Das „Internet der Dinge“: Digitale Gewalt wird „smart“

Technische Helfer*innen dringen immer mehr in unseren Alltag ein. FRANCESCA SCHMIDT hat mit LEONIE TANCZER darüber gesprochen, warum die smarten Technologien für Betroffene häuslicher Gewalt ein Risiko darstellen.

 

an.schläge: Sie forschen zu den Auswirkungen des Internet of Things (IoT). Was ist das überhaupt?

Leonie Tanczer: Das „Internet of Things“ oder zu Deutsch das „Internet der Dinge“ ist ein Sammelbegriff für verschiedene internetverbundene Geräte. Gemeinsam konstruieren diese Systeme ein ineinandergreifendes Netzwerk. Simpel formuliert: Ein Gerät spricht zum anderen und sie „kommunizieren“ deshalb alle miteinander. „Smart“ sind IoT-Systeme, weil sie nicht nur Daten sammeln, sondern diese Daten auch untereinander austauschen können und auf Basis dieser Informationen Aktionen tätigen.

Dann sind „Alexa“ oder „Google Home“ auch smarte Technologien?

Ja, klar. Aber auch mit dem Internet verbundene Uhren, Kameras, Fernseher, ja sogar Autos gehören dazu.

Bei diesen digitalen Helfer*innen wie Alexa oder Siri, die mit Frauenstimmen zu uns sprechen, sehen wir eine Vergeschlechtlichung. Ist das bei anderen smarten Technologien auch zu beobachten?

Leider ja. Wir sehen das sowohl in Bezug auf die Entwicklung dieser Geräte als auch in der Techniknutzung. Viele der Geräte sind gegendert, das heißt sie haben nicht nur weibliche Namen, sondern auch weibliche Identitäten und erfüllen „weibliche“ Dienst- und Hilfeleistungen. Das hat natürlich negative Konsequenzen auf die Geschlechterstereotype in der Gesellschaft. Frauen* werden also auch durch diese neuen Systeme auf ihren vermeintlichen Platz in der Gesellschaft verwiesen.

Über digitale Gewalt wie etwa Vergewaltigungsandrohungen auf Sozialen Plattformen oder die Veröffentlichung von Rache-Pornos wird viel gesprochen. Untersuchungen zeigen, dass diese Diskriminierung vornehmlich Frauen*, insbesondere Schwarze Frauen* und Frauen of Color* trifft. Wie verändert sich digitale Gewalt durch das Internet der Dinge?

Die Bandbreite an Systemen, über die man Gewalt erfahren kann, wird sich ausweiten. Gewalt gegen Frauen hat verschiedene Dimensionen – etwa emotionale, finanzielle oder sexuelle. Das Problem ist, dass der technische Aspekt häufig vergessen wird. Ein Beispiel: Stellen Sie sich ein Haus vor, das komplett mit dem Internet verbunden ist. Die Eingangstür machst du mit einer App auf und drinnen ist alles, was man sich so vorstellen kann, auch via Internet steuerbar: das Licht, die Gardinen, die Heizung, der Fernseher, der Herd, der Kühlschrank. Internet-Recherchen und getätigte Aktivitäten sind sowohl mit dem Laptop, dem Smartphone und dem Tablet abrufbar und können auch durch „Smart Speaker“ wie einem Amazon Echo gemacht und geprüft werden. Und dafür muss man nicht einmal physisch zu Hause sein. Bedenkt man, wie viele Partner*innen sich Konten und Passwörter teilen, welche persönlichen Daten diese Systeme sammeln und wie häufig diese Systeme auch mit einem Bankkonto verbunden sind, dann kann man sich ausmalen, wie diese Funktionalitäten in einer gewalttätigen Partner*innenschaft ausgenützt werden.

Das heißt, das Problem liegt nicht bei der Technik, sie ist neutral, gewalttätig ist alleinig ihre Anwendung?

Oh nein, Technik ist nie neutral. Das sehen wir eben z. B. an der Vergeschlechtlichung von Siri, Alexa und Co. Ein Problem ist u. a., dass die Entwickler*innen dieser Geräte immer nur an die „optimale“ Nutzung denken, nie aber an Grenzfälle oder den Missbrauch dieser Systeme. Es ist ja schön und gut, dass ich mich überall mit Facebook anstelle meiner E-Mail-Adresse und einem neuen Passwort registrieren kann, wir 24/7 unsere Ortungsdaten teilen können, oder Alexa „hunches” – sprich vermutet –, dass ich krank bin und mir deshalb Hustenstiller verkaufen möchte. Aber wenn ein*e Partner*in mehr Kontrolle, Wissen oder Zugang über diese Geräte hat als die Personen, die von diesen Systemen betroffen sind, dann wird die vermeintliche Neutralität von Technik sehr fraglich. Das zeigt sich für mich auch darin, dass IoT-Systeme bald einschreiten können, wenn sie häusliche Gewalt registrieren.

Das hieße dann aber, dass „smarte“ Geräte wissen würden, was Gewalt ist. Das zu beurteilen fällt ja schon manchen Menschen schwer.

