positionswechsel: Petting mit Dr. Sommer

eine lady genießt und schreibt

 

Die „Bravo“ ist vor Kurzem sechzig geworden. Mit geschrumpfter Auflage hält sie sich auch im Internet-Zeitalter über Wasser, doch ihren eigentlichen Auftrag hat sie wohl verloren: die Sexual-Aufklärung. Für Teenager wie mich, die in einem Dorf ohne Internetanschluss aufwuchsen (das könnt ihr Millennials euch doch gar nicht mehr vorstellen!), war die „Bravo“ (abseits von schlüpfrigen Reportagen zu später Stunde auf RTL 2 und einer hin und wieder ergatterten „Praline“) der Zugang zur Welt des Pettings und des frühzeitigen Samenergusses. Von Dr. Sommer lernte ich wirklich Fundiertes. Akribisch sammelte ich die Informationen über alle möglichen Wege, schwanger zu werden oder sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken. Geduldig beantwortete indes das Ratgeber-Team gefühlte 5.000 Mal die Fragen „Kann ich im Badewasser schwanger werden?“ und „Ist mein Penis zu klein?“ und erklärte, dass es völlig normal sei, sich gleichgeschlechtlich zu verlieben. Gut möglich, dass ich meinen „Bravo“-Aufklärungsunterricht im Rückblick verkläre, aber in meiner Erinnerung ist er unter der Kategorie „pädagogisch wertvoll“ abgespeichert. Entsprechend schockiert hat mich ein Blick auf die aktuelle Website mit Themen wie: „Auf welche Sexstellung stehen Jungs am meisten?“ und „Bei welcher Sexstellung verbrennt man am meisten Kalorien?“. Es kommt noch schlimmer: „Zögerst Du seinen Einsatz ein bisschen heraus, indem du ihn nicht sofort ranlässt, ist ihm bald jede Stellung Recht“, ist in einem Text zu lesen. Der Backlash hat bei der „Bravo“ voll zugeschlagen. Da passt der Shitstorm, den im vergangenen Jahr ein Artikel mit hundert Tipps, um Jungs aufzufallen, zum Glück ausgelöst hat, gut ins Bild. Höchste Zeit, beim Kult-Jugendmagazin wieder Alt-68er für den Sex-Content zu beschäftigen – oder besser noch: Mich zu rekrutieren! Wer könnte besser über Sex aufklären als eine Feministin?

 

Lotta Luise fragt sich immer noch, ob das Bild in der „Praline“ von zwei Typen mit Penissen bis zu den Kniescheiben echt war.

 

Illustration: Nadine Kappacher

Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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