lebenslauf: Totentänze und Klageweiber

auch feministinnen altern

 

Es gibt so viele Möglichkeiten, tot zu sein! Alles kann, nichts muss, wenn man standesgemäß beziehungsweise verstandesgemäß unter die Erde will. Man ist inzwischen so überfordert vom Planen des Totseins wie vom Planen des Lebendigseins. Hört das denn nie auf? Ewige-Ruhe-Schnäppchen! Was es nicht alles gibt, wenn es eine nicht mehr gibt. Wen wurmt die Vorstellung der bodenständigen Variante nicht? Dann vielleicht Weltall statt Erdgeschoß? – für die, die ganz hoch hinaus wollen. Oder, statt aschgrau den Abfluss zu verstopfen, ein schillernder Diamant sein? Und einem/einer Auserwählten („Ich hänge so an dir!“) am Hals hängen.
Aber jetzt soll der letzte Trip auch noch Happy-Hour-Flair haben. Sonst kommt vielleicht keiner! Wenn alles so todernst ist, auch noch so ganz ohne Himmel, das vertragen die meisten nicht mehr, es geht ihnen zu sehr unter die Haut.
Deswegen seid lustig! Kommt bunt angezogen! Lieber Tänze als Tränen! Wir müssen von anderen Kulturen lernen, dauernd gibt es Berichte, wie toll es woanders ist, tot zu sein oder zu trauern. Der Tod ist eine Mordsgaudi, nur hier bei uns nicht, hier ist es todlangweilig, es herrscht Grabesstimmung. Die Mexikaner_innen schlecken Zuckertotenschädel, in Serbien spendieren sie den abgefahrenen Vorfahren Zigaretten, die Russ_innen tanzen Kasatschok auf der Oma. Sie haben sie mit Wodka gegossen. Bloß keine Grabesmienen! Lustig!
Toller Trauertrend, ist es so lustig, wenn alle lustig sind und man selber ist nicht mit dabei? Sie sind sogar lustig, weil man nicht mit dabei ist! Und so etwas soll die Verblichene auch noch fördern, es sogar noch organisieren und bezahlen, will sie keine Spaßverderberin sein.
Aber das Leben ist doch nicht immer lustig! In Tiefschwarz sollen sie kommen und herzzerreißend wehklagen, notfalls sollen Klageweiber gebucht werden (ich weiß nicht, ob Klagemänner kompetent genug wären). Sie sollen sich auf die Erde schmeißen, sich die Haare ausreißen, die Klamotten zerreißen, wie es sich gehört. Und sie sollen untröstlich sein, wenigstens einen schicklichen Moment lang, und sie sollen heucheln und Tränen verdrücken und runterschlucken, sich gegenseitig bebeileiden und verdammt noch mal leiden. Wenigstens kurz, ist das zu viel verlangt?

 

Michèle Thoma erbittet angesichts des Angebots Bedenkzeit.

 

Kolumne Lebenslauf

Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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