bonustrack: In Between Two Tall Mountains

Im Jahr 2005 war ich 21 und gerade gefragt worden, ob ich ein Album veröffentlichen möchte. Auf einem richtigen Label, in einem greifbaren Kartonschuber, mit Barcode auf der Rückseite. So eine Art Beweis dafür, dass jemand die Musik für wichtig genug befindet, um sie in Läden zu stellen, wo theoretisch die eigenen an einem zweifelnden Verwandten beim Samstagsshoppen im Elektronikgroßmarkt darüber stolpern könnten. Weil ich gut erzogen wurde, sagte ich zu und machte mich daran, ein Album zu produzieren, so hochprofessionell, wie ich es bereits die zwei Jahre zuvor getan hatte. Ich steckte mein erdnussgroßes Diktafon-Ansteckmikro in die Line-in-Buchse meines klapprigen Laptops und verbrachte, von meinem alten Kinderzimmer auf die Kärntner Berge blickend, erst mal zwei Tage mit dem Versuch, einen Viervierteltakt zu klatschen, da ich noch nichts von der Existenz von Drumcomputern oder Samplern wusste und mir das alles auch wurscht war.
Acht Jahre später schickte mir jemand ein Lied mit dem Hinweis, es erinnere ihn an dieses erste Album. Es war „Talkin’ Like You (Two Tall Mountains)“ von Connie Converse, und es beginnt mit einem leisen Rauschen. „What about two tall mountains?“,  fragt eine Männerstimme. Dann schlägt eine Hand einen Akkord an, eine Frau beginnt zu singen: „In between two tall mountains, there’s a place they call lonesome …“
Es hätte eine mit einem erdnussgroßen Mikrofon aufgenommene Jugendzimmer-Aufnahme von 2005 sein können, zumindest für meine Ohren. Als Connie geboren wurde, durften Frauen in den USA allerdings gerade erst seit vier Jahren wählen. Es gibt Menschen, die sagen, Connie Converse passte nicht in die Zeit, in der sie lebte, die 1950-er waren noch nicht bereit für ihre Musik. Ob sie das selbst dachte, bleibt im Ungewissen. Sie packte 1974 ihren VW Käfer und verschwand spurlos aus ihrem Haus in Ann Arbor. Connie bleibt eine dieser endlos mysteriösen Menschen ohne offizielles Sterbedatum. Sie ließ Musik zurück, die zwischen beißendem Humor und sehr tief seufzender Melancholie balanciert und zu ihrer Zeit keine Plattform und kein Label fand. Ebenso wie einen Aktenschrank, in dem sie gesammelt hatte, was ihr wichtig war, und Fans, die sich heimlich wünschen, sie hätte irgendwo, ganz geheim, ein neues, glücklicheres Leben gefunden. Ich wünsche ihr das auch.

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Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com

Anna Kohlweis ist Squalloscope, produziert, singt, filmt, malt und schreibt ab sofort auch hier. Kürzlich entwarf sie ein Filmposter für „We Lived Alone – The Connie Converse Documentary“.

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