Widerständige Pionierin

Die 1942 vom NS-Regime ermordete KÄTHE LEICHTER war Vordenkerin in vielerlei Hinsicht. Helene Maimann erzählt in ihrem Dokumentarfilm vom Leben der linken Visionärin und Wissenschaftlerin. Von BRIGITTE THEIßL

 

„Wer diese Arbeit ohne Kenntnis ihres Ursprungs liest, würde gewiss auf einen erfahrenen in handelspolitischen Geschäften ergrauten Staatsmann als Verfasser raten; es ist in der Tat erstaunlich, dass ein junges Mädchen nicht nur dieses riesige Material zusammenzubringen (…), sondern namentlich mit solcher Sicherheit die wirtschaftspolitischen Zustände (…) zu kennzeichnen verstanden hat.“ Das „junge Mädchen“, von dem in diesem Gutachten die Rede ist, ist die 22-jährige Käthe Leichter, die 1918 an der Universität Heidelberg beim berühmten Soziologen Max Weber promoviert. Um ihre Doktorprüfung ablegen zu können, reiste die gebürtige Wienerin mit einer Sondergenehmigung nach Deutschland – aufgrund ihres Engagements in den studentischen Antikriegsprotesten war ihr die Einreise für die Dauer des Ersten Weltkriegs verboten worden. Käthe Leichter, 1895 als Marianne Katharina Pick in eine großbürgerliche, jüdische Familie geboren, beschäftigt sich früh mit politischen Fragen, als eine der ersten Frauen in Österreich studiert sie Staatswissenschaften, politische Ökonomie, Geschichte und Statistik. Eine wissenschaftliche Karriere, die sie zunächst anstrebt, bleibt ihr verwehrt, stattdessen wird ihr 1925 eine Stelle in der Arbeiterkammer vermittelt, wo sie das Frauenreferat aufbaut. Schnell gewinnt sie dort die Zuneigung und den Respekt ihrer Kolleginnen, mit deren Unterstützung sie auch als erste Frau zur Betriebsrätin gewählt wird.

Wegweisende Studien. Die Forschungsarbeit, die Leichter leistete, hat die Historikerin und Filmemacherin Helene Maimann zum Fokus ihres Dokumentarfilms gemacht, der im ORF am Internationalen Frauentag gezeigt wird. „Käthe Leichter war die ‚Mutter der Frauenforschung‘, die weltweit Erste, die das Leben von (arbeitenden) Frauen mit den damals modernsten sozialwissenschaftlichen Methoden in großen Samples untersucht hat. Sie hat nicht den Blick auf die Frauen als ‚Studienobjekt‘ von oben gerichtet, sondern sowohl qualitative wie quantitative Studien unter Einbeziehung der Frauen selbst gemacht“, sagt Maimann. Die erste große Untersuchung des Frauenreferats der Arbeiterkammer Wien, die unter der Leitung von Käthe Leichter entsteht, erscheint 1927 unter dem Titel „Frauenarbeit und Arbeiterinnenschutz in Österreich“. Es folgen weitere systematische Erhebungen, die sich auf die Arbeitsbedingungen von Frauen konzentrieren: „Wie leben die Wiener Heimarbeiter?“ (1928) und „So leben wir. 1.320 Industriearbeiterinnen berichten über ihr Leben“ (1932). Das „Handbuch der Frauenarbeit in Österreich“ (1930), für das Leichter zahlreiche Autorinnen gewinnen kann und das mit innovativen Bildstatistiken versehen ist, zählt zu den Standardwerken der Frauenforschung. Ihre Forschungsergebnisse waren nicht zuletzt wegweisend für viele gesellschaftspolitische Reformen der Ersten Republik.

 

