„Total nach hinten losgegangen“

Care-Arbeit bedeutet niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen. KATHRIN REISINGER hat mit ANNA LEDER von „Care Revolution Wien“ über Kampfmaßnahmen und den Pflegestreik in Deutschland gesprochen.

 

2015 kam es mit der Einführung der sogenannten EU-Arbeitszeitrichtlinie für ärztliches Personal zu einer Umschichtung vormals ärztlicher Tätigkeiten an das Pflegepersonal, der sogenannten Kompetenzerweiterung. Während es bei den Ärzt_innen recht gut gelang, Verschlechterungen abzuwehren, fehlte es der Pflege an einer entsprechenden Lobby. In Wien gründete sich deshalb die Basisinitiative „Care Revolution“. Es gelang durchaus erfolgreich, zahlreiche Kolleg_innen zu mobilisieren: Es gab Flashmobs, Demonstrationen, Diskussionsveranstaltungen, Kundgebungen und an einigen Krankenhäusern wurden Betriebsgruppen ins Leben gerufen. Die bewegte Zeit scheint jedoch vorerst wieder vorüber zu sein. Geblieben ist ein „harter Kern“ der „Care Revolution“, der sich in unregelmäßigen Abständen trifft, wobei es eher Männer aus der Pflege sind, die aktiv sind.

an.schläge: Woran liegt es, dass es vor allem Männer sind, die sich in einem von Frauen* dominierten Sektor engagieren? Ist es die Doppel- und Dreifach-Belastung, die Frauen* davon abhält, sich politisch zu engagieren?

Anna Leder: Ich glaube, dass dieses Argument, dass Frauen* aufgrund ihrer Doppelbelastung weniger bereit sind, sich in Arbeitskämpfen zu engagieren und Widerstand zu leisten, total überschätzt ist. Es braucht zwar Aktivität, aber die bedeutet in einer Streiksituation gar nicht so viel extra Aufwand für die Einzelne. Man könnte umgekehrt vielleicht sogar sagen, dass ein Streik auch für mehrfach belastete Frauen* eine Möglichkeit bieten kann, sich während der Arbeitszeit politisch zu engagieren. Es geht mehr darum, ob die Möglichkeit einer Veränderung im sozialen Bereich überhaupt gesehen wird. Ich muss davon überzeugt sein: Da ist etwas rauszuholen, dafür engagiere ich mich. Vielleicht trifft diese Sichtweise eher auf Frauen* zu.
In Deutschland gibt es in den letzten Jahren, ausgehend von der Berliner Charité, zahlreiche beeindruckende und teilweise durchaus erfolgreiche Streiks im Gesundheitswesen.
Deutschland ist ein ganz anderes Terrain. Die Gesundheitsindustrie hat eine wesentlich größere Bedeutung als in Österreich. Es ist ein vergleichsweise größerer ökonomischer Druck da, es existieren andere Gewerkschaftsstrukturen und es gibt mehr Streikerfahrungen dort.
In Österreich hingegen gab es gerade einmal einen einzigen Streikfall, 2013 haben die oberösterreichischen Ordensspitäler eineinhalb Tage lang gestreikt. Das war schon beachtlich für Österreich.

Was sind die speziellen Herausforderungen, wenn es darum geht, einen Pflegestreik zu organisieren?

Die Forderungen haben sich in den letzten Jahren wesentlich verändert. Waren es bis vor einigen Jahren vor allem Gehaltsverhandlungen, so hat sich der Schwerpunkt immer mehr in Richtung mehr Personal verlagert. Auch die Öffentlichkeit zu mobilisieren, ist enorm wichtig. Ebenso braucht es streikwillige Gewerkschaften, die waren in Deutschland wesentlich kämpferischer. Das ist der Unterschied schlechthin: Entweder ist eine Gewerkschaft bereit dazu oder nicht.
In Österreich hat es 2011 eine Umfrage gegeben, in der die Kolleg_innen u. a. gefragt wurden, ob sie bereit sind zu Kampfmaßnahmen, was neunzig Prozent mit Ja beantworteten, und siebzig Prozent der Befragten befürworteten einen Streik. An der Bereitschaft liegt es also nicht.
Es geht bei einem Streik immer darum, ökonomischen Druck aufzubauen. Die Wertschöpfung im Sozialbereich ist natürlich ungleich niedriger als in einem klassischen Streikbereich wie z. B. in der Metallbranche. Klassische Frauenarbeitsplätze haben eine niedrigere Wertschöpfung, ein Streik tut also finanziell nicht so weh. Damit ein Streik erfolgreich ist, muss ich das zumindest mitbedenken.

Macht es denn überhaupt Sinn in den Bereichen, wo es eine vergleichsweise niedrige Wertschöpfung gibt, zu streiken?

