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SIBYLLE BERGS neuer Roman „GRM. Brainfuck“ erzählt vom Erwachsenwerden in der Endzeit: böse, hellsichtig und messerscharf. Von STEFANIE BREMERICH

 

„GRM. Brainfuck“ beginnt da, wo die Welt zu Ende ist: in Rochdale, Großbritannien, einer „Stadt im Todeskampf“, die man „ausstopfen und als Warnung vor unmotivierter Bautätigkeit in ein Museum stellen müsste“. Hier leben die Armen, Abgehängten und Überflüssigen der Gesellschaft. Und hier wachsen Don, Hannah, Karen und Peter auf, „Außenseiter in einer Welt des normalen Elends“ und Hauptfiguren von Sibylle Bergs neuem Roman.
Wir befinden uns in einem England der nicht allzu fernen Zukunft. Nach dem Brexit ist das Land mittlerweile in eine „geregelte Eskalationsphase“ eingetreten, die mit dem erfolgreichen Abbau des Sozialstaates, dem direkten Weg in die Zweiklassengesellschaft, der totalen Überwachung und biopolitischen Kontrolle sowie der Unterdrückung aller, die keine Kaufkraft haben und nicht zur männlichen weißen Elite gehören, einhergeht.

Coming of Age in der Endzeit. Keine guten Zeiten, um erwachsen zu werden. Erzogen werden Don, Hannah, Karen und Peter nicht von ihren Eltern, sondern von ihren digitalen Endgeräten, denen sie die wenigen schönen Augenblicke ihres Alltags verdanken. Einsamkeit, Demütigung, Verwahrlosung, Missbrauch, Drogen, Vergewaltigung, Prostitution – tatsächlich bleibt ihnen so gut wie nichts erspart.
Was nach Sozialklamotte klingt, geht in Wahrheit weit darüber hinaus. Sibylle Berg schildert das Coming of Age in der Endzeit so, wie es vermutlich sein wird: bizarr. Die vier Kinder erstellen eine „Todesliste“ und beschließen, sich zu rächen. Dabei bekommen sie es mit allerlei neuen technologischen Daumenschrauben und Optimierungs-Tools zu tun, treffen auf Hacker im Untergrund, autokratische Eliten mit den abartigsten sexuellen Vorlieben, militante Abtreibungsgegner, irre Oligarchen und Programmierer, denen die künstliche Intelligenz allmählich über den Kopf wächst. Das alles ist rasant erzählt, blitzgescheit und mitunter auch schockierend. Aber bewegt es auch?
Na ja. Wenn man „GRM“ nur als Roman liest und wenn man von diesem Roman komplexe Persönlichkeiten und psychologische Tiefenschärfe erwartet, wird man womöglich enttäuscht sein. Einfühlsame Charakterstudien wird man hier nämlich nicht finden. Darum geht es aber auch gar nicht. Sibylle Bergs Figuren sind grob geschnitzte Stellvertreter_innen einer Welt, die ihren Mitgliedern nichts mehr zu bieten hat, schon gar nicht die freie Entfaltung des Individuums. Ihr Buch zielt nicht auf die subtile Vermessung des Subjekts, sondern auf die Zergliederung des großen Ganzen, dessen kaputte Strukturen der Text Stück für Stück freilegt – messerscharf, schwarzhumorig, fies und absolut unversöhnlich.

 

© Katharina Lütscher

© Katharina Lütscher

 

Grime. An dem abgebrühten Sound, der die Grenze zum Plakativen und zum Zynismus mehr als einmal überschreitet, kann man sich gewiss stoßen. Er ist aber konsequent. Denn ebenso disharmonisch, dreckig und übersteuert wie die erzählte Welt ist auch der Text. Es passt gut, dass Sibylle Berg aktuelle Buchvorstellungen nicht als Lesungen, sondern als Performances mit „Grime“ abhält, einer Musik, die für die Jugendlichen im Buch eine Schlüsselfunktion innehat. „Grime“ heißt Schmutz und ist düster-elektronischer Highspeed-Rap. Und ein bisschen Grime ist auch Sibylle Bergs Prosa. Das Arrangement ist experimentell, die Sätze krachen roh und abgehackt aufeinander, die Perspektiven wechseln sprunghaft und übergangslos, dazwischen immer wieder Momente von schlichter brutaler Poesie. Vermittelt wird das Ganze von einer Erzählstimme, die gar nicht so einfach zu verorten ist: unbarmherzig, aber nicht teilnahmslos, abgeklärt, aber nicht klinisch, ultracool, aber nicht scheißegal. Das ist das eigentlich Markante an diesem Text, aus dem echte Wut spricht und der auf über sechshundert Seiten eine gewaltige Empörungsenergie freisetzt.
„GRM. Brainfuck“ ist nicht bloß eine Dystopie oder ein Gesellschaftsroman. Es ist eine literarische Notoperation am offenen Herzen unserer Gegenwart.

 

Stephanie Bremerich ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Leipzig. Dort arbeitet sie im Fachbereich für neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie.

 

Sibylle Berg: GRM. Brainfuck
Kiepenheuer & Witsch 2019, 25 Euro

 

 

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