„Sehr, sehr wütend“

Warum wir alle gemeinsam mit den Frauen, die von Armut betroffen sind, an den Strukturen unserer Gesellschaft rütteln sollten. Ein Plädoyer für eine Neuverteilung von Arbeit und Vermögen. Von MARTINA MADNER

 

Einmal von Armut betroffen zu sein, das hätte sich weder Maria Stern noch Susanne Stockinger früher vorstellen können. Die Armut kam trotzdem: bei Maria Stern nach ihrer Scheidung, bei Susanne Stockinger als sie ihren Job verlor und nach einer langen Phase der Arbeitslosigkeit in Pension ging.

Andere leben von Beginn an in Armut, weil schon ihre Eltern zu wenig zum Bestreiten ihres Lebensunterhalts hatten und die Armut an die nächs­te Generation weitervererbt wurde. Einige geraten in Armut, weil ihnen der Einstieg in die bezahlte Erwerbsarbeit nicht gelingt, entweder wegen mangeln­der Bildung oder weil der Arbeitsmarkt trotz guter Ausbildung nur prekär bezahlte Jobs bietet – um nur einige Beispiele zu nennen. Armut trifft aber auch jene, die sich selbst der Mittel­schicht der Gesellschaft zurechnen und lange Zeit durchaus ein gutes Auskom­men fanden: mit Familie, solider Ausbil­dung und gut bezahlten Jobs, Urlaub, Auto und Wohnung. Jene, die, materiell scheinbar gut abgesichert, einen ganz traditionellen Lebensverlauf gewählt haben. Aber auch dieser Lebensentwurf kann zu Armut führen, insbesondere bei Frauen. Und das nicht obwohl, sondern weil sie allen Konventionen, die ein konservativ nach klassischem Muster gelebtes Frauenleben so vorsieht, ent­sprochen haben.

Zehn bis zwanzig Euro im Monat für Essen. Maria Stern lebte nach ihrer Scheidung als Alleinerziehende mit ihren drei Kindern, alle noch im Kin­dergarten und in der Volksschule. Sie arbeitete halb­tags als Lehrerin. Mit dem Unterhalt für die Kinder ging es sich finan­ziell aus, Miete, Schulkos­ten, Klei­dung, Essen waren leistbar. Dann stellte ihr Ex-Mann die Unterhaltszahlungen ein, er hatte den Job verloren. Das Jugendamt, das Unterhaltszahlungen vorstrecken sollte, sträubte sich, einen Vorschuss zu leisten. Im Raum stand, dass der Ex dauerhaft erwerbsunfähig sein könnte und das Jugendamt das Geld vom dreifachen Kindsvater deshalb möglicherweise nicht eintreiben würde können. Eine Gesetzeslücke, nach der Kinder von erwerbsunfähigen Vätern im Vergleich zu jenen, bei denen zumin­dest die Chance auf eine neuerliche Erwerbsarbeit besteht, benachteiligt werden – und die die Bundesregierung nach wie vor nicht geschlossen hat.1

Damit hatte Maria Stern plötzlich neunhundert Euro weniger pro Monat zum Leben. Rückblickend bezeichnet sie sich und ihre Familie als von abso­luter Armut Betroffene. „Ich musste überlegen, ob ich neue Gummistiefel für die Kinder besorge, weil sie schon eine Nummer zu klein sind oder es doch noch hinausschiebe, weil ich das Geld für Essen brauche“, sagt Maria Stern. In Zahlen bedeutet das, dass ihr und ihren drei Kindern nach Abzug aller Fixkosten, Energie, Miete, Telefon, nur noch zehn bis zwanzig Euro im Monat für Essen übrig blieben. Eventuelle Reserven sind in solchen Situationen rasch weg und das Minus auf dem Konto wächst bedrohlich. Der Kampf mit den Behörden um eventuelle soziale Unterstützung und den Unterhaltsvor­schuss zog sich währenddessen weiter hin. „Das bedeutet Stress, immer mehr Isolation, Verzweiflung, Depressionen, mein Nervenkostüm war sehr dünn“, erklärt Stern. Von den Behörden erhielt sie immer wieder andere Auskünfte, was zu tun sei. Das Warten machte sie ohnmächtig. Dann wurde sie wütend. „Sehr, sehr wütend“, sagt sie, „ich habe lange gebraucht, bis ich die Schuld nicht mehr bei mir gesucht, sondern erkannt habe, dass die Strukturen dafür sorgen, dass ich selbst als Akademikerin mit einer guten Ausbildung an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde.“ Damit ging es ihr besser, sie setzte sich zur Wehr und versuchte, einen neu­en Arbeitsvertrag mit mehr Stunden zu bekommen, was ihr gelang. Stern versteckte sich nicht mehr und sprach offen über ihre finanzielle Situation – auch bei öffentlichen Veranstaltungen, mit Medien und mit PolitikerInnen. Sie rüttelte an den Strukturen und macht das heute noch als Künstlerin mit ihren Liedern, obwohl sie selbst mittlerweile nicht mehr von Armut betroffen ist.2

