„Was soll ich euch erzählen?“

Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen und der Ukraine zwangsumgesiedelt wurden, erzählen in einer feministischen Oral-History-Projektreihe erstmals ihre Geschichten. JESSICA BOCK traf die Projektinitiatorinnen ALINA DOBOSZEWSKA und AGNIESZKA KRÓL zum Gespräch.

 

Auf den Konferenzen von Jalta (Februar 1945) und Potsdam (August 1945) wurden die Grenzen in Mittel- und Osteuropa von den Alliierten neu gezogen. Zu jener Zeit wurde der „Transfer“ unterschiedlicher Gruppen als ein legitimes Mittel angesehen, um eine „moderne Nation als Gemeinschaft gleicher Staatsbürger, die ein und derselben sprachlich-ethnischen Großgruppe angehören“, zu schaffen. So fanden nach dem Zweiten Weltkrieg auch in den polnisch-ukrainischen Grenzgebieten Zwangsumsiedlungen der Bevölkerung statt. PolInnen aus der Westukraine wurden in das von Deutschen verlassene Nachkriegspolen und in das Oder-Neiße-Gebiet „umgesiedelt“. Zeitgleich wurden die UkrainerInnen aus dem östlichen Teil Polens vertrieben.
Betroffen von Flucht und Zwangsmigration waren vor allem Frauen, die in der offiziellen Geschichtsschreibung jedoch stark unterrepräsentiert sind. Die feministische Oral-History-Projektreihe „Erinnern und Vergessen“ möchte ihren Erfahrungen und Geschichten Öffentlichkeit und Stimme geben.

an.schläge: Wie kam es dazu, eine Projektreihe über Flucht und Zwangsmigration nach 1945 aus der Perspektive betroffener Frauen zu initiieren?

Alina Doboszewska: In den mehr als vierzig Jahren, in denen in den osteuropäischen Ländern totalitäre Regierungen herrschten, war eine öffentliche Diskussion über solche Themen praktisch unmöglich. Erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks Ende der 1980er-Jahre wurde es möglich, diese verborgenen Geschichten zu entdecken und zu untersuchen. Die Projekte, die wir organisiert haben, sind hier und jetzt sehr wichtig, denn es ist bereits sehr viel Zeit vergangen, und die Zeuginnen von damals verschwinden allmählich. Man muss sich beeilen, um möglichst viele Erinnerungen für die nächsten Generationen zu erhalten.

Agnieszka Król: Was in der Nachkriegszeit im Leben „normaler“ Leute passiert ist, wurde lange verschwiegen. In Polen sind Flucht und Zwangsmigration in den Geschichtsbüchern kaum präsent. Während meiner Schulzeit war dieser Teil der Geschichte nie Thema, obwohl die Folgen der Zwangsumsiedlungen bis heute spürbar sind.

Inwiefern haben die Projekte einen feministischen Charakter?

Doboszewska: Bereits beim Zugang zum Thema kommt eine feministische Perspektive zum Ausdruck. Ziel war, die kollektiven Erfahrungen von Frauen, die in der historischen Forschung nur wenig präsent sind, sichtbar zu machen. Denn für gewöhnlich werden diese in ihrer Bedeutung für die geschichtliche Entwicklung systematisch abgewertet.

Król: Die Projekte sind in vielerlei Hinsicht feministisch. Zum einen ging es darum, die bislang verschwiegenen Erfahrungen der Frauen zu erforschen. Wir wollten ihnen die Möglichkeit geben, selbst ihre eigene Geschichte zu erzählen. Für viele Betroffene war es überhaupt das erste Mal, dass sie über ihre Erfahrungen öffentlich sprachen.
Das Schweigen der alten Frauen hängt oft mit ihrer marginalen Stellung innerhalb der Familie bzw. der Gesellschaft zusammen. Sie haben keine starke Position und erhalten wenig Anerkennung und Respekt. Zugleich wird ihnen das Gefühl vermittelt, dass ihre Erfahrungen angesichts der gegenwärtigen Probleme irrelevant sind. In Krasne in der Ukraine trafen wir eine Frau, die zu uns sagte: „Ich habe auf euch gewartet, damit ich meine Geschichte erzählen kann.“

Mariya Podanovska

Mariya Podanovska zeigt ihre Familienfotos.

Wie sehen die Ergebnisse der Projektreihe aus?

Doboszewska: Das materielle Ergebnis war die Sammlung von Videointerviews und die Produktion von mehreren Dokumentarfilmen, die öffentlich gezeigt wurden und die jeweils an eine thematische Fragestellung geknüpft waren. Ebenso wichtig war für uns jedoch das immaterielle Ergebnis. Die Erstvorführung des Filmmaterials fand immer für die lokale Bevölkerung statt sowie in Anwesenheit jener Frauen, die ihre Geschichten mit uns teilten, und deren Familien. Im jeweiligen Ort stellten diese Vorführungen wichtige Ereignisse dar. Die Menschen hatten die Möglichkeit, Geschichten zu hören, die tabuisiert oder nur in der häuslichen Abgeschiedenheit erzählt wurden.
Das hat den Blick auf die betroffenen Frauen verändert. Sie werden nunmehr als Personen wahrgenommen, die den „Alltag im Ausnahmenzustand“ organisiert und gemeistert haben. Die jüngere Generation erkennt, dass die alten Frauen über sehr viel Wissen und wertvolle Erfahrungen über die Vergangenheit verfügen, die auch mit ihrer eigenen Gegenwart zu tun haben, und dass es sich lohnt, ihnen zuzuhören.

