400 Milliarden Euro

Leistung lohnt sich in Österreich und Deutschland keineswegs: Reich wird, wer in die richtige Familie geboren wird. BRIGITTE THEIßL hat die goldene Erben-Generation unter die Lupe genommen.

 

Das Thema Erben sickerte langsam ins Leben von Julia Friedrichs. Bis zum dreißigsten Geburtstag schien es in ihrem Freundeskreis allen recht ähnlich zu ergehen: Studium, die ersten prekären Jobs, Festanstellungen, viel zu teure Mietwohnungen. Doch dann übersiedelte ein Freund, der mit seinem Gehalt immer gerade so über die Runden kam, plötzlich aus der Studentenbude direkt ins Townhaus in der besten Gegend der Stadt. Andere kauften sich Ferienhäuser in Frankreich und der Schweiz – um zwischendurch mit der Familie auszuspannen. Selbstverständlich hatte niemand von ihnen mal eben so eine halbe Million Euro auf die hohe Kante gelegt – es waren die Erbschaften, oder vielmehr vorzeitige (steuervermeidende) Schenkungen ihrer Eltern, die sie geschickt in Immobilien investierten. Für ihr 2016 erschienenes Buch „Wir erben“ hat die deutsche Journalistin und Autorin Erb*innen in ganz Deutschland getroff en, anhand persönlicher Geschichten und Forschungsdaten macht sie deutlich: Das Erbe der Nachkriegsgeneration wird Deutschland nachhaltig verändern.
Bis zu vierhundert Milliarden Euro werden inklusive Schenkungen jährlich vererbt, besagt eine aktuelle von der Hans-Böckler-Stiftung beauftragte Studie. Davon profitieren keineswegs alle. Über die Hälfte der Bevölkerung erbt nichts oder sogar Schulden, aber acht Prozent der Erb*innen erhalten rund vierzig Prozent des Gesamtvermögens. Und die Dynamik nimmt zu: Aufgrund der demografischen Entwicklung verteilt sich das Geld trichterförmig auf immer weniger Personen.

Grobe Schätzung. Wie viel Vermögen sich tatsächlich in privater Hand befindet und an die nächste Generation weitergegeben wird, weiß niemand so genau. Amtliche Statistiken zu Erbschaften und Schenkungen existieren weder in Deutschland noch in Österreich, Wissenschaftler*innen müssen sich mit Befragungsdaten und Schätzungen zufriedengeben. „Besonders reiche Haushalte nehmen weniger häufig an solchen Befragungen teil. Und natürlich können wir auch nicht überprüfen, ob die Angaben der Menschen zu ihren Vermögensverhältnissen richtig sind“, sagt Alyssa Schneebaum, Ökonomin an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien, im Gespräch mit an.schläge. Schneebaum hat den Gender Wealth Gap untersucht, der in Österreich 23 Prozent beträgt: Frauen besitzen im Schnitt also 23 Prozent weniger Vermögen, in Paarhaushalten steigt dieser Wert auf 28 Prozent. Besonders relevant ist der Gap bei den reichsten Haushalten: Während das Verhältnis bei den unteren fünfzig Prozent der Haushalte – sie besitzen lediglich 6,9 Prozent des Gesamtvermögens – zwischen Männern und Frauen fast ausgeglichen ist, konzentriert sich beim reichsten Prozent 76 Prozent des Vermögens auf Männer.

Wer hat, dem wird gegeben. Vermögen liegt also in den Händen weniger (Männer). Eine Entwicklung, die sich verschärft – und die bestehende Gesellschaftsordnung bedroht, wie Thomas Piketty in seinem viel beachteten Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ eindringlich darstellt. Denn während unsere Demokratie auf die Erzählung baut, individuelle Anstrengung und Leistung würden über den sozialen Status der Einzelnen entscheiden, werden de facto Abstammung, Erbe und Kapital immer wichtiger. In Österreich fällt dieser Befund besonders drastisch aus. In keinem anderen Land der Eurozone sind Erbschaften so entscheidend für den sozialen Aufstieg, belegt eine Studie der österreichischen Nationalbank aus dem Jahr 2015. 15 Milliarden Euro werden aktuell geschätzt pro Jahr vererbt, in den kommenden Jahrzehnten wird sich diese Summe verdoppeln. Wer schon finanzkräftig ist, kann mit einem weiteren Vermögenszuwachs rechnen: In den vermögendsten zwanzig Prozent der Haushalte haben schon zwei Drittel einmal etwas geerbt, in den unteren zwanzig Prozent hingegen nur 9,6 Prozent. Soziale Ungleichheit wird so weiter einzementiert.

