Umkämpfter Angstraum

Die Debatte um die Übergriffe in Köln wirft auch die grundlegende Frage nach dem Verhältnis von Geschlecht und öffentlichem Raum neu auf. Von IRMTRAUD VOGLMAYR

 

In der aktuellen Debatte um die angeblich nach Deutschland „importierte“ Rape Culture steht die Bewegungsfreiheit von Frauen in der Stadt, ihre selbstbestimmte Verfügung über Körper und Raum wieder einmal im Fokus der Öffentlichkeit. Die weit verbreitete Rede vom „Angstraum“ scheint ein Revival zu erleben. Doch dieser Begriff muss scharf kritisiert werden, denn zum einen erweckt er den Eindruck, der Ort bzw. Raum selbst sei gefährlich, zum anderen wird in diesem Diskurs die „weibliche“ Angst im öffentlichen Raum als quasi „naturhaftes Wesensmerkmal“ begriffen. Heute wie damals steht diesen geschlechtsspezifischen Gefahren und Ängsten im öffentlichen Raum zudem eine Tabuisierung bzw. Marginalisierung der Gewalt im privaten Raum gegenüber. Gleichzeitig wird mit dieser Bezeichnungspraxis eine Fehlwahrnehmung des öffentlichen Raumes verstärkt, die aufgrund eines ständigen Bedrohungsgefühls in eingeschränkter Mobilität und Vermeidungsverhalten mündet. Raumtheoretikerinnen wie Renate Ruhne haben in ihren Arbeiten die Konstruiertheit der (Un-)Sicherheiten im öffentlichen Raum aufgezeigt und dazu beigetragen, einer weiblichen (Selbst)Beschränkung entgegenzuwirken, wenngleich ein bestimmtes Unsicherheitsgefühl nie ganz aus unseren Frauenköpfen gewichen ist.

Gefährliche Orte. Theoretischer Ausgangspunkt für den (Un-)Sicherheitsdiskurs im öffentlich-städtischen Raum ist die Herausbildung und Etablierung der dichotomen Zwei-Geschlechter-Ordnung, mit der auch eine Dichotomisierung des Raumes in einen öffentlichen und einen privaten einherging. Die Wirkmächtigkeit dieser Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit ist bis heute – trotz Durchlässigkeit, Brüchen und Ambivalenzen – insbesondere im Verhältnis von Weiblichkeiten und öffentlichem Raum spürbar.
Im Diskurs vom Gewaltraum über den Angstraum hin zum sicheren bzw. überwachten öffentlichen Raum hat in den letzten Jahrzehnten eine Dominanz-Verschiebung stattgefunden. Dabei spielt in dieser theoretischen Verschiebung der Begriff „öffentlicher Raum“ als Straße, Park, Platz immer eine zentrale Rolle. Hervorzuheben ist die „Verräumlichung eines idealistischen Konzepts von Öffentlichkeit“, weil diese Räume nicht für jede und jeden frei zugänglich sind. Es gibt überall Ausgrenzungen, Verbote, Zugangs- und Nutzungsbestimmungen, die vor allem marginalisierte soziale Gruppen betreffen, die im Fokus der Kontrolle und Überwachung stehen. Gegenwärtig sind es vor allem Prostituierte, Bettler_innen und Asylwerber_innen, die staatlich überwacht und von großen Teilen der Bevölkerung als starke Bedrohung empfunden werden.

 

Photo by John Berens / Photo courtesy bitforms gallery, New York Addie Wagenknecht, -r-xr-xr-x, 2014

Photo by John Berens / Photo courtesy bitforms gallery, New York
Addie Wagenknecht, -r-xr-xr-x, 2014

