Rettungsanker

Warum Esoterik gefährlich ist, ließ sich BRIGITTE THEIßL von der Sozialpsychologin und Esoterik-Forscherin CLAUDIA BARTH erklären.

 

an.schläge: Sie haben sich bereits in zwei Publikationen wissenschaftlich mit Esoterik auseinandergesetzt.Was war der Auslöser, sich dem Thema kritisch zu widmen?

Claudia Barth: Das hat sich durch private Erlebnisse ergeben. In den 1990er-Jahren hat die Esoterik ja eine richtige Blütezeit erlebt – wobei das in Deutschland nicht zum ersten Mal passiert ist, sondern bereits in den 1920er-Jahren gab es einen esoterischen Aufschwung – und in dieser Zeit bin ich gerade von zu Hause ausgezogen und habe begonnen, mich politisch zu engagieren. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass plötzlich viele Menschen um mich herum esoterisch geworden waren, sie kamen zum Teil mit kruden Thesen auf mich zu. Da hieß es dann plötzlich: Wenn der Asylwerber sich in der Abschiebehaft umbringt, dann kann und sollte man nichts machen, denn das sei sein Karma, das er da selbst verwirklicht. Das Ganze gipfelte in der These, Auschwitz sei das Beste, was den Juden zur karmischen Reinigung passieren hätte können.

Halten Sie Esoterik für gefährlich?

Ich sehe Esoterik als gesellschaftliche Tendenz durchaus als gefährlich an. Sie führt zu einem Menschenbild, das eine vermeintlich übernatürliche, authentische Innerlichkeit verherrlicht und eine gesellschaftliche Seite der Menschen, mit denen sie sich bewusst als handlungsfähige Subjekte setzen, negiert. Für eine demokratische Entwicklung der Gesellschaft ist das in der Konsequenz fatal. Natürlich muss man sich das auf der Ebene einzelner Esoterik-AnhängerInnen noch einmal im Detail anschauen, es gibt da ja auch biografische Brüche und ein Gesellschaftsbild muss nicht alle Lebensbereiche durchziehen, aber insgesamt halte ich die Esoterik für gefährlich.

Ist der Markt im Vergleich zu den 1990er-Jahren mittlerweile kleiner geworden?

Der Markt wird nicht kleiner, das zeigen auch die Zahlen, soweit es diese gibt, ganz im Gegenteil. Für 2020 werden allein in Deutschland 35 Milliarden Euro Umsatz jährlich erwartet. Esoterik ist ein Wachstumsmarkt, damit wird viel Profit gemacht. Außerdem sind gesellschaftlich mittlerweile viele esoterische Themen akzeptiert und werden gar nicht mehr als solche gesehen. Sie sind im Mainstream angekommen und gelten zum Teil als seriös, obwohl sie eigentlich zutiefst irrational und in meinen Augen sehr fragwürdig sind. Viele ArchitektInnen verdienen sich heute ein Zubrot damit, mit Wünschelruten über das Gelände zu gehen und vermeintliche Wasseradern ausmessen, bevor sie ein Haus bauen. Auch in der Psychologie werden esoterische – und zugleich autoritäre und frauenfeindliche – Theorien verbreitet, Stichwort Bert Hellinger, der im Rahmen seiner „Familienaufstellungen“ etwa sexualisierte Gewalt therapeutisch schönredete und trozdem auch von den anerkannten Verbänden der systemischen Therapie hofiert wurde, bis seine all zu offene Liebeserklärung an Adolf Hitler ihn Jahre später schlussendlich zur Persona non grata machte. Trotzdem besteht bis heute eine vielfach positive Bezugnahme auf seinen Ansatz im psychosozialen Beraterfeld.

Mit welcher Definition von Esoterik haben Sie eigentlich gearbeitet bzw. gibt es da überhaupt eine eindeutige wissenschaftliche Definition?

Also es gibt nicht die eine wissenschaftliche Definition, auf die sich alle geeinigt hätten, sondern es gibt Versuche, Kriterien zusammenzutragen. In meinem ersten Buch habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, Esoterik in ihrer augenscheinlichen Vielfalt zu erforschen. Ich habe nach gemeinsamen Glaubensüberzeugungen der verschiedenen Formen gesucht, die Esoterik als moderne religiöse Glaubensüberzeugung von standardisierten Religionen unterscheiden. Karma und Reinkarnation (Wiedergeburt) zählen zu diesen Grundlagen sowie der Glaube an eine kosmische Gesetzmäßigkeit, die sich eins zu eins in alle Lebensbereiche übertrage. Die Aufgaben für unser Leben wählen wir uns laut esoterischer Theorien vorgeburtlich selbst. Also auch Schicksalsschläge, Krankheiten, schmerzvolle Erfahrungen – weil die Seele daran reifen soll. In dieser esoterischen Denkweise gibt es auch nichts Gutes oder Schlechtes, denn das sind nur menschlich gemachte Kategorien und Bewertungen der materiellen Welt, denn übersinnlich gesehen dient alles der Entwicklung der Seele. Ferner wird an die Existenz diverse feinstofflicher Energien geglaubt, vom „Chi“, das durch den Raum schwebe, bis hin zur einer Lebensenergie, die durch vermeintliche Chakren im menschlichen Körper fließe. Zu guter Letzt findet sich eine Art esoterische Evolutionstheorie der Menschheit, die auch den festen Glauben an ein herannahendes neues Zeitalter beinhaltet, in dem sich all unsere Probleme und gesellschaftlichen Misstände in Wohlgefalllen auflösen werden.

