an.lesen: Ihr Name ist Frances

In einem Sammelband über Feminismus, Judentum und Klassenunterschiede erfährt „Dirty Dancing“ zum 25. Jubiläum endlich die verdiente Würdigung. Von FIONA SARA SCHMIDT

 

„Grey und Swayze, das war ein Paar für die Söhne und Töchter, die weiße Golf GTIs zum Abi bekamen, für die Popper, die sich mit einem hart erarbeiteten Hüftschwung für die Länge eines Hits in ungezügelte proletarische Körperwelten katapultieren wollten“, so die Film- und Medienwissenschaftlerin Birgit Glombitza. Dass die romantische Tanzschnulze von der Entdeckung amerikanischer Identität erzählt, von Weiblichkeit und dem Spiel mit Bildern ebendieser Identität, wird in Glombitzs Beitrag für den kürzlich erschienenen „Dirty Dancing“-Sammelband verhandelt. Von der Filmwissenschaft weitestgehend als seichter „chick flick“ ignoriert, aus linker oder feministischer Perspektive als Hollywoodschnulze abgetan, wurde der Tanzfilm von seinen Fans bis ins Absurde abgefeiert und von der Popkultur massenhaft zitiert. Der von der Journalistin Hannah Pilarczyk zum 25. Jubiläum herausgegebene Band enthält deshalb neben den neun – mehr oder weniger in kulturwissenschaftlichem Jargon verfassten – Aufsätzen auch solche Zitate aus Film und Fernsehen sowie Bleistiftzeichnungen.

Schmalzlocke im Culture War. Heute als ultimative Achtziger-Nostalgie verehrt, wird schnell vergessen, dass „Dirty Dancing“ eigentlich im Sommer 1963 spielt, vor Kennedys Ermordung, den Beatles und Vietnam. In der ersten Filmszene sehen wir „Baby“ (Jennifer Grey) lesend auf der Rückbank sitzen. Sie wird bald Frances heißen, „economics of underdeveloped countries“ studieren und sich der Friedensbewegung anschließen. Dieser Familienurlaub in den Catskill Mountains lässt sie ihre sexuelle und politische Unschuld verlieren. Wenn Baby vom Beginn einer neuen Ära berichtet, geht es nicht nur um sie, sondern um die Nachkriegsgeneration der „Baby-Boomer“, die als kollektives Trauma Vietnam erfuhr und deren Angehörige Pioniere der Popkultur waren.
43 Absagen gab es für den „kleinen weichen“ Film – die Studiobosse wollten es groß und hart, berichtete die Autorin und Co-Produzentin Eleanor Bergstein, die früher selbst mit ihrer Familie in den Catskills Ferien machte. Eine Kosmetikfirma entschied sich gegen Sponsoring, weil Pennys Abtreibung nicht aus dem Drehbuch gestrichen wurde. Der Film ist ein Debattenbeitrag zum „culture war“ seiner Entstehungszeit, er bildet Konflikte ab: Die proletarischen Angestellten verkaufen wie Schmalzlocke Johnny ihre Arbeitskraft oder gar Körper an liberale, größtenteils jüdisch-amerikanische Feriengäste.

Libido und Politik. „In der Filmgeschichte gibt es kaum Beispiele, in denen Frauen so gut behandelt werden wie in ‚Dirty Dancing‘“, so die Herausgeberin. Der Blick der Kamera zeigt Babys Begehren und Johnnys Körper als Fetisch. Auf Augenhöhe fordert sie zum Tanzen und somit auch zum Sex auf. Das Mädchen von nebenan bekommt den Schönling, ohne sich zu verstellen, sie geht spielerisch mit Weiblichkeitsidealen um, begeistert mit wilder Lockenmähne und markanter Nase – die Jennifer Grey später korrigieren ließ, um dem Baby-Fluch zu entkommen.
Besonders aufschlussreich ist der Beitrag von Caspar Battegay über jüdische Identität. Nicht nur Baby ist Grenzgängerin zwischen den jüdischen Feriengästen der Mittelschicht; über Körperlichkeit und Musik überwinden auch andere kulturelle und ökonomische Grenzen, die amerikanische Gesellschaft wird als eine entworfen, die aus Minoritäten besteht. Soziale Exklusion wird allerdings nur als Phänomen unter Weißen verhandelt, der herrschende Rassismus, so zeigt ein anderer Beitrag, wird stattdessen etwa über die berühmte Wassermelone transportiert, die als Zeichen Schwarzer Armut interpretiert werden kann.
Kirsten Reißelmann zeichnet in ihrem Text die Geschichte des weiblichen Coming-of-Age-Films nach und zeigt, dass Baby drei Wochen lang Zeit hatte, „um Körperbewusstsein, Libido und politisches Rückgrat in schöner Parallelität zu gewinnen“ und dabei auch noch ihren Ödipus-Komplex zu überwinden.
Ob die Hebefigur nun Orgasmus, sozialistische Utopie oder den Beginn der Multikulturalität markiert, möge die Leserin selbst entscheiden. „Dirty Dancing“ jedenfalls ist raus aus der Schmuddelecke – und das Remake des Erfolgsfilms schon in der Mache.

Hannah Pilarczyk (Hg.): Ich hatte die Zeit meines Lebens. Über den Film „Dirty Dancing“ und seine Bedeutung. Verbrecher Verlag 2012, 15,50 Euro

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