„Carrying Other Women In My Mouth“

Brutale Polizeigewalt gegen Schwarze Menschen in den USA trifft auch Schwarze Frauen. Sie kamen in den öffentlichen Diskursen über Rassismus bei der Polizei aber bislang kaum vor. Von LEA SUSEMICHEL

 

Tarika Wilson wird bei einer Razzia erschossen, zu Hause, während sie ihren 14 Monate alten Sohn auf dem Arm hält. Das Kind wird ebenfalls getroffen, überlebt den Polizeieinsatz im Gegensatz zu seiner Mutter jedoch. Eigentlich war die Polizei auf der Suche nach Wilsons Lebensgefährten gewesen.
Auch die einjährige Tochter von Miriam Carey überlebt auf dem Autorücksitz die tödlichen Schüsse auf ihre Mutter, die Sicherheitsbeamten abfeuern, weil Carey einen Checkpoint beim Weißen Haus überfahren hat und nicht auf Zurufe reagierte.
Beide Todesopfer sind Schwarz. Beide Namen stehen auf einer Liste aller bislang bekannter Afroamerikanerinnen, die in den vergangenen Jahren durch Polizeigewalt zu Tode gekommen sind. Erstellt wurde diese Namensliste im Rahmen der Kampagne #SayHerName (vgl. an.schläge V & VI). Erklärtes Ziel der Initiative ist, dass der Tod dieser Frauen bekannt und öffentlich betrauert wird, genauso wie der Tod des von einem Wachmann erschossenen 17-jährigen Trayvon Martin oder der des in Ferguson getöteten 18-jährigen Mike Brown, deren Gesichter und Geschichten sich tief ins kollektive Gedächtnis der USA gegraben haben.
„Wenn wir eine Kapuzenjacke tragen, wissen wir, dass wir Trayvon verkörpern. Wenn wir unsere Hände hochhalten, wissen wir, dass wir tun, was Mike Brown tat, bevor er erschossen wurde. Wenn wir sagen ‚Ich kann nicht atmen‘, dann wiederholen wir Eric Garners letzte Worte“, sagt die Mitinitiatorin von #SayHerName, Rachel Gilmer, gegenüber der „Huffington Post“. „Doch wir waren nicht in der Lage, all das für Schwarze Mädchen und Frauen zu tun. Ihre Geschichten haben wir nicht in derselben Weise weitergetragen.“

Black Lives Matter. Denn auch wenn die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für brutale und meist straffreie Polizeiübergriffe gegen Schwarze Menschen in den USA in jüngster Zeit glücklicherweise gestiegen ist: Dass auch Frauen massiv von Polizeigewalt betroffen sind, ist dabei bislang wenig bekannt. Initiativen wie Black Lives Matter, die sich nach der Ermordung von Trayvon bildeten, richteten ihren Fokus lange auf männliche Schwarze Todesopfer. Auch das gerade erschienene, viel beachtete Buch des bekannten Schwarzen US-Journalisten Ta-Nehisi Coates adressiert einen Jungen. „Between the World and Me“ hat die Form eines berührenden Briefes, den der Autor an seinen fünfzehn Jahre alten Sohn Samori schreibt. Als es in den Nachrichten hieß, dass gegen den Polizisten, der Mike Brown getötet hat, nicht ermittelt wird, war Samori wortlos aufgestanden und in sein Zimmer verschwunden, sein Vater hörte ihn dort weinen. Nun schreibt Coates seinem Sohn vom allgegenwärtigen Alltagsrassismus und davon, dass sein eigener Vater ihn verprügelt hat, um so sicherzustellen, dass er nie mit dem Gesetz und der Polizei in Konflikt geraten würde. Denn die Angst Schwarzer Eltern vor der Polizei ist bis heute groß, häufig wird den Kindern eingebläut, sich bei einer Polizeikontrolle nur ja so defensiv wie möglich zu verhalten und ihr Leben zu schützen. Die Angst ist sehr begründet: 891 Menschen wurden in diesem Jahr in den USA bislang von der Polizei getötet, ein überproportional großer Teil von ihnen war Schwarz. Offizielle Statistiken zu tödlichen Polizeieinsätzen gibt es allerdings nicht, diese Zahl wird von „The Guardian“ recherchiert und auf der Zeitungshomepage tagesaktuell veröffentlicht. (1)

