an.klang: Von Füchsen und Freigewässern

So viele tolle neue Platten, und so wenig Platz! SONJA EISMANN präsentiert eine eklektische Auswahl aus DIY-Antifolk, Avantgarde-Pop, jazziger Spurensuche und berührendem Songwriting.

 

Chicks on Speed Records lebt! Nachdem die letzten Releases nun schon vier Jahre her sind und es um das Bandkollektiv selbst auch ein wenig ruhiger geworden ist, gibt es diesen Herbst freudige Neuigkeiten: Das Münchner Duo beißpony veröffentlicht sein Debüt Brush Your Teeth (Chicks on Speed Records/Indigo) auf dem ebenfalls in der bayerischen Hauptstadt angesiedelten Label. Die beiden Musikerinnen, die so viel mehr machen als „nur“ Musik, sind vor allem im Do-it-yourself- oder eher Do-it-together-Kosmos wahrlich keine unbeschriebenen Blätter: Steffi Müller, bekannt für ihre Modeexperimente und Textil-Performances, und Laura Theis, Singer-Songwriterin aus der Antifolk-Szene, lernten sich im Münchner Kafe Kult kennen, wo sie auch zum ersten Mal gemeinsam auftraten. Mit „Störgeräuschen“ wie klackernden Schreibmaschinen und ratternden Nähmaschinen unterfüttern die beiden ihre scheinbar lieblichen, maßgeblich von Piano und zartem Schlagzeug getragenen Kompositionen und schmuggeln subversive Botschaften zu Kapitalismus und Feminismus in die vermeintliche Harmonie, wenn sie zum Beispiel über Arbeitsverweigerung nachdenken oder eine Hommage an die Dada-Künstlerin Elsa von Freytag-Loringhoven einbauen. Einer der berührendsten Momente dieses so zarten und doch ungemein kraftvollen Albums ist das Cover von „Diane“, einem Stück von Hardcore-Legende Hüsker Dü, in dem das Schicksal einer vergewaltigten und ermordeten Kellnerin besungen wird. 
Das Debüt der Wiener Medienkünstlerin und Sängerin Mimu Merz, Elegies in Thoughtful Neon, ist so speziell, dass gleich ein neues Label dafür gegründet wurde: Liska Records (im Vertrieb bei Good To Go). Liska ist das russische Wort für Fuchs – und der kommt auf dem Album gleich zweimal vor: einmal im dritten Stück „Deer and Fox“ und noch einmal ganz am Ende mit dem gleichen Titel, aber als Original durchs Telefon gesungen. Diese verschachtelte Indirektheit ist typisch für die Arbeitsweise von Mimu, die kinderleicht zwischen experimentellen Klangversuchsanordnungen und fast symphonischem Pop hin- und herwechselt und dabei mit zuckersüßer Stimme über gar grausige Themen wie Tod oder Verstümmelung jauchzt. Avantgardistisch, ohne manieriert zu sein, und darüber hinaus catchy Poptunes – das sucht tatsächlich seinesgleichen.

Mimu Merz © Alexandre Bougés

Ein ganz besonderes Projekt ist auch „Coin Coin“ der US-amerikanischen Saxofonistin Matana Roberts, das mit seinem Chapter Two: Mississippi Moonchile (Constellation/Trost) nach Kapitel eins („Gens de couleur libres“) nun in die zweite Runde geht. Roberts, die bereits auf dem Postrock-Label Thrill Jockey veröffentlichte und als Gastmusikerin bei Bands wie Godspeed You! Black Emperor oder Thee Silver Mt. Zion zu hören war, ist weit von herkömmlichen, leicht konsumierbaren Popstrukturen entfernt – formal wie auch inhaltlich. Denn in ihrer Coin-Coin-Reihe geht es um Erinnerung und Rückeroberung afro-indigener US-Geschichte, die auch ihre eigene ist: um das Zusammenfügen von fragmentierten Narrativen und traditionellen amerikanischen Folksongs zu einem wild und frei fließenden Free-Jazz-Panorama, in das neben den fünf InstrumentalistInnen auch die Operntenor-Vocals von Jeremiah Abiah sowie die von Spoken-Word-Intonation bis zu Soulgesang reichende Stimme von Matana Roberts eingebaut wurden.
Seit Jahren ist die klassisch ausgebildete Musikerin Aisha Burns Geigerin in der Chamberfolk-Band Balmorhea aus Austin, Texas. Mit ihrem Solo-Debüt sowie mit den Erfolgen von Valerie June besteht Hoffnung, dass in Zukunft mehr afro-amerikanische Singer/Songwriterinnen Gehör finden (und nicht nur weiße „Elfen“). Wer Burns’ Life in the Midwater (Western Vinyl/Trost) hört, kann sich kaum vorstellen, dass sie jahrelang nur im Geheimen gesungen hat, so ausdrucksstark und nuanciert klingt ihre Stimme in den kargen und emotional umso wuchtigeren Songs, meist nur begleitet von einer Akustikgitarre. Berührend und packend zugleich.

1 Kommentar

  1. Ich habe das beißpony-Album schon hören dürfen! Das sind vom ersten bis zum letzten Lied nur Supersongs – und so etwas ist echt selten!! Die Texte sind angenehm verspielt und ironisch verschachtelt, so dass sie sich niemals abhören werden. Und die Musik spielt dagegen an, schwingt sich hoch zu echten Hymnen und Klassikern. Ride on, beißpony!! Bite & then BRUSH YOUR TEETH!!

    Hier ein Link zu Fairytale Ending – beißpony live auf der Fusion 2013

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