an.sprüche: Nachhaltige Gewissensfragen

Wir lügen uns mit unserem nachhaltigen Konsum selbst in die Tasche, meint BRIGITTE THEIßL.

 

Kennt ihr die Geschichte vom Wiener Porsche-Cayenne-Fahrer, der wochenends im Burgenland Bio-Erdäpfel ab Hof kauft? Ob urbane Legende oder nicht, über Bobos zu witzeln macht Spaß – vielleicht auch, um das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen. „Beruflich über Leichen gehen, aber mit Bio-Resonanz”, so hat es Josef Hader einmal formuliert. Aber ist ein bewusster und kritischer Konsum nicht politisch höchst relevant? Jein. Die Verflechtungen einer globalisierten Wirtschaft sind heute so komplex, dass es für Einzelpersonen unmöglich ist, sie zu durchschauen. Kann der Boykott von Textilunternehmen, die in Bangladesch produzieren, letztendlich kontraproduktiv sein? Oder das Verbot eines Herbizids den Einsatz von Chemikalien befördern, die die Umwelt noch stärker belasten? Und das ist nicht das einzige Problem: Unternehmen wissen, dass „ethischer“ Konsum, Umweltbewusstsein und Bio schick sind, und stellen sich darauf ein. Unzählige Gütesiegel gibt es mittlerweile, die zum Teil auf sehr fragwürdigen Standards beruhen und nicht immer unabhängigen Kontrollen unterliegen, selbst am Fair-Trade-Siegel wurde bereits berechtigte Kritik formuliert. Überhaupt sind Bio, Fair Trade und Fleischverzicht nach wie vor Sache einer Minderheit bzw. kaufkräftigen Elite. Der Fleischkonsum in Österreich stagnierte zuletzt auf hohem Niveau – die industrielle Fleischproduktion muss trotz Mega-Trend Veganismus keineswegs um ihr Überleben bangen. Wer also keinerlei tierische Produkte konsumiert, hält den eigenen Körper und das Gewissen rein, hat aber für den Tierschutz aufgrund der vernachlässigbaren Effekte auf Landwirtschaft, Produktion und Handel de facto nicht wirklich etwas getan. Auch teure Bio-Lebensmittel sind nach wie vor Nischenprogramm, auf den Feldern mancher ErzeugerInnen wachsen konventionelle und biologische Früchte nebeneinander. In Deutschland werden rund sechs Prozent der landwirtschaftlichen Flächen biologisch bewirtschaftet, Österreich steht mit zwanzig Prozent an der Weltspitze. Das wichtigste Motiv von VerbraucherInnen für den Griff zum biologischen Nahrungsmittel ist übrigens, sich selbst und der Gesundheit etwas Gutes zu tun – nicht der Umwelt. Bewusster Konsum ist heute vielfach Teil eines öffentlich inszenierten Lifestyles und dient der sozialen Distinktion, was selbst von den Grünen Parteien aufgegriffen wird. Die Deutschen Grünen sorgten vor einigen Jahren mit dem Vorschlag eines „Veggie Days“ für Kontroversen, die österreichischen Grünen haben die Forderung nach dem Vorrang für Bio in Schulen und Kindergärten im Sozialprogramm untergebracht. Auf ihrer Website raten sie unter anderem zur „Politik mit dem Einkaufswagen“, denn die Forderung nach radikalem Verzicht würde wohl selbst beim Grünen Klientel nicht gut ankommen. Unterstützt wird das durch bunte Werbung mit Tierkindern, durch Wien spazieren täglich hunderte „Bio macht schön“-Stoffbeutel (was auf Umwegen sogar richtig ist: Wohlhabende Menschen haben nicht nur eine höhere Lebenserwartung, sondern können sich z.B. auch den besten Zahnersatz leisten). Diese Entpolitisierung von Umweltschutz und Nachhaltigkeit könnte Folgen haben, denn die Konsumentscheidungen Einzelner werden den Planeten nicht retten. Was es vielmehr braucht, sind politische Kollektive, die Druck ausüben und im Austausch zu neuen Ideen finden. Seit 2009 ist die Käfighaltung von Hühnern in Österreich verboten. Das Gesetz ist zu einem großen Teil auf das erfolgreiche Lobbying von Tierschutzorganisationen zurückzuführen, deren VertreterInnen vermutlich selbst gar keine Eier konsumieren. KonsumentInnen haben jetzt also gar nicht mehr die Möglichkeit, nach dem billigeren (österreichischen) Käfig-Ei zu greifen. In großen Zusammenhängen gedacht, wird effektiver Umwelt- und Klimaschutz ohne strenge Gesetze, die mitunter harte Einschnitte mit sich bringen, nicht machbar sein. Natürlich ist es gut, im Kleinen anzufangen. Eine „Es bringt ja eh nichts”-Haltung ist angesichts erschreckender Prognosen in Sachen Klimawandel verheerend. Aber wer meint, (trotz jährlicher Flugreise) mit dem Verzicht aufs Auto in der Stadt und Bio-Karotten einen ökologischen Wandel herbeizuführen, lügt sich nur selbst in die Jute-Tasche.

