eu-kolumne: Mein Brüssel so weiß

Dass Brüssel so weiß ist, merkt man auf den ersten Blick gar nicht. Die Stadt ist divers, jede Zweite hier kommt woanders her. Das ändert sich allerdings schlagartig in der Brüsseler Blase, den EU-Institutionen, dort, wo die Macht angesiedelt ist. Die einzige Woman of Color in einem Raum zu sein, ist Standard. Je höher die Machtposition, desto weißer, und so sind die obersten Entscheidungsgremien quasi durchgehend von weißen Männern besetzt. Die EU-Wahlen stehen vor der Tür. Diesmal geht es um viel, nicht weniger als darum, das gemeinsame Europa vor den Autoritären und Populist*innen zu bewahren. Dennoch scheint es so fürchterlich schwierig, diese Anliegen zu kommunizieren, die Wähler*innen zu begeistern und zum Wählen zu motivieren. Die Menschen in den Institutionen zerbrechen sich die Köpfe: Warum verstehen die Wähler*innen nicht, was auf dem Spiel steht? Warum sind sie apathisch, obwohl dieses einmalige Friedensprojekt gefährdet ist? Die Gründe dafür sind vielschichtig, einer davon ist: Repräsentation. Die Menschen, die ich kenne, und mögen sie noch so frustriert sein, wollen etwas verändern, mitbestimmen, sich einbringen und engagierte Menschen wie sich selbst in der Politik sehen. Aber: Wenn Männer in grauen Anzügen mit homogenem Bildungshintergrund und Lebenslauf so unendlich weit weg von den Lebensrealitäten der Menschen da draußen im immer gleichen Gestus von EU-Gipfeln herab predigen, reißt das verständlicherweise keine*n mehr vom Hocker.
Wenn Europa mehr berühren soll, müssen wir uns mit unseren Repräsentant*innen auch identifizieren können, müssen junge Europäer*innen von überallher auch sehen, dass Menschen, die leben, aussehen und sprechen wie sie und die ihre Struggles kennen, für sie da sind und politisch für sie eintreten. Das europäische Projekt zu einem Herzensanliegen der vielen Europäer*innen zu machen, wird verschiedene Maßnahmen erfordern, es stehen viele Aufgaben an und es wird unterschiedliche Strategien und den Mut brauchen, Dinge ganz neu zu denken. Die Abbildung der vielfältigen Europäer*innen in der politischen Vertretung ist eine dieser Aufgaben. Es geht diesmal um viel. Wenn nicht um alles.

 

Sara Hassan (26) hat die letzten drei Jahre im EU-Parlament gearbeitet. Heute produziert und hostet sie den feministischen Women-of-Color-Podcast „Vocal About It“ und schreibt an einem Guide zur Grauzone sexueller Belästigung.

 

 

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