© Stephen Melkisethian / flickr

© Stephen Melkisethian / flickr

Black female lives matter too. „Sandra Bland. Tanisha Anderson. Rekia Boyd. Miriam Carey. Michelle Cusseaux. Shelly Frey. Kayla Moore. Es ist zwar nicht überraschend, wenn einige dieser Namen nicht vertraut klingen – aber wir finden es trotzdem inakzeptabel“, so das Statement von #SayHerName. Weiterhin würden die Erfahrungen Schwarzer Frauen in der öffentlichen Debatte um Rassismus bei der Polizei weitgehend ausgeblendet. Doch die „Körper von Schwarzen Frauen sind die am stärksten kontrollierten Körper in diesem Land“, sagt die Dichterin Aja Monet, die für die Kampagne wirbt. Monet hat das Gedicht „The first time (I hated a cop)“ geschrieben: Ein Mädchen wird Zeugin, wie ihr geliebter großer Bruder von Polizisten gedemütigt und geschlagen –„policed“ – wird. „I am a woman carrying other women in my mouth“ beginnt ein Gedicht,
das sie nun auch für #SayHerName verfasst hat und das die Namen aller bekannter toten Frauen nennt.
Der neueste auf dieser Liste ist der von Sandra Bland, einer Black-Lives-Matter-Aktivistin, die nach einer Verkehrskontrolle in Haft kam und drei Tage später tot in ihrer Zelle aufgefunden wurde. Weil sie den Blinker nicht gesetzt hatte, riss sie ein Polizist aus ihrem Wagen und knallte ihren Kopf auf den Boden, wie ein millionenfach geteiltes Amateurvideo zeigt. Die Polizei spricht von Selbstmord. Die feministische Juristin Kimberlé Crenshaw hingegen nennt Sandra Bland das jüngste Opfer brutaler Polizeigewalt.
Crenshaw war es, die den Begriff Intersektionalität Ende der 1980er eingeführt hat, um die Verschränkungen verschiedener Diskriminierungsformen zu benennen. Ihre Forschungen zeigen, wie tief Gesetz und Gesellschaft in den USA von Rassismus und Sexismus geprägt sind. Doch während in der öffentlichen Debatte um Polizeibrutalität endlich auch der tiefverwurzelte Rassismus und die „White Supremacy“ als Ursachen zur Sprache kommen, ist von den spezifischen Konsequenzen für Schwarze Frauen wenig die Rede. Diese Auswirkungen aber sind dramatisch: Die unheilvolle Verbindung von Rassismus und Frauenhass (bzw. auch Homo- und Transphobie) bedingt, dass Polizeigewalt oft mit sexualisierter Gewalt einhergeht. So stehen sexuelle Übergriffe an zweiter Stelle der gemeldeten Polizeivergehen, gleich hinter unverhältnismäßig brutalem Gewalteinsatz. (2)

Waffenschulung und Selbstverteidigung. Im Juni sorgte ein Video für Entrüstung, das einen Einsatz bei einem zunächst harmlosen Poolparty-Tumult zeigt. Darin ist ein Polizist zu sehen, der sich auf ein Mädchen im Bikini stürzt und es mit den Knien brutal auf dem Boden fixiert, während die Fünfzehnjährige weinend nach ihrer Mutter ruft. Ganz offensichtlich nimmt der Polizist kein Kind wahr, sondern eine sexualisierte Schwarze Frau, zu der ein weißer Blick afroamerikanische Mädchen oft schon vor ihrer Pubertät macht.
Vor diesem Übergriff war der Cop bei einer actionfilmreifen Seitwärtsrolle zu sehen gewesen, die zum Lachen reizen könnte, würde sie nicht von solch skandalösen Missständen zeugen. Dass US-PolizistInnen aus Actionfilmen lernen, ist gar nicht so abwegig. Für ihre Ausbildung gibt es keine einheitlichen Standards, zwischen gerade einmal acht Wochen und sechs Monaten dauert sie je nach Bundesstaat. Für Deeskalationstraining, für soziale und politische Schulungen bleibt nirgendwo viel Zeit, das Hauptaugenmerk liegt stattdessen auf Schusswaffengebrauch und Selbstverteidigung. Die Auszubildenden werden mit zahllosen Videos von Hinterhalten, erschossenen Polizisten und brutalen Verbrechern konfrontiert. Zu langes Zögern kann dich selbst den Kopf kosten, also schieße lieber zuerst, so die unmissverständliche Botschaft.
Der Polizist, der Tarika Wilson tötete, gab an, eine schemenhafte Bewegung wahrgenommen und in Notwehr gehandelt zu haben. De facto gab es damals nicht die geringste Bedrohung. Nur eine junge Frau mit Baby auf dem Arm.

 

(1) www.theguardian.com/usnews/ng-interactive/2015/jun/01/the-counted-police-killings-usdatabase

(2) graphs.net/police-brutality-statistics.html

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