Esoterik ist etwas, das bei Menschen einfach wirkt und auch stark nachgefragt wird, sonst könnte dieser Markt nicht funktionieren. Ich betrachte Esoterik als eine kulturell-religiöse Ausdrucksform vieler Menschen in westlichen Gesellschaften, die genutzt wird, um innere Befindlichkeit und auch Probleme in eine fassbare Form zu gießen. Esoterik ist eine spezifische Ausdrucksmöglichkeit für etwas, das man fühlt, wonach man sich sehnt – weshalb man ja auch zu ihr greift und sie praktiziert. Insofern ist sie auch ein Kind der Zeit, eine Ausdrucksform, die viel über den Zeitgeist aussagt.

Was sagt sie denn aus über den Zeitgeist? 

In meiner letzten Studie habe ich Einzelinterviews mit Menschen durchge- führt, die der Esoterik anhängen. Ich habe sie gebeten, mir zu erzählen, wie sie dazu gekommen sind. Sie haben mir zunächst ausführlich über ihr Arbeitsleben und Momente des totalen Scheiterns berichtet. Scheitern in der beruflichen Karriere, wo sie einfach auf Granit gebissen haben. Erst in diesem Moment, in dem ihre gewohnten Konzepte ihnen überhaupt nicht mehr weitergeholfen haben, in dieser Welt erfolgreich zu bestehen, haben sie zur Esoterik als Hilfsmittel gegriffen. Sie waren dazu bereit, sich innerlich umzu- strukturieren, um wieder in der Gesell- schaft zu funktionieren und Erfolg zu haben. Oft waren es Menschen – häufig Frauen von 45 Jahren aufwärts –, die zuvor intensiv versucht haben, den äußeren Anforderungen zu genügen, auch um den Preis der Selbstverleugnung – und dann trotzdem gescheitert sind. Das hat meiner Ansicht nach mit dem neuen ArbeitnehmerInnenbild zu tun, das sich in den letzten Jahrzehnten in den westlichen Industrienationen etabliert hat. Es genügt nicht mehr, eine bestimmte Rolle zu erfüllen und nachmittags um fünf den Stift wegzulegen, sondern man muss selbstmotiviert und kommunikativ, mit seinem ganzen authentischen kreativen Potenzial, einen Job ausüben.

Sie sagen, dass Sie häufig auf Frauen über 45 gestoßen sind. Sind Frauen denn stärker in der Esoterik vertreten?

Ich kann dazu keine verlässlichen Zahlen nennen, aber ich bin selbst jahrelang davon ausgegangen, dass Frauen zwei Drittel der Klientel der Esoterik ausmachen. Zu diesem Befund bin ich unter anderem deshalb gekommen, weil Autoren wie Rudolf Bahro, der u.a. mit seinem Buch „Logik der Rettung“ (1987) ein wichtiger Stichwortgeber der neuen deutschsprachigen Esoterikbewegung war, sich ganz gezielt an Frauen wenden und sie als Zielgruppe auch benennen. In der Esoterik sind sehr traditionelle Vorstellungen von Geschlecht zu finden. Zugleich erfährt das Weibliche aber eine Überhöhung.

Es herrscht die Vorstellung, dass nach kosmischen Richtlinien ein neues Zeitalter anbrechen wird, das New Age, und dieses weiblich sein wird. Das Zeitalter, in dem wir uns jetzt befinden, sei männlich und all die negativen Entwicklungen seien auf das Analytische, Zersetzende, Rationale und Materielle des männlichen Einflusses zurückzuführen, geprägt von christlichen männlichen Gottesvorstellungen. Weiblichkeit wird also festgeschrieben und gleichzeitig überhöht, ihr wird eine zukunftsweisende Bedeutung für die Verbesserung der Welt zugeschrieben. Mittlerweile glaube ich allerdings, dass ich meine Behauptung, zwei Drittel der Esoterik-AnhängerInnen seien Frauen, noch einmal einer kritischen Betrachtung unterziehen müsste. Möglicherweise werden Spielarten der Esoterik, die eher von Frauen rezipiert werden, stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen und auch als esoterisch verstanden. Bestimmte Verschwörungstheorien und die Verbindung von Rechtsextremismus und Esoterik sind gerade verstärkt im Kommen und dort sind überwiegend Männer aktiv. Hierzu gibt es weniger Forschungsarbeiten, man müsste neue Studien erstellen und Zahlen zum Geschlechterverhältnis erheben. Grundsätzlich ist es auch in der Esoterik so, dass es überwiegend berühmte esoterische Autoren gibt und Frauen sich oft als Kleinstanbieterinnen bestimmter esoterischer Angebote ein Zubrot verdienen.