Jede Menge unbezahlter Arbeit. Dass Armut von gesamtgesellschaftlichen Strukturen verursacht wird, steht außer Frage. Diese Strukturen gaukeln Frauen (und Männern) vor, dass sie mit Leistungsbereitschaft ihre Existenz absichern können. Zugleich wird aber die Leistung in der Erziehungs-, Pfle­ge- und Hausarbeit weiterhin gering geschätzt. Diese unbezahlte Arbeit wird immer noch zu zwei Dritteln von Frauen erledigt und Berufe in diesen Berei­chen deutlich unter dem Durchschnitt entlohnt. Frauen bleibt dabei häufig nur das Modell des bloßen Dazuverdienstes, denn eine Vollzeiterwerbsarbeit wird vor allem durch fehlende Kinderbetreu­ungsangebote erheblich erschwert. Es sind Strukturen, die Vermögenswerte als rechtens erwirtschaftet und als nicht antastbar definieren, aber bei Erwerbs­arbeit mit hohen Steuersätzen und Sozialabgaben zugreifen. Strukturen, in denen Arbeits­lose ab 45 bzw. Frauen schon ab vierzig Jahren für den Arbeits­markt zu „alt“, aber für den Pensionsantritt zwanzig Jahre zu jung sind, und die vielen Frauen wegen einer deutlich zu geringen Pension auch im Alter kein ei­genständiges Leben erlauben. Die Folge davon ist, dass in Österreich mindestens 281.000 Frauen von Armut betroffen sind und eine weitere halbe Million Frauen als von Armut gefährdet gilt.

Armut im Alter. Susanne Stockinger ist eine dieser Pensionistinnen, die von sich sagt, dass sie armutsgefährdet ist. Sie kann sich z.B. ihre Wohnung nur deshalb leisten, weil einer ihrer erwachsenen Söhne bei ihr wohnt und zu den Mietkosten beiträgt. Nach einer sieben Jahre andauernden Arbeitssuche ist die heute 62-Jährige seit 2000 in Invaliditätspension. „Ich habe bei einer Bank gearbeitet und ganz gut verdient. Als ich bei einer Umstrukturierung mit 43 ‚ausgeschieden‘ wurde, dachte ich, dass es kein Problem sein wird, einen neuen Job zu finden“, sagt Stockinger rückblickend. „Da habe ich mich sehr getäuscht.“ Eine neue Arbeitsstelle als Großhandelskauffrau zu finden, erwies sich bald als utopisch. „Ich habe dann vom Empfang über Portierstellen bis hin zu befristeten Vertretungsjobs alles angenommen, was irgendwie nach Büro klingt. Ich dachte, wenn ich einen Fuß in einer Firma drin habe, kann ich mich beweisen, und dann wird es was mit einer fixen Stelle.“ Aber als es in einer Firma tatsächlich offene Stellen gab, wurde Jüngeren der Vorzug gegeben: „Es hat mir zwar niemand direkt gesagt, aber ich habe gespürt, dass ich mit Mitte vierzig offenbar als zu alt galt.“ Stockinger versuchte es trotzdem immer wieder von Neuem, gründete den Verein „AhA – Arbeitslose helfen Ar­beitslosen“, um andere in der gleichen Situation ehrenamtlich zu unterstützen und ihnen genau wie sich selbst Mut zu machen.3

Auf Anraten des AMS-Beraters stellte sie schließlich einen Pensionsantrag. Mit einem siebzigprozentigen Behin­derungsgrad wegen einer Sehschwä­che – den sie bei der Arbeitssuche immer verschwiegen hatte, um ihre Jobchancen nicht zu mindern – wurde ihr die Invaliditätspension gewährt: „Das Problem dabei ist nur, dass diese Pension eben sehr klein ist und ohne die Witwenpension und die Unterstützung der Kinder Neuanschaffungen wie eine Waschmaschine nicht drin wären.“ Pro­blematisch ist aber auch, dass sie selbst mit Arbeit bis zum regulären Pensi­onsalter nicht viel mehr Geld erhalten hätte. Stockinger hatte wegen ihrer vier Kinder lange Arbeitsunterbrechungen und in jungen Jahren immer nur Teilzeit gearbeitet. Heute ist es ihr deshalb wichtig, jüngere Frauen auf diese Teil­zeitfalle aufmerksam zu machen.

