an.sehen: Poesie statt Politik

„Auf der Suche nach Oum Kulthum“ ist ästhetisch formvollendet und narrativ komplex, bleibt inhaltlich aber saftlos. Von MAXI BRAUN

 

Eine Frau im grünen Kleid schreitet durch endlos verschachtelte Räume. Eine jüngere Frau folgt ihr, sie ist ganz in Schwarz gekleidet, trägt einen modernen Kurzhaarschnitt. Die ersten sechs Minuten des Films, der immerhin von einer der berühmtesten Sängerinnen der arabischen Welt handelt, kommen gänzlich ohne Ton aus. Jede Einstellung ist durch Türen und Flure abermals gerahmt, horizontal wie vertikal wiederholt sich die Quadrierung und schafft so ein Bild im Bild. Diese Exposition nimmt visuell schon die verschachtelte Narration vorweg, die kunstvoll das Leben Oum Kulthums mit den Figuren im Film, aber auch mit dem Leben der Regisseurin Shirin Neshat verwebt.

Arabischer Superstar. „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ ist kein Biopic über die „Maria Callas des Orients“, die in der gesamten arabischen Welt eine Ikone, in Europa aber kaum bekannt ist. Oum Kulthums Leben (um 1904-1975) überdauerte verschiedene Systemwechsel des Landes, von der britischen Besatzung über die Zeit als Königreich bis hin zur Republik. In den 1940ern/50ern erlangte sie Weltruhm und begeisterte mit ihrer außergewöhnlichen Stimme alle Gesellschaftsschichten. Bei ihrer Beerdigung säumten Millionen Menschen die Straßen Kairos. Im Mittelpunkt des Films steht aber nicht Oum Kulthum, sondern die Regisseurin Mitra (Neda Rahmanian), die den Film im Film „Voice of Egypt“ über das Leben der Ikone drehen will. In der Titelrolle besetzt sie die junge, ägyptische Laiendarstellerin Ghada (Yasmin Raeis) ihrer starken Stimme wegen und zunächst läuft alles perfekt. Doch nach anfänglicher Euphorie kippt die Stimmung am Set: Mitra erhält beunruhigende Nachrichten von ihrem Sohn, den sie in Iran für ihre Karriere zurückgelassen hat. Sie drangsaliert ihre Hauptdarstellerin und streitet mit Schauspieler Ahmed, der sie wegen ihres Geschlechts und ihrer Herkunft ablehnt. Mitra droht zusammenzubrechen.

 

Auf der Suche nach Oum Kulthum © Filmladen

Auf der Suche nach Oum Kulthum © Filmladen

 

Glücksversprechen. Shirin Neshat hat ihre Karriere als Fotografin und Videokünstlerin begonnen. Sie stammt aus Iran und studierte in den USA, wo sie seit 1996 dauerhaft lebt. Mit der Fotoserie „Women of Allah“ (1993-1996) begann sie, die Rolle und die Rechte von Frauen in der arabischen Gesellschaft zu thematisieren. In ihrem ersten Spielfilm „Women without Men“ (2009) sind Frauen außerhalb eines magischen Gartens Opfer und Objekte patriarchaler Macht, die bedroht, vergewaltigt oder lebendig begraben werden. Ihre Körper sind der Ort, an dem Macht verhandelt wird. In „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ ist die Situation anders. Mitra hat sich emanzipiert und Iran den Rücken gekehrt, um sich künstlerisch zu entfalten. Sie hat auf ein traditionelles Leben verzichtet, ihren Mann und ihren Sohn zurückgelassen. Als Regisseurin behauptet sie sich in einer Männerdomäne. Das ungleiche Maß, mit dem Frauen und Männer nicht nur in der arabischen Welt, sondern auch im Westen beurteilt werden, schwingt hier viel subtiler in Form des neoliberalen Glücksversprechens mit, das verheißt: Eine Frau kann alles sein und haben, solange sie bereit ist, dafür alles zu opfern. Auch Oum Kulthum widersetzte sich Traditionen, hielt ihre Beziehungen geheim und blieb unverheiratet und kinderlos.
Müssen Frauen auf dem Weg an die Spitze zu Männern werden, bzw. stereotyp männlich konnotierte Verhaltensweisen adaptieren? Durch diese Fragestellung hätte „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ das Potenzial für einen politischen Film gehabt. Shirin Neshat hat sich aber für die Poesie entschieden und so verliert sich diese Frage in den von Kameramann Martin Gschlacht kunstvoll inszenierten Räumen.
Als sich Mitras Sicht auf Oum Kulthum ändert und sie das Ende des Biopics umschreiben will, lehnen die Produzenten ab. Mitra akzeptiert dies ohne Widerstand und verlässt das Set. Auf einer persönlichen Ebene trifft sie damit eine legitime, individuelle Entscheidung. Als Aussage, die am Ende des Films steht, ist das aber nicht besonders empowernd. Was bleibt, ist ein in seiner Ästhetik formvollendeter, sehr persönlicher Film, der aber keine Position bezieht und dessen lose Enden unverknüpft bleiben.

 

Maxi Braun arbeitet als freiberufliche Journalistin mit den Schwerpunkten Film und Feminismus im Ruhrgebiet.

 

Auf der Suche nach Oum Kulthum
Regie: Shirin Neshat (in Zusammenarbeit mit Shoja Azari)
Deutschland, Österreich, Italien 2018
ab 15. Juni im Kino

 

 

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.