lebenslauf: Ladyfriends

auch feministinnen altern

Ich bin in dem Alter, in dem für vieles, was mir früher wichtig war, nicht mehr genug bzw. gar keine Zeit ist und in dem neue Prioritäten gesetzt werden müssen. Früher bin ich stundenlang durch Plattenläden gestreunt und habe mich durch unzählige Tonträger gehört, bevor ich dann ein, zwei neue erworben habe. Mehr konnte ich mir sowieso nicht leisten, und manchmal habe ich auch gar nichts gekauft. Stundenlang, auch tagelang habe ich Musik gehört. Jetzt fehlt mir dazu die Freizeit und die mit ihr einhergehende Muße. In der mir verbleibenden freien Zeit ist es mir wichtiger, mich mit Freundinnen und Freunden zu treffen. Doch seit mein bester Freund – ich kannte ihn zwanzig Jahre – vor einem Jahr verstorben ist, habe ich eigentlich fast nur noch Freundinnen. Alle sind in einem Alter, in dem sie zeitintensive Jobs haben: Einige sind vollbeschäftigt, einige in mehreren prekären Jobs gleichzeitig tätig und andere arbeiten, um sich das Kunstmachen zu finanzieren. Oder ihre Lebensmittelpunkte haben sich verlagert: Eine ist nach Rotterdam, eine in die Nähe von Athen und eine nach Berlin gezogen, eine ist in Oslo geblieben. Teilweise sind sie in lesbischen oder heterosexuellen Beziehungen und haben Familien gegründet und Kinder bekommen. Manche haben Job, Kind und Partnerschaft. Mit manchen muss ein gemeinsamer Termin – wenn wir uns zu dritt oder viert treffen wollen – zwei Monate im Voraus abgestimmt werden. An dem einen Wochenende ist eine auf Geschäftsreise oder nimmt an einer Konferenz im In- oder Ausland teil. An dem anderen Wochenende besucht eine ihre Eltern oder muss auf eine Familien- oder Geburtstagsfeier. Optimistisch stimmt mich die Tatsache, dass meine Mutter mittlerweile keine Zeit mehr hat, weil sie sich ständig mit ihren ehemaligen Schulfreundinnen trifft. In der Pension haben sie wieder zueinander gefunden. Und müssen sich erst mal erzählen, womit sie die letzten vierzig Jahre so ihre Zeit verbracht haben.

Christiane Erharter hat für die besten Freundinnen und Freunde weniger Zeit als ihr lieb ist.

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