Das erste Mal

Eine Reportage aus dem Kreißsaal von LOUISA HUTTER

 

Fünf Uhr morgens, in Berlin schneit es, im Schwesternzimmer läutet das Telefon, der Anruf kommt aus dem Kreißsaal. Eine der Pflegerinnen nimmt den Hörer ab, nickt, schaut durch den Raum, findet mich und sagt ziemlich gelassen: „Louisa, du kannst runter, es geht gleich los.“

Was da gleich los geht bzw. eigentlich schon seit Stunden andauert, ist die erste Geburt, die ich live miterleben darf. Ich stehe also auf, rücke meine OP-grüne Kleidung zurecht, desin­fiziere mir zum gefühlt vierzigsten Mal in diesem Dienst die Hände und nehme den Fahrstuhl in den Kreißsaal. Unten angekommen geht alles ziemlich schnell. Eine Hebamme holt mich ab und bringt mich in den Raum „Geburt 5“. Ohne wirklich zu wissen, was mich erwartet, stehe ich in einem dottergel­ben Krankenhauszimmer neben einer Frau in den Wehen. Sie bemerkt mich erst gar nicht, die Hebamme klärt mich über den bisherigen Verlauf der Geburt auf, der Muttermund ist bald sieben Zentimeter geöffnet, die Frau will keine Schmerzmittel und keinen Damm­schnitt. Dann zeigt die Hebamme auf einen Stuhl an der Wand, ich solle mich dort erstmal hinsetzen. Ich sitze der Vulva der Gebärenden direkt gegenüber. Mein Ehrenplatz.

Die Frau liegt mit gespreizten Beinen im Bett und stöhnt, ihr Gesicht ist verschwitzt. Filmreifes Schreien bleibt die ganze Geburt aber aus. Zwischen den Wehen ist die Frau schmerzfrei und ansprechbar, sie hat mich jetzt bemerkt, wir lächeln uns kurz an, dann kommt auch schon die nächste Wehe. Hebamme und Frau atmen gemeinsam. Die Frau stöhnt, hört wieder auf, stöhnt wieder.

Ziehen und knien. Das Bett, auf dem sich die Gebärende befindet, gleicht in etwa einem extrem gemütlichen gynä­kologischen Untersuchungsstuhl. In der Mitte über dem Bett hängt ein Seil von der Decke, an dem die Frau während der We­hen ziehen kann. Ober­halb des Bettes am Kopfende sind zwei Stangen befestigt, an denen sie sich festhalten kann.

Die Frau wechselt jetzt die Position, sie kniet sich auf alle Viere in ihr Bett, die Wehen kommen in immer schnelle­ren Abständen. Nachdem eine weitere halbe Stunde vergangen ist und die Hebamme erneut die Lage des Kindes im Becken überprüft hat, gibt sie der Mutter das O.K. zum Pressen. Die soge­nannte Austreibungsphase beginnt. Das Kind kommt in den Vaginalgang.

Auf meinem Stuhl sitzend sehe ich mit jedem Pressen den Kopf des Kindes näher kommen, und die Vagina dehnt sich auf eine erstaunliche Größe. Die Hebamme spricht der Frau gut zu, greift aber sonst kaum ein. Sie wechselt noch einmal ihre Handschuhe und massiert den Damm der Gebärenden. Sie kann den Kopf des Babys schon fassen. Immer mehr Blut kommt aus der Vagina, bis mit einer sehr langen Presswehe mit einem Mal der Kopf des Kindes aus der Scheide hervorschaut. Er ist blau und weiß, das Baby gibt noch keinen Ton von sich und wirkt ebenfalls angestrengt. Dieser leicht irritierende Anblick verschwindet mit der nächsten Wehe und das Kind flutscht mitsamt einer Riesenmenge Blut aus der Vagina in die Arme der Hebamme.

Eine blutige Sache. Ich sitze immer noch auf meinem Stuhl, während um mich herum tausend Dinge passieren. Die Nabelschnur wird durchtrennt, das Baby schreit, die Ärztin betritt den Raum und kontrolliert, ob alles soweit gut gelaufen ist. Der erste Teil der Geburt ist vorbei. Jetzt heißt es noch warten auf die Plazenta. Nachdem diese sich zu lange nicht zeigt, zieht die Hebamme vorsichtig an der Nabelschnur, die an der Innenwand der Plazenta sitzt. Durch den Zug löst sich Letztere und wird mit einer Menge Blut aus dem Uterus gespült. Die Geburt ist vorbei. Überall ist Blut. Ich schaue wieder zu der Frau und beglückwünsche sie. Sie sieht erleichtert aus. „Das ist mein erstes und letztes Kind“, sagt sie und lacht dabei.

Als ich die Frau zwei Tage später auf der Wöcherinnenstation erneut treffe, ist sie schon wieder topfit, lässt mich ihr kleines Baby halten und erzählt, sie hätte nie gedacht, dass eine Geburt so eine dreckige Sache sei. Ich gebe der Frau Recht, denn nach drei Monaten Praktikum auf der Geburtenstation weiß ich, dass frau generell nicht alles glauben sollte, was sie über Geburten gehört hat.

 

Louisa Hutter ist 24 und will, wenn sie mal groß ist, Gynäkologin werden.

1 Kommentar

  1. Danke fuer den Bericht und Gratulation zur ersten Geburt 🙂 Ich habe ebenfalls gerade vier Wochen Praktikum auf einer gynaekologisch-geburtshilflichen Station hinter mir, allerdings fand sich in dieser Zeit fuer mich nicht die Moeglichkeit, auch einer Geburt beizuwohnen, obwohl ich mir das sehr gewuenscht haette. Offenbar ist Jaenner eine geburtenschwache Zeit, einige waren von Privatpatientinnen, manche zu stressig fuer die beteiligten AerztInnen, manche Frauen wollten explizit oder implizit keine ZuschauerInnen … und ja, ich habe es auch am Nachmittag/Abend versucht 😉 Aber vermutlich ist ohnehin das wichtigste, was mensch dort lernen kann, dass die Geburt eine langwierige Sache mit viel Warterei ist und die Austreibungsphase nur kurz dauert …

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