 

Brigitte Theißl bekam als Kind Weihnachtsgeschenke mit „Der Umwelt zuliebe ohne Geschenkpapier“-Aufklebern, besitzt kein iPhone und hat das Gefühl, beim Kauf von Fleisch aus nicht artgerechter Bio-Landwirtschaft würde ihr sofort ein Arm abfallen.

 

Aus den Serien „Environmental Refugees“ / „This Fishing Life“ © Arati Kumar-Rao

Aus den Serien „Environmental Refugees“ / „This Fishing Life“ © Arati Kumar-Rao

 

INA FREUDENSCHUß hingegen hat genug vom „Bio-Bashing“ und dem Herziehen über grüne „Luxusprobleme“.

 

Ja, es stimmt: Bio-Lebensmittel muss man sich leisten können. Und auch das Elektroauto ist noch immer nicht konkurrenzfähig mit den sonstigen motorisierten Individual-Verkehrsmitteln, die unser Wirtschaftssystem definieren. Wenn die Rede auf eine nachhaltige Lebensweise kommt, lautet das zentrale Argument von links deshalb fast immer: „Luxusprobleme“.
Die ökologischen und sozialen Auswirkungen des Klimawandels sind es aber leider nicht. Dieser verändert nicht nur „irgendwie“ die Landschaft und lässt „ein paar Inseln“ untergehen, sondern er heizt bereits jetzt Konflikte um Ressourcen im globalen Süden an, er beschleunigt in dieser Sekunde die Landflucht und er verschlechtert ausgerechnet heute die Lebensmittelsicherheit in den betroffenen Ländern. Besonders schwerwiegend im globalen Gerechtigkeitsdiskurs: Jene Menschen, die historisch gesehen am wenigsten zum Anstieg der CO2-Emmissionen beigetragen haben, also mit ihrem Lebensstil den geringsten Fußabdruck auf der Erde produzieren, sind am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen. Doch auch Europa wird die Folgen des Klimawandels deutlich zu spüren bekommen.
Umso mehr erstaunt es, wenn sich jene Gruppen, die sich sonst für gerechtere Strukturen auf globaler wie lokaler Ebene einsetzen, in Sachen Umweltpolitik hauptsächlich mit „Bio-Bashing“ begnügen.
Grundsätzlich ist das Wissen, dass kritischer Konsum nicht reicht, natürlich wertvoll im Kampf gegen die Klimakatastrophe. Der Einsatz gegen ressourcenzerstörende, CO2-intensive Landwirtschaft darf sich nicht auf individuelle Konsumentscheidungen für regionale, saisonale Bio-Produkte beschränken. Natürlich braucht es vor allem staatliche und globale Regulierungen, die menschliches Wirtschaften in nachhaltige Bahnen lenken. Gleichzeitig ist die individuelle Konsumentscheidung jedoch ebenso ein wichtiger Hebel zur Veränderung, weil zahlreiche Produkte des täglichen Lebens westlicher Prägung besonders ressourcenintensiv hergestellt werden. Konsumieren ist zudem eine Kulturtechnik, über die das Wir-Gefühl einer breiten ökologischen Bewegung gestärkt werden kann, die es zweifelsohne braucht, um die globalen Wirtschaftseliten zum Umdenken zu bewegen.
Oftmals wird argumentiert, die Öko-Bewegung sei im Kern klassistisch, weil sie der Unter- und Mittelschicht das Konsumieren verbieten und damit ihren „Aufstieg“ im herkömmlichen Sinn verhindern will. Dabei wird übersehen, dass die Forderung nach einem kritischeren und damit letztlich geringeren Konsum hauptsächlich an die wohlhabende Mittel- bis Oberschicht gerichtet ist: Diese trägt mit ihrem Lebensstil am meisten zum schädlichen CO2-Ausstoß bei. So betrachtet ist es einfach nur gerecht, dass Leute mit dem nötigen Kleingeld angemessen(er) für die Dinge des täglichen Lebens bezahlen und in den Bio-Supermarkt oder auf den Wochenmarkt gehen.
Naomi Klein hat in ihrem Buch „Die Entscheidung“ klar dargelegt, dass die Bekämpfung bzw. Eindämmung des Klimawandels nichts anderes heißt als die Bezwingung des herkömmlichen auf Kohle und Öl basierenden globalen Kapitalismus. „System change, not climate change“ lautet die Devise inzwischen in zahlreichen umweltpolitischen Initiativen. Die Klimakatastrophe birgt die Chance, den Kampf gegen den Kapitalismus ideell neu zu befeuern und weitere Gesellschaftsschichten dafür zu gewinnen. Dieser Umstand müsste linken SystemkritikerInnen eigentlich eine Freude sein, jedoch nur wenn sie bereit sind, sich über habituelle Unterschiede hinweg zu solidarisieren. Über Konzepte von „Nachhaltigkeit“ einfach nur zu spotten, ist zu wenig. Ja, es legt sogar den Verdacht nahe, dass man dadurch einfach nur von der eigenen Untätigund Ratlosigkeit ablenken will. Wer es sich leisten kann, sollte Bio kaufen.

 

Ina Freudenschuß fände es gut, wenn die Leute ihr persönliches CO2-Konto so scharf im Blick hätten wie ihre Kalorien-App.

 

 

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