an.spruch: Für wen kämpfen wir?

Ist Queerfeminismus der neue Differenzfeminismus? KATHARINA RÖGGLA übt Kritik an der Konkurrenz in feministischen Szenen.

 

Die Frage, für wen der Feminismus kämpft, ist mindestens so alt wie die Frauenbewegung. Und mindestens so alt wie diese Frage ist der Vorwurf, feministische Kämpfe würden sich nur für die Interessen einiger weniger Frauen einsetzen. Tradition hat dabei die Anschuldigung, der Feminismus sei bourgeois und würde nur die Interessen bürgerlicher Frauen vertreten. Dieser Vorwurf ist derzeit weniger modern, dafür wird momentan vor allem ein anderes Argument ins Feld geführt: Frauenkämpfe würden nur für cis Frauen gekämpft, trans Frauen und Non-Binaries hätten darin keine Lobby.

Nicht ganz falsch. Ohne die Parallelen überstrapazieren zu wollen, geht es im Kern doch bei beiden Vorwürfen um dieselbe Frage: Wie partikular werden feministische Kämpfe geführt? Beide Vorwürfe sind natürlich nicht ganz falsch. Ja, es gab eine bürgerliche Frauenbewegung, die sich herzlich wenig für die Interessen proletarischer Frauen interessierte und deren aktuelle Entsprechung sich im weichgespülten Gender Mainstreaming kapitalistischer Institutionen findet. Genauso wie es Strömungen im Feminismus gibt, die Frausein aufs Gebären-Können reduzieren. Die Frage, wer das revolutionäre Subjekt feministischer Kämpfe sein soll, war damals wie heute aktuell – zunächst zu Recht angeprangert von der Schwarzen Frauenbewegung, derzeit vor allem um die Frage nach geschlechtlicher Identität erweitert. Für wen also kämpfen wir? Und wer ist dieses Wir, das ja sowohl gesellschaftlich konstruiert wird als auch strategisch formuliert werden kann?

 

Illustration: Sabrina Wegerer

Illustration: Sabrina Wegerer

 

Niemandem etwas wegnehmen. In einem, wie ich finde, höchst amüsanten Move fasst Koschka Linkerhand den Queerfeminismus als extreme Form des Differenzfeminismus. (1) Anstatt sich auf ein gemeinsames – gesellschaftlich konstruiertes – Subjekt Frau zu beziehen, wird eine möglichst umfassende Aufzählung von Identitäten angestrebt, die, Anerkennung fordernd, nebeneinander stehen. Das Partikulare wird damit konstituierend, die Differenz in den Vordergrund gestellt – und die Analyse patriarchaler Zustände rückt in den Hintergrund. „Der Punkt ist, dass der Queerfeminismus die grundlegende feministische Anklage, die der Frauenunterdrückung, nicht mehr auf den Punkt zu bringen vermag“, schreibt Linkerhand. Deutlich wird das z. B., wenn in einem Aufruftext zum 8. März betont wird, dass der Frauenkampftag doch niemandem etwas wegnehmen möchte: „Dafür zu kämpfen, dass Frauen*organisationen finanziell besser unterstützt werden, heißt nicht, dass andere benachteiligte Gruppen weniger bekommen sollen. […] Dafür zu kämpfen, dass es mehr günstigen Wohnraum für Alleinerziehende oder mehr Frauen*häuser gibt, heißt nicht, dass es dadurch weniger Platz für Geflüchtete geben soll.“ Diese scheinbare Konkurrenz zwischen den Gruppen entsteht vor allem, wenn in partikulären Interessen anstatt in strukturellen Dimensionen gedacht wird. Sonst wäre es nämlich naheliegend, nicht nur festzustellen, dass es natürlich auch wohnungslose oder geflüchtete Frauen gibt, sondern auch danach zu fragen, was denn die Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Frauengruppen sind.
Auflösbar wäre der scheinbare Widerspruch zwischen partikularen und übergreifenden Interessen nämlich vor allem in einer kritischen Analyse gesellschaftlicher frauenunterdrückender Zustände. Frauen – und zwar alle – sind überdurchschnittlich oft von sexueller Gewalt betroffen, dürfen nicht immer selbst entscheiden, ob sie Kinder haben oder Schwangerschaften austragen wollen, fühlen sich systematisch nicht hübsch und weiblich genug, werden zu oft nicht ernst genommen, werden automatisch für Reproduktionsarbeiten verantwortlich gemacht und geraten häufig in ökonomische Abhängigkeit von männlichen Partnern oder in Gewaltbeziehungen. Ein Feminismus, der sich nicht dem Vorwurf der Bürgerlichkeit aussetzen will, braucht die Analyse von Kapitalismus und Staat. Und ein Feminismus, der Differenzen zwischen Frauen anerkennen und sich trotzdem nicht in partikulären Interessen verlieren will, braucht eine umfassende Auseinandersetzung damit, wie es um das Patriarchat bestellt ist.

 

Katharina Röggla lebt in Wien und sehnt sich nach einer antiautoritären, antirassistischen und feministischen Bewegung.

 

(1) Koschka Linkerhand zum politischen Subjekt Frau, im gerade erschienenen und auch von ihr herausgegebenen Band „Feministisch Streiten“ aus dem Querverlag. Eine Lese- und Diskussionsempfehlung – nicht nur weil ein Artikel von mir drin ist.

 

 

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