Gefährliche Körper. Interessanterweise kommt in der Auseinandersetzung mit dem gegenwärtig dominanten neoliberalen Sicherheitsdiskurs der Angstraum in einer anderen, nämlich geschlechtsneutralen Form wieder zurück und wird nun zu einer Bedrohung für alle. Im Kontext einer Verräumlichung der Kriminalität werden bestimmte Orte offiziell als „gefährliche Orte“, als Kriminalitätsschwerpunkte von der Polizei „objektiv“ festgelegt und für jegliche Formen von Kontrolle und Überwachung freigegeben. Diese gefährlichen Orte sind jedoch in der Verschränkung mit gefährlichen Körpern zu sehen, denn im Zentrum steht die zu kontrollierende Person, die offenbar gefährlich ist, weil sie sich an diesem gefährlichen Ort befindet. Diesen vermeintlichen Bedrohungen wird mit restriktiven sicherheitspolitischen Maßnahmen begegnet. So werden neue Formen der Überwachung und Kontrolle des öffentlichen Raums entwickelt, die sich durch eine körperliche und räumliche Selektivität auszeichnen. Es sind besonders Räume des Konsums und der Repräsentation (Einkaufszentren, Regierungsgebäude), die verstärkten Kontrolltechniken wie Überwachungskameras, privaten Sicherheitsdiensten sowie einem design against crime unterliegen.
„Gefährliche“ Körper werden in Verwobenheit mit anderen Diskriminierungskategorien in unterschiedlichen Kontexten konstruiert. Oftmals geschieht die Konstruktion der gefährlichen Körper in Verbindung mit Armut sowie unter Einbeziehung rassistischer und sexistischer Denkmuster. Diese Konstruktion schafft ein homogenes Kollektiv an Betroffenen, eine „gefährliche“ Gruppe von Sexarbeiter_innen, Bettler_innen, Obdachlosen, Geflüchteten, die ferngehalten werden muss. Nicht zuletzt, weil diese Gruppen an den öffentlichen Raum als Arbeits- und (Über-)Lebensort gebunden sind, und damit im „Kampf um Raum“ den Interessen von Aufwertungsprozessen in proletarisierten Randbezirken sowie den sauberen, sicheren innerstädtischen Konsumflächen entgegenstehen.
Dass fremd aussehende Körper in besonderer Weise als bedrohlich wahrgenommen werden und so den Blick auf sexuelle Belästigung und Gewalt schärfen, belegen die Reaktionen auf die Vorfälle in Köln eindrücklich. Die Sichtbarmachung und Verurteilung von sexualisierter Gewalt gegen Frauen, die im Kontext einer emotional aufgeladenen Asyldebatte und -politik erfolgt, lässt erkennen, wie sich Normalisierung bzw. Marginalisierung an und in den Körpern materialisiert und wie bestimmte Körper und fremde Männlichkeiten eher Angst und Gefahr hervorrufen als die Männer der Mehrheitsgesellschaft. Dass wir es hier keineswegs mit einem neuen Phänomen importierter, sexueller Praktiken zu tun haben, zeigen sexuelle Übergriffe auf traditionellen Festen wie Oktoberfest, Karneval sowie Großevents im öffentlichen Raum, die durch das „Festivalisierungskonzept“ der Stadt forciert werden.

Ethnisierung von Gewalt. Das Sicherheitskonzept im öffentlich-städtischen Raum richtet die Kontrolle vor allem auf marginalisierte, ethnisierte Körper und Räume und betreibt damit einhergehend eine Vertreibungs- und Verdrängungspolitik. Eine Sicherheitspolitik, die vermehrt auf Überwachungskameras, verstärkte Polizeipräsenz und private Security setzt, ist allerdings nicht in der Lage, die Ursachen der zunehmenden global wirkmächtigen Gewalt, ausgelöst durch neoliberale Macht- und Verteilungskämpfe, Kriege sowie Sozialstaatsabbau zu bekämpfen. Gewalt in allen Formen, insbesondere geschlechtsbasierte (sexuelle) Gewalt, wird aufgrund dieser weltweiten Entwicklungen auch in den westlichen urbanen Räumen – nicht nur im Privaten – für Frauen wieder spür- und sichtbarer. Der öffentliche Raum war und ist ein potenzieller Gewaltraum für Frauen, nicht nur in Form von Vertreibungspolitiken, sondern auch in Form von sexueller Belästigung sowie einer zunehmenden Ethnisierung von Gewalt, die etwa auch kopftuchtragende Frauen auf den Straßen Wiens erfahren müssen.
Im Spannungsfeld der Konstruiertheit dieser Gefahren einerseits und realer Ereignisse andererseits, muss eine kollektive weibliche Sensibilisierung für Gewalt im öffentlichen Raum sowie eine Solidarisierung mit marginalisierten Gruppen erfolgen. Als großer politischer Aufmerksamkeitsraum bietet der öffentliche Raum dabei ein Potenzial für Frauen- und queer-feministische Gruppen, etwa mittels Parodie und Ironie, Gewalt in allen Formen sichtbar zu machen. Über solche lustvolle Aneignungspraktiken lässt sich dem einschränkenden Konzept eines „Angstraums“ eine empowernde Raumaneignung entgegensetzen.

 

Irmtraud Voglmayr ist Medienwissenschafterin und Soziologin. Sie lehrt an den Universitäten Wien, Salzburg, Klagenfurt und Boku Wien und arbeitet zu Prekarität, Altern, Medien, Stadt- und Raum.

 

Literatur:
Belina, Bernd (2011): Raum, Überwachung, Kontrolle. Vom staatlichen Zugriff auf städtische Bevölkerung. Münster: Westfälisches Dampfboot.
Ruhne, Renate (2003): Raum Macht Geschlecht. Zur Soziologie eines Wirkungsgefüges am Beispiel von (Un)Sicherheiten im öffentlichen Raum. Opladen: Leske + Budrich.
Schmincke, Imke (2009): Gefährliche Körper an gefährlichen Orten: Eine Studie zum Verhältnis von Körper, Raum und Marginalisierung. Bielefeld: transcript-Verlag.
Voglmayr, Irmtraud (2012): Feministische Praktiken im urbanen Raum. In: Birge Krondorfer/ Hilde Grammel (Hg.): Frauen-Fragen. 100 Jahre Bewegung, Reflexion, Vision. Wien: Promedia. 242-251.
Wucherpfennig, Claudia (2010): Geschlechterkonstruktionen und öffentlicher Raum. In: Sybille Bauriedl/Michaela Schier/Anke Strüver (Hrsg.): Geschlechterverhältnisse, Raumstrukturen, Ortsbeziehungen. Münster: Westfälisches Dampfboot. 48-74.

 

 

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