an.sprüche: Wohlverdient! Oder wohl oder übel?

In der Debatte um eine Angleichung des Pensionsalters gibt es auch unter Frauen durchaus geteilte Meinungen.
BRIGITTE RUPRECHT und RUBINA MÖHRING diskutieren.

 

Brigitte Ruprecht: Das Pensionsalter der Frauen soll unter dem Deckmäntelchen des Sparens vorzeitig angehoben werden. Für Frauen habe das nur Vorteile, sie würden dadurch eine höhere Pension erhalten – sagt die Wirtschaft. Entscheidend dafür ist aber nicht das gesetzliche Pensionsalter, sondern das faktische. Und danach gehen Frauen nur ein Jahr und vier Monate früher in Pension. Allein durch 1,4 Jahre längeres Arbeiten erhalten Frauen aber nicht 502 Euro mehr Pension – Männer erhalten im Schnitt eine Pension von 1.288 Euro netto, Frauen 786 Euro.

Die Gleichstellung von Frauen und Männern kann daher nicht beim Pensionsalter beginnen. Zuerst müssen die Benachteiligungen von Frauen während des Berufslebens beseitigt werden. So will es übrigens auch das Gesetz von 1992, das Frauen die Möglichkeit einräumt, früher als Männer in Pension zu gehen. Eine Fülle von Maßnahmen sollte gewährleisten, dass in den folgenden Jahren die Gleichstellung eintritt.

Weit gefehlt, denn Frauen erhalten noch immer weniger Gehalt, weil Frauen potenziell Kinder bekommen können. Vollzeitarbeitsplätze, Wei­terbildungen, Führungspositionen sind häufig Männern vorbehalten. Auch der schwierige Wiedereinstieg nach der Karenz macht es den Frauen nicht gerade leichter, eine eigenständige Altersversorgung zu erwerben. Hinzu kommt, dass eine vorzeitige Anhebung des Pensionsalters für viele Frauen eine längere Arbeitslosenzeit bedeuten würde: Ein Drittel der Pensionsan­träge wird aus der Arbeitslosigkeit beantragt.

Für die Budgetsanierung gibt es bei den schmalen Fraueneinkommen also nichts zu holen. Die Regierung muss sparen, ja. Aber sparen bedeutet auch, richtig zu investieren, wie in den Ausbau der Kinderbetreuung. Frauen kön­nen dadurch ihre Qualifikationen am Arbeitsmarkt besser einsetzen, da der Wiedereinstieg erleichtert wird und die Arbeitszeit ausgeweitet werden kann. Das würde auch die Steuereinnahmen erhöhen. Kurz: Fangen wir mit der Gleichstellung da an, wo sie notwendig ist – beim Berufseinstieg, nicht bei der Pension.

Brigitte Ruprecht ist ÖGB-Bundesfrauenvorsitzende.

 

Frauenpension

Illustration: Bianca Tschaikner

 

Rubina Möhring: Noch in unserer Elterngeneration galten Sechzigjährige als alte Menschen: Vom Leben zu verbraucht, um noch mit dem Tempo der Arbeitswelt Schritt halten zu können, und bereits müde genug, um sich auf den wohlverdienten Ruhestand zu freuen. Heutige Sechzigjährige sind, so sie nicht in entfernten Krisengebieten aufwuchsen, allesamt bereits Kinder der Aufbau- und Wohl­standsgesellschaft nach dem 2. Weltkrieg des 20. Jahrhunderts. Entspre­chend besser ist ihre Konstitution, entsprechend höher sind die Lebenser­wartungen, entsprechend jünger ist das wahrgenommene Alter.

Auch unsere Gesellschaft hat sich in den vergangenen sechzig Jahren grundlegend geändert. Immer mehr Frauen entscheiden sich erst viel später als ihre Mütter für Kinder. Viele sind alleinerziehende Mütter, die ohne männlichen Haushaltsvorstand ihre Familien unterhalten. Heutige Sechzigjährige müssen zum Teil noch studierende Kinder unterstützen, und das ist als Pensionsempfängerin eine deutlich stärker spürbare finanzielle Belastung. Frauen sollten deshalb zumindest selbst entscheiden können, ob sie schon mit Sechzig oder erst später ihren Arbeitsplatz verlassen wollen, statt zum sechsten runden Geburtstag mir nichts, dir nichts vom Arbeitge­ber vor die Tür gesetzt zu werden.

Seit der Europäische Gerichtshof entschieden hat, dass ein früheres Pensi­onsalter für Frauen dem Gleichheitsprinzip zwischen Männern und Frauen widerspricht, wagen auch in Österreich zunehmend mehr Frauen Klagen vor dem Arbeitsgericht. Und zunehmend gewinnen sie diese Prozesse. Das ist zumindest ein erster Schritt. Bis Frauen tatsächlich für gleiche Arbeit das gleiche Gehalt wie Männer erhalten, wird es vermutlich leider noch länger dauern.

Statt Sechzigjährige zum alten Eisen zu degradieren, sollte heute besser über Alternativen nachgedacht werden. Warum nicht Betriebsstrukturen und Arbeitsmarkt-Philosophien dahingehend ändern, dass diese Genera­tionen samt all ihrem Know-how zum Nutzen der Arbeitswelt integriert bleiben? Alt ist nicht gleich alt, schon gar nicht heute. Ich selbst verstehe mein altersbedingtes Ausscheiden aus dem ORF am 1. April 2010 nach wie vor als Aprilscherz.

Rubina Möhring ist Autorin und Journalistin.

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