© privat/Franz Leichter

© privat/Franz Leichter

Solidarische Kämpfe. Ihre wissenschaftliche Arbeit verknüpft Leichter stets mit der politischen Praxis. Bereits während ihrer Studienzeit engagiert sie sich als Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) in linken Gruppen, später gehört sie dem Frauenzentralkomitee der Partei an. Leichter arbeitet eng mit der Frauenabteilung der Gewerkschaften zusammen, hält Vorträge und Schulungen und ermutigt andere Frauen – insbesondere junge Arbeiterinnen – dazu, Reden zu halten oder Texte zu verfassen. Frauenpolitische Anliegen fi nden zu dieser Zeit auch innerhalb der Gewerkschaftsbewegung noch wenig Beachtung, doch Käthe Leichter gelingt es 1927, dem Thema in der Gewerkschaftszeitung „Arbeit und Wirtschaft“ mit einer Beilage mit dem Titel „Frauenarbeit“ Öff entlichkeit zu verschaffen. Rudolfine Muhr, Betriebsrätin in einer Metallfabrik, begegnet Leichter 1929 bei einer Betriebsrätekonferenz zunächst mit Skepsis: „Was weiß die Frau Doktor um die Sorgen einer Metallarbeiterin? Was von unserem Kampf im Betrieb, der von Tag zu Tag härter wird? Und dann kam die große Überraschung. Ja, Käthe Leichter wusste um unser Leben, und sie schilderte, was wir täglich in der Fabrik erlebten.“

Glühende Antifaschistin. Wie in zahlreichen ihrer politischen Texte und Manuskripte nachzulesen ist, warnt Käthe Leichter immer wieder vor dem aufkeimenden Faschismus. Auf der Sozialdemokratischen Frauenreichskonferenz im November 1931 in Graz formuliert sie ihre antifaschistische Haltung in scharfen Worten: „Der faschistischen Massenbeeinfl ussung und ihren gefährlichen politischen Schlagworten sollen wir unsere Hauptagitation auf gemütlichen Frauenveranstaltungen mit Nähkursen und Haushaltsvorschlägen entgegensetzen? Nochmals: Auch das möge getan werden, aber auch: in Massenveranstaltungen, Flugschrift en, Betriebs- und Arbeitslosenpropaganda dem verlogenen Dritten Reich gegenüber unser sozialistisches Ziel entwickeln.“ Die faschistische Bedrohung wird schließlich 1934 zur bestimmenden Kraft, als die austrofaschistische Regierung Dollfuß die Sozialdemokratie zerschlägt, Käthe Leichter flieht mit ihrem Mann Otto und ihren beiden Söhnen vorübergehend in die Schweiz. Schon im September kehren sie zurück nach Wien, das Ehepaar ist fortan im Netzwerk der Revolutionären Sozialisten im Untergrund aktiv.

Nationalsozialistischer Terror. Wie Briefe und Berichte von ZeitzeugInnen belegen, verliert Käthe Leichter auch nach der Annexion Österreichs durch Hitler-Deutschland 1938 nicht die Hoffnung auf ein anderes – sozialistisches – Europa. Otto Leichter gelingt die Flucht in die Schweiz, doch Käthe bleibt zurück. Sie wird von einem Genossen und Spitzel verraten und am 30. Mai 1938 von der Gestapo verhaftet. Im Gefängnis des Wiener Landesgerichts verfasst sie ihre Lebenserinnerungen, ihrem Sohn Heinz, der rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden konnte, schreibt sie zum 15. Geburtstag: „Was soll ich Dir heute noch sagen, mein Bub? Dass in sehr dunklen Monaten, die zum Glück schon hinter mir liegen, die Erinnerung an unseren Abschied, an einen Buben, der so tapfer seine Tränen hinuntergeschluckt hat, mir viel geholfen und in mir die Verpfl ichtung gefestigt haben, mich so zu verhalten, dass Dein Vertrauen in mich nie enttäuscht wird! Dass ich voll Freude daran denke, dass mich, wenn ich herauskomme, ein zweiter Kamerad, ein guter Freund, mit dem ich schon alles besprechen kann, erwartet?“ Doch trotz zahlreicher ausländischer Interventionsversuche wird die Jüdin und Sozialistin 1940 ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert. Ihre Widerständigkeit, ihren Mut und ihren unerschütterlichen Glauben an eine politische Wende verliert Leichter bis zuletzt nicht: Im Lager trifft sie auf ehemalige Genossinnen wie Rosa Jochmann, es formiert sich eine Zelle, die sich unter Lebensgefahr politisch austauscht. Käthe Leichter schreibt kritische Gedichte und Theaterstücke, die heimlich aufgeführt werden. Im Gegensatz zu Rosa Jochmann entkommt sie der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie jedoch nicht: 1942 wird sie in der Psychiatrischen Anstalt Bernburg/Saale ermordet.

 

„Käthe Leichter. Eine Frau wie diese“: 8. März, 22.35 Uhr im ORF 2

 

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