neuland: „Humpelkumpel“

alltägliche grenzerfahrungen

 

Im Café, in dem ich diesen Text gerade verfasse, begrüßt mich der Kellner eben mit „Hey – geht’s besser? Wo ist deine Gymnastikfreundin?“ Er ist einer von vielen, die in den letzten Wochen die Grenzen des Humors enthusiastisch etwas überstrapaziert haben.
Meine „Gymnastikfreundin“ ist Bee, die Leute fragen uns gerne, ob wir uns auf Reha kennengelernt haben oder ob mit Krücken auszugehen nun der neue Style wäre. Bee und ich kennen uns seit bald 17 Jahren. Sie ist seit Langem aus verschiedenen Gründen auf Krücken angewiesen und ich eben temporär – nach meinem Eislaufunfall, der hier schon Thema war.
Stück für Stück erkämpfe ich mir in den letzten zehn Wochen meinen Alltag zurück – Aufzüge, Taxis, achtsame, empathische, flexible Freund*innen und Kolleg*innen sind dabei eine große Hilfe. Irgendwann will ich auch die Zerstreuung und die Nacht zurück. Bee und ich sind gut darin, uns Nächte um die Ohren zu schlagen. Mein Unfall hat meine Wahrnehmung verändert und geschärft, gegenüber dem gesellschaftlichen Umgang mit Verletzung, Krankheit und Behinderung, gegenüber meiner eigenen langjährigen Ignoranz. Die Frage „Was ist dir passiert?“, meist gefolgt von einer ausführlichen Erzählung der letzten eigenen Verletzungserfahrung, hat erstmals in meinem Leben die immerwährende Frage nach meiner Herkunft abgelöst. So bin ich nun quasi zur Unfallexpertin geworden.
Zurück zu meinen nächtlichen Ausflügen mit Bee: zwei junge Menschen auf Krücken, die Leute bekommen Lachkrämpfe, reißen Witze, wissen nicht, wann sie aufhören sollten, fühlen sich unentwegt zu Kommentaren bemüßigt – macht man sie darauf aufmerksam, wird’s noch lustiger. Die Ursache ist wohl eine Mischung aus Ignoranz und Unbehagen.
Woher rührt dieses Unbehagen, das aufkommt, wenn die Exklusivität von Räumen durch Vielfalt gebrochen wird? Es sind paradoxerweise genau jene Menschen, die gegen exklusive Schutzräume wettern, die sich von Diversität in ihrem Alltag so unheimlich bedroht fühlen.

 

Djamila Grandits ist Kuratorin und lebt in Wien, zehn Wochen nach ihrem Eislaufunfall tanzt sie nun wieder durch die Nacht – zum Gehen trägt sie manchmal noch Krücken mit sich herum.

 

© Sabrina Wegerer

© Sabrina Wegerer

 

 

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