Ja, das stimmt. Mit einer entsprechenden Programmierung könnte eine Normierung von häuslicher Gewalt einhergehen. Zusätzlich problematisch ist, wenn die Entscheidung, Hilfe zu suchen oder die Beziehung zu beenden, an die Technik delegiert werden kann. So löblich das Ziel sein mag, es untergräbt die Eigenständigkeit von Betroffenen und kann dazu führen, dass sie noch weiter gefährdet werden. An dieser Stelle möchte ich auch sagen, dass diese Geräte auch sehr wohl positive Effekte haben können. Sei es, dass digitales Beweismaterial gesammelt werden kann oder Hilferufe entgegengenommen werden können.

 

© Hideyuki Ando, Tomofumi Yoshida, Junji Watanabe

© Hideyuki Ando, Tomofumi Yoshida, Junji Watanabe

 

Wir sprechen insbesondere von Frauen* als Betroffenen von digitaler Gewalt mittels „smarter“ Systeme. Gibt es hier verlässliche Zahlen?

Nein, leider können wir nur Vermutungen anstellen. „Refuge“, eine britische Organisation, die bei häuslicher Gewalt hilft, ist eine der ersten Betreuungsstellen, die den Faktor „technische Gewalt“ in ihre Datenbank aufgenommen haben. 2018 waren es von Januar bis August bereits 920 registrierte Fälle. Natürlich ist die Zahl der Betroffenen viel höher, denn „Refuge“ erreicht ja auch nur eine bestimmte Zielgruppe. Genau deshalb arbeiten wir für unser Forschungsprojekt mit verschiedenen Beratungsstellen zusammen. Wir weisen sie darauf hin, dass wir genau diese Zahlen brauchen, um einen besseren Überblick über dieses aufkommende Phänomen zu haben und prozessuale, legale oder technische Lösungen erarbeiten zu können.

Wie können Betroffene Hilfe suchen?

Leider gibt es keine einheitliche Lösung. Unser Forschungsteam hat sowohl für Betroffene als auch für Institutionen wie Frauenhäuser einen Guide und eine Ressourcen-Liste erstellt. In diesen Dokumenten klären wir über Funktionalitäten, Risiken und technische Maßnahmen auf. Wer glaubt, betroffen zu sein, sollte sich Hilfe bei entsprechenden Beratungsstellen, aber auch der Polizei suchen. Es ist extrem wichtig, dass Schritte im Einklang mit einer gesamten Risikobewertung einer Person gesetzt werden, damit man die*den Betroffene*n nicht weiter gefährdet. Deshalb: am besten professionelle Hilfe holen und im Zweifelsfall lieber zweimal nachfragen.

Das hört sich ja alles ziemlich dystopisch an. Welchen Handlungsspielraum sehen Sie? Was ist zu tun?

Meine Wunschliste ist lang! In Bezug auf Politik und speziell die EU würde ich mir klare Regulierungen für IoT-Systeme wünschen. Weg von der Freiwilligkeit, wie sie derzeit gilt, hin zu gesetzlichen Regelungen, Haftungs- und Updatepflichten. Ich möchte Sicherheit haben, dass ein IoT-Gerät, das ich kaufe, definitiv sicher und auf dem neusten Stand der Technik ist und – das ist wichtig – es auch bleibt.
Von Industrieakteur*innen erwarte ich mir, dass sie sich proaktiv mit den neusten Sicherheitsstandards und Richtlinien auseinandersetzen, diese in ihre Systeme einbauen, sie konstant warten, Sicherheitstests durchführen und sich strikt an die Datenschutz-Grundverordnung, die seit Mai dieses Jahres in Kraft ist, halten.

Und aufseiten der Zivilgesellschaft?

Freiwillige Organisationen wie Frauenhäuser oder andere NGOs, aber auch die Polizei müssen darauf vorbereitet werden, wie sich die technischen Bedingungen gerade ändern. Das heißt: Es braucht Fördergelder, um Trainings anzubieten und technische Expertise in diesen Institutionen zu fördern. Unser Forschungsteam organisiert z. B. eine CryptoParty – ein digitales Sicherheitstraining für Beratungsorganisationen, wo wir genau das versuchen umzusetzen.
Und von Nutzer*innen erwarte ich mir mehr Technikkritik und ein stärkeres Bewusstsein für Sicherheit und Privatsphäre. Tipps, wie man sich sicherer in dieser digitalen Welt bewegt, kann man sich auf CryptoPartys holen, die auch in Österreich angeboten werden.

 

Francesca Schmidt, Referentin für feministische Netzpolitik im Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie, Vorständin von netzforma* e.V. – Verein für feministische Netzpolitik und von FFBIZ e.V. – Das feministische Archiv.

 

Leonie Tanczer forscht am University College London zu Technik, Sicherheit und Geschlecht. Derzeit untersucht sie die Auswirkungen von „smarten“, internetverbundenen Technologien auf Betroffene von häuslicher Gewalt.

 

 

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