 

© Johnny Miller

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Me and my family. Erbe ist aber nicht nur ein Vermögenszuwachs, der ganz ohne Leistung erfolgt, er ist noch dazu steuerlich privilegiert. Während in Deutschland Erbschaften und Schenkungen zumindest ab einer bestimmten Höhe besteuert werden, wurde in Österreich die Erbschaftssteuer 2009 gänzlich abgeschafft. Hohe Steuern auf Arbeit, niedrige oder keine auf Vermögen – eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Doch eine konsequent umgesetzte Erbschaftssteuer ist in Österreich alles andere als mehrheitsfähig. Wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts unique research zeigt, befürworten zwar zumindest 56 Prozent der Österreicher*innen die Wiedereinführung einer Erbschaftssteuer, bei einem Freibetrag von „nur“ 500.000 Euro sinkt die Zustimmung jedoch auf 16 Prozent, lediglich drei Prozent können sich eine Steuer auf alle Erbschaften vorstellen. „In Österreich glaubt jeder, er werde einmal eine Erbschaft machen, de facto sind es aber nur jene, die schon Vermögen haben“, sagte Wilfried Altzinger, Wirtschaftswissenschaftler an der WU Wien, dem „Standard“. Ein Effekt, der aus zahlreichen Forschungsprojekten bekannt ist: Wohlhabende Menschen halten sich in der Regel für ärmer, als sie tatsächlich sind – und umgekehrt. Aber auch das patriarchale Familienbild in Österreich hat etwas mit der Ablehnung von Steuern auf Erbschaften zu tun, ist Ökonomin Alyssa Schneebaum überzeugt: „In Österreich ist das Familienbild nach wie vor sehr traditionell. Man hat die Idee: Wenn ich mir etwas erarbeitet habe, sollen ich und meine Familie davon profitieren.“
Dass gesamtgesellschaftliche Umverteilung bei vielen Menschen nicht gerade hoch im Kurs steht, wird nicht nur von neoliberalen Thinktanks, sondern auch von einer Politik der rassistischen Spaltung geschickt instrumentalisiert – und noch weiter vorangetrieben. Wenn von „Leistung muss sich wieder lohnen“ die Rede ist, sind niemals Erb*innen gemeint. Für eine Umverteilungspolitik, die weit über Vermögenssteuern hinausgeht, sprechen indes nackte Zahlen. Schon jetzt ist die soziale Mobilität ist in Österreich äußerst gering: Sowohl Bildungsabschlüsse als auch der ökonomische Status werden im Wesentlichen vererbt. „Allein im Bildungssektor gibt es in Österreich eine starke soziale Selektion. Deshalb ist es besonders schwierig, sich Vermögen aufzubauen, wenn man nicht über das richtige Elternhaus verfügt“, sagt Alyssa Schneebaum.

Umverteilen statt verschweigen. Wie es sich mit dem richtigen Elternhaus lebt, zeichnet Autorin Julia Friedrichs in ihrem Buch anhand ausgewählter Biografien nach. Erbe, das bedeutet vor allem Sicherheit. Da ist etwa der Komponist, der ohne das dicke Bankkonto seines Vaters niemals diesen Beruf ergriffen hätte; Familiengründung, Auslandsaufenthalt, Kunstprojekt – mit großzügigen Schenkungen auch ohne Festanstellung verhältnismäßig sorgenfrei umzusetzen. Um genügend Gesprächspartner*innen für ihre Sozialreportage zu finden, musste Friedrichs so einige Anstrengung auf sich nehmen. „Über Geld spricht man nicht“ gilt in Deutschland nach wie vor. Francis Seeck kennt das nur zu gut. Seeck ist Lehrbeauftragte_r und Doktorand_in und arbeitet viel zum Thema soziale Ungleichheit. In Antidiskriminierungstrainings lässt er Workshop-Teilnehmer*innen ihre eigene ökonomische Situation beschreiben – und erlebt dabei oft Fehleinschätzungen: „Viele, die in meine Workshops kommen, gehören der oberen Mittelschicht an und sehen sich trotzdem nicht als vermögend an.“ Seeck will andere davon überzeugen, die eigenen Privilegien nicht länger beschämt zu verschweigen – was auch Linken und Feministinnen alles andere als leichtfällt. Wenn soziale Ungleichheit plötzlich keine abstrakte Statistik mehr ist, wird es oft ganz ruhig im Raum.
Doch was tun mit den gewonnenen Einsichten? Konkrete Ideen zur Umverteilung des Milliarden-Erbes der Nachkriegsgeneration liefern nicht nur kleine, selbst verwaltete (Wohn-)Projekte, sondern auch linke Initiativen wie das deutsche Netzwerk Selbsthilfe oder die Bewegungs-Stiftung, die soziale Bewegungen finanzieren und sich davon einen gesellschaftlichen Wandel erhoffen. Private Umverteilung – für viele Linke eine neoliberale Idee. Keineswegs, sagt Francis Seeck. „Es braucht natürlich politische Kämpfe für eine gerechte Erbschaftssteuer und staatliche Umverteilung. Aber Linke können nicht nur Theorien von einer besseren Welt entwerfen, sie müssen auch konkret handeln.“ Eine solche Aktivistin hat Seeck vor Kurzem in einem Seminar getroffen. Der enorme Reichtum in ihrer Familie motivierte sie dazu, ihrer Familiengeschichte während der NS-Zeit nachzuspüren. Sie ist sich nun sicher: Ihr Erbe soll umverteilt werden.

 

 

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