neuland: Silence

alltägliche grenzerfahrungen

 

Vorab: Ja, wir müssen über Gewalt sprechen! Jeder betroffenen Person, die die Kraft aufbringt, ihre Geschichte in einem Umfeld voll patriarchaler Gewalt zu teilen, gebührt unendlicher Respekt. Ich möchte jedoch etwas ergänzen: Auch Schweigen ist eine legitime Strategie der Selbstbestimmung über das Erlebte. Schweigen kann Schutz sein. Es gibt einen enormen Geständnisdruck auf Betroffene, der einhergeht mit dem Narrativ der Erleichterung. Offen mit Gewalterfahrungen umzugehen, kann jedoch auch das Gegenteil von Erleichterung nach sich ziehen: Victim Blaming, Retraumatisierung oder die Normierung, Einordnung und Bewertung des Gesagten. Es wird ein Anspruch gestellt auf normierte Geständnisse, die Identifikationsflächen bieten und einer Mehrheitsgesellschaft den Umgang mit Gewalterfahrungen erleichtern. Die Macht über das Gesagte liegt nach dem Geständnis aber nicht mehr bei der sprechenden Person, sondern bei den Zuhörer*innen, Leser*innen, Rezipient*innen. Betroffene werden als solche erst gehört und anerkannt, wenn sie konkreten Vorstellungen entsprechend im richtigen Rahmen das Richtige gesagt haben. Mit dem Gesagten wird jedoch zugleich ein unerwünschtes Thema aufgebracht. Wenn also das Gesagte den erwarteten Rahmen „sprengt“ oder sich zu einem unpassenden Zeitpunkt Raum nimmt, hat das oftmals erneut Gewalt und soziale Sanktionen zur Konsequenz. Denn die Auseinandersetzung ist unbequem und oft überfordernd. Warum liegt der Fokus nicht auf der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung, auf den strukturellen Veränderungen, die es bräuchte? Auf Opferschutz und Prävention, auf dem Schweigen der Täter*innen und Zeug*innen? Es muss eine Umgebung geschaffen werden, in der es für Betroffene tatsächlich eine sichere Möglichkeit gibt, offen zu sprechen. Selbstbestimmtes Schweigens ist jedoch eine genauso legitime Strategie, um sich diskursiver Gewalt zu entziehen und Deutungsmacht zurückzugewinnen.

 

Djamila Grandits lebt in Wien, wünscht sich strukturelle Ansätze und einen sensibilisierten Umgang mit Traumata. Sie bedankt sich bei L.H. und H.C.R. für den Anstoß zu den obenstehenden Gedanken.

 

© Sabrina Wegerer

© Sabrina Wegerer

 

 

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