege dem Präsidenten Steine in den Weg.

Marielle Franco wuchs in der Favela Maré auf. Wie gestaltet sich das Leben für LGBTQI*-Personen dort?

In Brasilien existieren zahlreiche unterschiedliche Favelas. Prinzipiell würde ich Favelas als dynamische Orte des Kulturschaffens bezeichnen. Das Problem der Favelas ist der staatliche Umgang mit ihnen. Anstatt in die Infrastruktur vor Ort zu investieren, geht der Staat mit fragwürdigen Methoden gegen sogenannte kriminelle Banden vor. Dabei sind die Vorgänge oft unklar; auch ist nicht klar, wen der Staat unterstützt. Zudem verhärten sich die Fronten unter Bolsonaro. Unter seiner Regentschaft befi nden sich LGBTQI*-Personen ständig in Gefahr, da ihre sicheren Rückzugsräume verschwinden. Besonders schlimm sind die zunehmenden Vergewaltigungen an lesbischen Frauen in den Favelas. Dieses Phänomen wird „corrective rape“ genannt. Durch die physische Gewaltanwendung sollen Frauen von ihren homosexuellen Orientierungen abgebracht und dem Mann gefügig gemacht werden. Diese Art von Vergewaltigungen sind Teil einer machistischen Kultur, wo Männer den Frauenkörper beherrschen wollen: Die sexuelle Ausrichtung von Lesben wird als falsch betrachtet – als ein Fehler, der durch Männer korrigiert werden müsse.

 

© Manuela d‘Ávila/ flickr CC BY 2.0

© Manuela d‘Ávila/ flickr CC BY 2.0

 

Stärkt oder schwächt Ihre sexuelle Orientierung Sie im politischen Widerstand?

Beides. Mein Eindruck ist, dass in Brasilien keine Menschen respektvoll behandelt werden außer jene, die über Macht und Geld verfügen. Zudem ist Homofeindlichkeit allgegenwärtig, daher befinden sich lesbische Frauen nie in Sicherheit. Es ist das Land mit der fünfthöchsten Femizid-Rate und mit der höchsten Transgender-Mordrate weltweit. Glücklicherweise stehe ich im Schutz der öff entlichen Aufmerksamkeit. Denn je bekannter meine lesbischen, feministischen und menschenrechtlichen Anliegen sind, umso schwieriger ist es, mich loszuwerden. Zudem möchte ich den Tod von Marielle aufklären. Der Mord an ihr zog zwar viel mediales Interesse auf sich, dennoch wurden die Schuldigen dieses Verbrechens bis jetzt noch nicht gefasst. Das ist ein Skandal!

Was hat der politisch motivierte Mord an Marielle Franco bei Ihnen ausgelöst?

Trauer. Es schmerzt mich, dass ich meine Partnerin nicht vor den rassistischen und sexistischen Gewaltstrukturen in Brasilien retten konnte. Trotzdem möchte ich ihren Kampf für Gerechtigkeit fortsetzen, damit andere queere Menschenleben vor solchen Anschlägen bewahrt bleiben. Nur so bin ich fähig, diese kranke Gesellschaft zu überleben. Es ist das Einzige, was Sinn macht. Der tragische Tod von Marielle erzeugt Nachwehen, er politisiert die Menschen, berührt sie auf individueller und emotionaler Ebene. Ich habe mit vielen Menschenrechtsaktivist*innen gesprochen, die sich durch Marielle inspiriert fühlen. Der Glaube an Gerechtigkeit durch politischen Aktivismus ist das, was ihr Vermächtnis verkörpert. Um ihren politischen Kampf fortzusetzen, brauchen wir Aktivist*innen und weitere positive Vorbilder, die uns vor Handlungsohnmacht schützen.

Politischer Kampf braucht auch Solidarität. Was verstehen Sie unter dem Begriff Solidarität?

Solidarität bedeutet für mich Empathie. Mitgefühl und Anerkennung von anderen Personen vermittelt zu bekommen. Ich habe schon viel Zuspruch für mein Engagement an den unterschiedlichsten Orten der Welt erhalten. Wobei diese Empathie nicht nur mir gewidmet ist, sondern auch Marielle. Diese Art der Solidarität verleiht mir Kraft und gibt dem Tod meiner Partnerin eine weitere Bedeutung.

Was hat sich in der LGBTQI*-Szene nach dem Tod Ihrer Partnerin geändert?

Die Botschaft des Mordanschlags lautet: Queere Menschen sind unerwünscht. Jedoch lässt sich die LGBTQI*-Community nicht einschüchtern. Sie vereinnahmt den öffentlichen Raum, um die politischen Machenschaften anzuprangern. Selbst der Wahlsieg von Jair Bolsonaro hat die
LGBTQI*-Szene regional gestärkt. Das mache ich daran fest, dass drei Schwarze Frauen*, die früher mit Marielle zusammengearbeitet haben, in die Stadtkammer von Rio de Janeiro gewählt wurden. Das sind die Sprösslinge von Marielle, denn ihre Politik wandte sich den Schwarzen Frauen zu.

Was bedeutet Ihr T-Shirt-Spruch „Fight like Marielle Franco“ für Sie persönlich?

Der Spruch verweist weniger auf die private Beziehung zu meiner Partnerin, sondern vielmehr auf sie als ein Symbol für Hoffnung und Widerstand. Marielle gibt der LGBTQI*-Bewegung weiterhin Kraft, um gegen das politische Establishment auf die Straße zu gehen. Der Spruch ist eine Richtungsanweisung. Denn zeitgleich mit der Wahl von Jair Bolsonaro ist der Widerstand gegen ihn wieder öffentlich präsent und geeinter geworden. Derzeit ist die feministische Bewegung gut organisiert im Kampf gegen Ungerechtigkeit. Es bilden sich breitgefächerte linke Allianzen, selbst die Jugendlichen organisieren sich. Sie demonstrieren gegen Einschnitte im Bildungsbereich und besetzen Schulen. Es sind jene Personengruppen, die die Politik von Bolsonaro am härtesten trifft, die sich gegen ihn wenden. Diese Art von Zusammenschlüssen ist im Widerstand sehr wichtig, da kein politischer Kampf alleine ausgefochten werden kann. Schon gar nicht jener, der eine inklusive Gesellschaft fordert.

 

Monica Benicio ist urbane Architektin und LGBTQI*-Aktivistin in Rio de Janeiro. Sie war im Zuge der EuroPride 2019 zu Gast in Wien.

 

Tania Napravnik koordiniert das Radioprojekt „Globale Dialoge – Women on Air“ in Wien und arbeitet als Kommunikationstrainerin im Frauenforum Gänserndorf.

 

 

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.