an.sage: Frauenstreik, optimistisch betrachtet

Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

Es ist großartig, dass zum Frauentag 2019 gestreikt werden soll! Mein müdes Lächeln lässt sich angesichts des selbstbewussten Streikmottos dennoch nur schwer unterdrücken: „Wenn wir streiken, steht die Welt still.“ Trotz wirklich allerbestem Willen: Das glaube ich einfach nicht. Nicht angesichts der Meldungen, dass sich schon zu ihrem zweiten Jahrestag die vielversprechendste feministische Bewegung der jüngeren Geschichte nahezu völlig selbst zerlegt hat. Nachdem die Women’s Marches Anfang 2017 die größten Demonstrationen der US-Geschichte auf die Beine gestellt hatten – wohlgemerkt: Es waren nicht nur die größten feministischen Demonstrationen, die das Land je gesehen hat, sondern es waren tatsächlich die größten Demonstrationen überhaupt –, sind dieses Jahr nur noch zerstrittene Einzelgrüppchen marschiert. Die Gründe für die Spaltungen sind nachvollziehbar, das Resultat ist trotzdem niederschmetternd.
Wie so oft muss sich der feministische Optimismus des Willens also erbitterte Kämpfe mit dem Pessimismus des Verstandes liefern. Doch immerhin gibt es auch für diesen Optimismus Anlass und Argumente, und angesichts der globalen politischen Weltuntergangsstimmung scheint es angeraten, sie sich vor Augen zu führen.
Also, zunächst einmal: Egal wie es zwei Jahre später aussieht, immerhin ist es gelungen, diese historischen Demos zu organisieren. Und anknüpfend an den gigantischen Erfolg der ersten Women’s Marches wurde kurz darauf, am 8. März 2017, der „Day without Women“ ausgerufen. Wieder ließen sich Massen mobilisieren und bestreikten zum Frauentag die bezahlte und unbezahlte Arbeit von Frauen.
Ein Jahr später, am 8. März 2018, fand in Spanien ein Generalstreik für die Gleichberechtigung von Frauen statt – erneut mit schier unglaublichem Erfolg. Mehr als fünf Millionen Menschen nahmen teil, selbst die beiden größten Gewerkschaftsverbände Spaniens mussten angesichts des hohen Mobilisierungsgrades notgedrungen mitziehen. Damit wurde es nicht nur der historisch größte Frauenstreik, sondern wiederum der größte Streik, den es in Spanien und sogar Europa je gab (dass er von den internationalen Medien so gut wie totgeschwiegen wurde, darf leider die Pessimismus-Seite verbuchen).

 

 

Der soeben erschienene Sammelband „8M – Der große feministische Streik“ spricht folgerichtig gar von einer „transnationalen Bewegungswelle“, die mit der „NiUnaMenos“-Bewegung 2015 ihren Anfang in Argentinien nahm. Und tatsächlich, um zu belegen, dass Frauenstreiks ein wirkungsvolles politisches Mittel sein können, muss gar nicht Aristophanes‘ antike Komödie Lysistrata bemüht werden, in der ein weiblicher Sexstreik Krieger in die Knie zwang, oder daran erinnert werden, dass großen Revolutionen wie der Französischen und der Russischen ebenfalls Frauenaufstände vorausgingen.
Auch der „Schwarze Montag“, der ebenfalls als Streik ausgerufene Protest der Polinnen, konnte im Herbst 2016 das geplante Totalverbot von Abtreibungen tatsächlich verhindern. Der isländische Generalstreik von 1975 ist mittlerweile legendär: Über neunzig Prozent aller Isländerinnen legten damals das öffentliche Leben für einen Tag vollkommen lahm. Und aktuell ist es einer einzelnen Schülerin, der 16-jährigen Greta Thunberg, gelungen, Klimastreiks in ganz Europa zu initiieren. Außerdem gibt es endlich auch in Österreich die lange überfälligen (Warn-)Streiks im Pflege- und Sozialsystem – was in Deutschland im vergangenen Jahr schon sehr erfolgreich war.
Dass sich der für diesen 8. März geplante Frauenstreik in Deutschland von den Spanier_innen das optimistische Motto geborgt hat, ist also vielleicht doch nicht so vermessen. Denn potenziell können Frauenstreiks ja tatsächlich alle Räder stillstehen lassen, schließlich lässt sich nicht nur Lohnarbeit, sondern auch die Reproduktionsarbeit bestreiken.
Gerade das macht es aber auch besonders schwierig. Denn bei der Lohnarbeit verbietet das deutsche Streikrecht einen politischen Streik, wie er für den 8. März geplant ist. Bei der Sorgearbeit verbietet ihn hingegen oft die konkrete Lebenssituation, schließlich kann eine Alleinerziehende ihrem Kind schwerlich das Abendessen vorenthalten.
Im Wissen um diese Hürden gibt es auf frauenstreik.org Anregungen für viele unterschiedliche Aktionsformen, die den deregulierten Beschäftigungsverhältnissen und prekarisierten Lebensrealitäten all der Frauen gerecht werden, für die der Streik unterschiedslos eintreten muss. Denn wir sollten aus den feministischen Fehlschlägen lernen und deshalb unbedingt mit allen solidarisch sein – mit der migrantischen Pflegerin ebenso wie mit der trans Frau im Kulturprekariat oder der illegalisierten Sexarbeiterin. Und zugleich müssen wir die vielen Widersprüche aushalten und die unvermeidlichen Konflikte solidarisch austragen. Sonst steht eben auch die Welt nicht still. Also: Heraus zum 8. März!

 

 

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