Je prekärer desto schwieriger! Aber Streiks machen durchaus auch dort Sinn, wo die Wertschöpfung niedriger ist. Wenn dein Kind beispielsweise im Kindergarten nicht mehr abgeliefert werden kann, weil die Pädagog_innen streiken, dann hat das auch eine Auswirkung auf andere Sektoren, denn dann können Elternteile nicht in die Arbeit gehen. Ich muss immer auch versuchen, ökonomischen Druck zu erzeugen, aber in Bereichen wie der 24-Stunden-Pfl ege sind die Voraussetzungen andere. Hier müsste es vielmehr darum gehen, die gesellschaftliche Verantwortung zu thematisieren.

 

Illustrationen: Bini Adamczak

Illustrationen: Bini Adamczak

Was kommt mit der neuen Regierung auf den Care-Sektor zu? Sind schon Veränderungen spürbar?

Es ist abzuwarten, was jetzt mit dem frisch verabschiedeten Sozialversicherungsgesetz auf uns zukommt, aber da kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch wenig sagen.
Die großen Veränderungen wurden mit der Einführung der DRG’S, der „Diagnose Related Groups“, durchgesetzt. Seitdem wird jeder „Fall“ wie ein Produkt behandelt, das heißt je weniger Kosten und damit auch je weniger Zeit jeder Fall braucht, desto erfolgreicher funktioniert in dieser Logik ein Krankenhaus. Wir befinden uns so in einer dauernden Abwärtsspirale. Den Rationalisierungsdruck gibt es also nicht nur in den Fabriken, sondern auch im Care-Sektor.

Warum ist Care-Arbeit ein feministisches Thema?

Die Forderung nach Professionalisierung der Care-Arbeit, die aus der Zweiten Frauenbewegung heraus entstand – also dass es nicht unsere Natur ist, sondern ein Job –, die ist neoliberal umgedeutet worden. Die Fabrikslogik besagt, dass je weniger Zeit ich für die Herstellung eines Produkt brauche, umso erfolgreicher arbeite ich. Diese Logik stimmt natürlich nicht in der Arbeit mit Menschen. Dies hat zur Folge, dass der Aspekt der menschlichen Zuwendung, der ja der Care-Arbeit immanent ist, immer mehr wegrationalisiert wird. Das, was Pflege ausmacht, hat keinen Platz mehr.

Wie sieht es mit dem gesellschaftlichen Wert der Arbeit aus? Gerade im privaten Bereich wären Pflegeleistungen für die meisten gar nicht mehr leistbar, wenn die Arbeitenden ein „angemessenes“ Gehalt bekommen würden.

Da wird es sehr komplex. Die Politik wäre am Zug: In welche Bereiche wird investiert? Die Kosten dürfen nicht auf die Betroffenen abgewälzt werden.

Machen diese komplexen Verstrickungen einen möglichen Streik noch schwieriger?

Ja, aber in der Akutpflege ist es weniger die Gehaltsfrage als das Problem mangelnder Personalressourcen. Es gibt keine Sekunde mehr für Beziehungsarbeit, die ein zentraler Aspekt von Pflege ist. In der Langzeitpflege, die zunehmend in privater Hand ist, geht es wie am Fließband zu. Ein zentrales Instrument zur Durchsetzung dieser Fabrikslogik sind im Rahmen der DRG Managementmethoden, das sogenannte Qualitätsmanagement. Die Manager_innen in den Krankenhäusern sind zunehmend eine akademisch gebildete Schicht von Pfleger_innen. Gleichzeitig findet eine Unterschichtung statt, das heißt eine hierarchische Arbeitsteilung von schlechter ausgebildeten und bezahlten Pflegeassistent_innen usw. Da arbeiten fast keine diplomierten Pfleger_innen mehr. Dort kenne ich überhaupt keine Arbeitskämpfe.

Was plant „Care Revolution“?

Man kann Bewegungen nicht erfinden oder planen. „Care Revolution“ kann keine Arbeitskämpfe organisieren, das braucht einen wirklich organisierten rechtlichen Rahmen. Ich bin aber nicht pessimistisch. Streik funktioniert durchaus banaler, als man annimmt. Inzwischen könnte man durchaus sagen, dass der Pflegealltag für die Patient_innen aufgrund der fehlenden Personalressourcen gefährlicher sein kann als ein gut organisierter Streik. Manchmal wachsen die Menschen über sich hinaus. Es ist zwar mühsam, aber nicht hoffnungslos.

 

Anna Leder ist Physiotherapeutin in einem Krankenhaus in Wien und bei „Care Revolution Wien“ aktiv, die sich für die Ausfinanzierung des Gesundheitswesens und bessere Arbeitsbedingungen einsetzt.

 

 

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