Claudia Barth ist freie Referentin zur Kritik esoterischer Weltbilder, Sozialpsychologin und arbeitet in der Kinder- und Jugendhilfe in München. 

4 Kommentare

  1. Wieso wird keine Religiosnwissenschaftlerin gefragt, wieso eine Sozialpsychologin? Die Religionswissenschaft beschäftigt sich wissenschaftlich mit religiösen und religionsähnlichen Phänomenen und Gruppierungen, Esoterik fällt genau in dieses Forschungsfeld. Ich finde es zunehmend ärgerlich, dass man für jedes Thema die passenden Expertinnen zu Rate zieht, nur wenn es um Religion geht holt man entweder (zumeist parteiische) Theologinnen oder (fachfremde) Psychologinnen, Soziologinnen, Kulturwissenschaftlerinnen etc., aber nie Religionswissenschaftlerinnen. Dabei sind Letztere die einzigen echten Expertinnen für diesen Themenkomplex! Das nervt (mich als Person dieses Fachs)!

  2. Danke für diesen Beitrag!
    Ein wenig finde es schade, dass nicht die Verbreiter der Thesen des ersten Absatzes, die Waldorf Schulen, benannt werden oder die oft gesundheitsgefährdenden Aspekte der Esoterik, aktuell etwa unter dem Stichwort MMS in den „Leitmedien“ präsent.
    Gerade unter dem Stichwort Karma oder „ungelöster Konflikt“ wird in vielen Gruppen ja das Impfen oder sogar die Behandlung von Krankheiten abgelehnt.

  3. @ L.: Das war keine bewusste Entscheidung gegen eine Religionswissenschafterin, ich habe auch in diesem Umfeld recherchiert… Bitte gerne ein Mail an mich mit Ihren Forschungsgebieten für zukünftige Anfragen, wir sind immer auf der Suche nach Expertinnen/Ansprechpartnerinnen für bestimmte Fachgebiete!

  4. So sehr ich Frau Barth in vielem, das sie sagt, recht gebe, finde ich ihre Darstellung doch ziemlich einseitig. So habe ich vermisst, dass sie die Esoterik von der Spiritualität abgrenzt, oder von Religionen wie dem Buddhismus und Philosophien wie dem Taoismus.

    Das Karma-Denken in der Esoterik ist zum Beispiel nicht das, was Karma im Buddhismus bedeutet. Die Frage wäre doch interessant, warum sich Männer eher über die Spiritualität mit dem echten Karma-Denken beschäftigen, während Frauen die verzerrte und verfälschte Form der Esoterik vorzuziehen scheinen?

    (Nur nebenbei: ich selbst bin keine Anhängerin des Karma-Denkens, habe mich aber als langjährige Tai-Chi-Chuan-Praktizierende und Unterrichtende sehr intensiv mit den diversen spirituellen und esoterischen Strömungen beschäftigt. Ich betrachte mich aber durchaus als spirituell, und zwar in Richtung Taoismus.)

    Frau Barth jedenfalls scheint von spirituellen Dingen generell nicht viel zu halten, sondern eher im materialistischen und schulmedizinischen Lager zu Hause zu sein (das entnehme ich auch anderen Interviews mit ihr). Das ist natürlich okay für sie, aber damit werden ihre Argumente undifferenziert und weniger überzeugend.

    Von „vermeintlichen Chakren“ zu sprechen und die Lebensenergie Chi gleich ganz zu leugnen – dazu gehört schon was.

    Auf der anderen Seite spricht aus ihren Antworten eine unkritische Einstellung zu der Welt, in der sie lebt. Damit verstellt sie den Weg auf eine ganz andere mögliche Antwort auf die Frage, warum die Esoterik so attraktiv für so viele Frauen ist. Viele haben nämlich die konsumorientierte Welt und die Sexualisierung so gut wie aller Lebensbereiche satt und suchen ein Leben – einen Spiegel -, in dem sie sich anders sehen können, in dem sie auch anders sein können, in dem sie sich wertgeschätzt fühlen können.

    Dass dieser Spiegel – die Esoterik – nicht der geeignete ist, dem stimme ich zu. Ich glaube nur nicht, dass Frau Barth mit ihrer Vorgehensweise auch nur eine einzige Anhängerin der Esoterik davon überzeugt, dass es einen besseren gibt.

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  1. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Feindliche Lehrer_innen, gefährliche Esoterik, Verunglimpfung des Staats – kurz verlinkt - […] wie immer gibt es auch einige Texte online zu lesen. Zum Schwerpunktthema erläutert Claudia Barth, was Esoterik gefährlich macht…
  2. Links 15.06.2014 – ryuus Hort - […] über einen Artikel in der Zeitschrift an.schläge über Esoterik. Ich hätte Lust, einen Artikel dazu zu schreiben, denn auch…

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