Vollzeit alleine ist keine Lösung. Das typische Frauenerwerbsleben rächt sich: Die Arbeiterkammer zeigt auf, dass ein Jahr Arbeitsunterbrechung die Pension um zwei Prozent vermindert, ein Jahr Teilzeit reduziert die Pension um ein Prozent. Eine Unterbrechung von fünf Jahren und 15 Jahre Teilzeit reduziert eine Pension am Ende des Erwerbsle­bens von 1.250 Euro auf 1.000 Euro, im Vergleich zu einer Frau mit demsel­ben Einkommen, die nur drei Jahre mit ihren Kindern in Karenz war und sonst Vollzeit gearbeitet hat.

Schon dieses Beispiel zeigt, dass es im Kampf gegen Frauenarmut um eine Neuverteilung von Einkommen und Arbeit gehen muss. Neben der Umver­teilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit könnte eine Verkürzung der regulären jährlichen und wöchentlichen Erwerbsarbeitszeit neue Stellen schaf­fen. Bei gleich bleibenden Löhnen er­hielten ArbeitnehmerInnen damit auch einen höheren Anteil am erwirtschafte­ten Erfolg der Unternehmen. Theore­tisch, denn in der politischen Praxis bestimmen das Wirtschaftswachstum und damit die Rücksichtnahme auf die Unternehmen den Diskurs. Und die momentane Diskus­sion um Zuschuss-Renten in Deutsch­land zeigt, dass die Neuverteilung von Erwerbsarbeit nur ein Teil der Lösung ist. Ausgangspunkt war schließlich Arbeitsministerin Ursula von der Leyens Erkenntnis, dass Alters­armut auch jene treffen kann, die 35 Jahre lang Vollzeit gearbeitet hätten, aber weniger als 2.500 Euro brutto monatlich verdienen. Das zeigt, dass Er­werbsarbeit zur Alterssicherung alleine oft nicht reicht.

Diskutiert werden muss also auch über neue Standbeine für die soziale Absi­cherung: über den Anteil, den private Vermögenswerte dazu beitragen könn­ten; den Ausbau von öffentlicher Infra­struktur wie Kinderbetreuung, Pflege, aber auch leistbarem Wohnraum und öffentlichem Verkehr, der insbesondere Frauen finanziell und zeitlich entlastet und außerdem Arbeitsplätze schafft – und das sind nur ein paar Beispiele. Es geht jedenfalls darum, individuelle Probleme von einzelnen wie Maria Stern und Susanne Stockinger als jene der gesamten Gesellschaft zu begrei­fen – und sie gegen die verursachenden Strukturen nicht alleine ankämpfen zu lassen.

Martina Madner ist freie Journalistin und Autorin in Wien.

Fußnoten:

1 Sechzig Prozent der Kinder und Jugendlichen in Österreich bekommen zu wenig, 17 Prozent gar keine Alimente. Kinder und Jugendliche von Alleiner­ziehenden sind doppelt so oft von Armut betroffen wie andere Kinder. Maria Stern sammelt deshalb mit anderen Engagierten Un­terschriften, um damit von der Regierung einzufordern, für jedes Kind ein Recht auf Unterhaltsvorschuss zu gewährleisten. Petition „Kindesunterhalt? Ja, Bitte!“ www.npobase.com/kindesun­terhalt-ja-bitte

2 Maria Stern ist Allein­erzieherin, Lehrerin und Songwriterin. Bekannt wur­de sie mit dem „Swarovski Song“, ihrer Antwort auf Fiona Swarovskis Ratschlag, die Armen sollten doch Gemüse auf der Terrasse pflanzen. Mehr über ihre Musik auf www.myspace.com/mariastern.

3 Der Verein „AhA – Arbeitslose helfen Arbeitslo­sen“ in Linz bietet kostenlo­se Beratung für Arbeitsu­chende, speziell für jene ab vierzig Jahren. Es geht um die Vermittlung zwischen AMS und Arbeitsuchenden bei persönlichen Problemen, aber auch darum, sich unter Betroffenen auszutauschen und mit der eigenen Ar­beitslosigkeit besser fertig werden. www.vereinaha.at

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