Wie werden Flucht und Zwangsmigration in Polen und in der Ukraine diskutiert?

Doboszewska: In Polen und in der Ukraine spricht man nicht viel darüber. In Deutschland ein bisschen mehr, aber meistens auch eher eindimensional. Eine vielschichtige bzw. transnationale Sichtweise ermöglicht es, die Auswirkungen der Zwangsumsiedlungen in ihrer ganzen Komplexität aufzuzeigen. Die Geschichten der zwangsumgesiedelten Frauen durchdringen sich gegenseitig, dessen sind sich die Betroffenen bewusst. Das belegen auch zahlreiche Aussagen der Zeitzeuginnen, wie etwa das starke Mitgefühl der Polinnen gegenüber zwangsumgesiedelten deutschen Frauen, in deren ehemaligen Häusern sie wohnen mussten.

Für die Projekte sind Sie nach Jugów und Cieszyn in Südpolen sowie nach Krasne im Westen der Ukraine gereist. Wie sehr haben sich die Erzählungen der Frauen geähnelt oder voneinander unterschieden?

Doboszewska: Die Frauen haben uns quasi ihr ganzes Leben erzählt. Wichtig in den Frauengeschichten ist die Unmittelbarkeit der Botschaft, das Aufbauen einer persönlichen Beziehung der Erzählerinnen mit den Zuhörerinnen. Zwischen den Erzählerinnen und Zuhörerinnen, und auch denen, die sich später die Aufnahme solcher Gespräche ansehen, entsteht eine besondere Verbindung. Hier wird auch deutlich, wie sich verschwiegene Traumata auf die nächsten Generationen auswirken. Das, was nicht ausgesprochen wurde, wird endlich benannt. Auf diese Weise wird die soziale Isolation, aber auch die Isolation zwischen den Generationen überwunden.

Król: Sicherlich gibt es Ähnlichkeiten, aber auch regionale Unterschiede. Für mich war bezeichnend, dass uns stets Frauen begegnet sind, die ihre Identität in nicht-nationalen Begriffen beschrieben haben, in der Art „Ich bin weder nur das eine noch das andere“, „Vielleicht bin ich Teil von diesem oder jenem“, „Ich bin die Verschmelzung von …“ oder einfach „Ich bin von hier“.

Frau Kowalczyk

Frau Kowalczyk zeigt ihre Familienfotos.

Welche Geschichten bzw. Erzählungen haben Sie am meisten bewegt?

Doboszewska: Meistens waren das für mich jene Momente, in denen ich spürte, dass die Frauen von sehr persönlichen Erfahrungen berichteten, zum Beispiel vom Tod eines nahestehenden Menschen. Das waren Dinge, die tief aus ihrem Herzen kommen. Dies ist nur möglich nach sehr vielen Stunden des Zuhörens und erzeugt eine besondere Beziehung. Dann fühlte ich mich sehr glücklich, an diesem Projekt teilnehmen zu dürfen.

Gibt es etwas, das Sie für sich persönlich aus den Erzählungen der Frauen mitnehmen?

Doboszewska: Viele Frauen sagten uns zu Beginn des Interviews: „Aber was soll ich euch erzählen? Es ist nichts Besonderes.“ Danach trugen sie unglaubliche Geschichten vor. Ich bin zur Überzeugung gelangt: Wenn ich stark daran zweifle, dass das, was ich zu erzählen habe, für andere interessant ist, handelt es sich um eine Art „social silencing“. Diese Frauen haben schwere Momente erfahren und überlebt, da beginnst du zu verstehen, wie stark sie sind. Das wiederum hat auch mich bestärkt.

Sind ähnliche Projekte für die Zukunft geplant?

Doboszewska: Ja. Zum einen möchten wir Berichte sammeln, die Erfahrungen von Frauen während der stalinistischen Ära in der Ukraine, Polen und Ostdeutschland wiedergeben. Zum anderen möchten wir die Rolle der Frauen während des Systemwandels 1989/90 aufzeigen, die ebenso marginalisiert und verschwiegen wird. Diejenigen, die infolge des Umbruchs an die Macht kamen, waren meistens Männer, und sie waren es, die der Gesellschaft ihre eigenen Spielregeln und Sichtweisen aufdrängten.

Alina Doboszewska leitete von 2010 bis 2013 die Projektreihe „Erinnern und Vergessen“ in Jugów, Cieszyn und Krasne. Agnieszka Król hat alle drei Projekte begleitet.

Jessica Bock promoviert über die ostdeutsche Frauenbewegung zwischen 1980 und 2000 am Beispiel Leipzigs und fragt seit ihrer Teilnahme an der Projektreihe gerne ältere Frauen aus.

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