Hebammenarbeit für die Toten

Gut und liebevoll mit den Toten umgehen. Den Angehörigen genügend Zeit und Rituale für den Abschied geben – das bietet das Bestattungsunternehmen DIE BARKE. Mitbegründerin AJANA HOLZ und ihre Kollegin MERLE VON BREDOW schilderten SVENJA HÄFNER ihre ganz eigenen Arbeitsweisen.

 

an.schläge: Aus welchen Beweggründen heraus habt ihr euer eigenes Bestattungsunternehmen gegründet? Was waren eure persönlichen Motive, euch so intensiv mit dem Thema Tod zu beschäftigen?

Ajana Holz: Mir wurde das während einer dreijährigen schamanischen Ausbildung bei Ute Schiran klar. Im Gespräch mit meiner damaligen Gefährtin Brigitte wurde dann 1995 die Idee geboren, ein Bestattungsunternehmen zu gründen. In dieser Zeit sind auch zwei Freundinnen gestorben, und ich erlebte zum ersten Mal, wie wenig Unterstützung es hier gibt. Ich wollte als junge Frau Hebamme werden, und plötzlich fügte sich alles zusammen: Übergänge – Geburt – Leben – Tod – Sterben, also die andere Seite der Geburt, eine notwendige Hebammenarbeit für die Toten, die aus diesem Leben hinaus geboren werden. So wurden wir „Seelen-Hebammen“ für die Toten, Übergangsbegleiterinnen, erst nur für Frauen und Kinder, um ihnen den notwendigen Schutz für ihre Würde zu geben, später dann für alle. Nach vier Jahren Vorbereitungszeit haben wir 1999 „Die Barke“ gegründet, ohne Eigenkapital und ohne Sicherheiten. Meine Großmutter, die ich sehr geliebt habe, war die zweite Tote, die wir bestattet haben. Die erste war Gita Tost, eine bekannte feministische Lesbe, die damit zu unserer „Patin“ wurde. Und mittlerweile haben wir auch Freundinnen bestattet. Jedes Mal habe ich erfahren, dass ohne Zeit für den Abschied bei den Toten ein Begreifen überhaupt nicht möglich ist.

Sich innerhalb der Normen zu bewegen und gleichzeitig auch außerhalb des Systems, das ist die Meisterinnenleistung jeder radikal feministischen Lesbe. Das machen wir mit der BARKE jetzt schon seit zwölf Jahren.

Welche Erwartungen haben eure Kund_innen an euch?

Merle von Bredow: Wir werden oft gerufen, weil wir empfohlen wurden oder weil unsere Internetseite gefiel. Die meisten, die uns rufen, rufen uns deswegen, weil sie mehr Raum haben und mehr Zeit mit ihren Toten verbringen möchten, und weil sie wissen, dass wir gut und liebevoll mit ihren Toten umgehen. Manche rufen uns auch gerade deswegen, weil sie wissen, dass bei uns ausschließlich Frauen arbeiten und sie ihre Mutter oder Freundin von Frauen gewaschen und versorgt wissen wollen.

Was unterscheidet euch von den herkömmlichen Bestattungsunternehmen? Was ist euch an eurer Arbeit besonders wichtig?

A. Holz & M. von Bredow: Wir sind auch ein ganz „normales“ Bestattungsunternehmen. Wir haben zwei dunkelrote Bestattungswägen, die von Schreinerinnen als Leichenwagen ausgebaut wurden. Wir übernehmen den ganzen Formalitätenkram und organisieren alles bei Ämtern, Behörden, Friedhöfen etc. Wir haben ökologische Särge und alles, was für Bestattungen, Hausaufbahrungen und Trauerfeiern nötig ist. Die Unterschiede finden sich in jedem Detail: unsere Sorgfalt, unser Umweltbewusstsein und dass die Wünsche der Toten und ihrer Lieben immer im Mittelpunkt unseres Handelns stehen. Wir bieten Hausaufbahrungen an, bringen die Toten auch vom Sterbeort noch einmal nach Hause und finden dabei auch in engen Treppenhäusern (die alle behindern, die nicht auf zwei Beinen unterwegs sein können) einen Weg. Wir empfehlen den Menschen, bei der Totenwaschung dabei zu sein: ein uraltes Menschheitsritual, in Deutschland schon lange in Vergessenheit geraten. Mit der Zeit haben wir erfahren, welche Wirkung und welch ein Zauber sich dabei entfalten kann: Durch die sanfte warme Berührung unserer Hände in Achtsamkeit und mit ganzem Respekt für ihren Körper können wir jedes Mal sehen, wie sich in kurzer Zeit die Gesichtszüge der Toten entspannen, wie sich die Leichenstarre auslöst, wie sich Schock, Schmerz oder Anstrengung aus den Körpern lösen, verkrampfte Hände loslassen – die Hingabe an den neuen Zustand. Ihren Körpern wird die letzte Ehrung gegeben, was besonders bei Frauen etwas ist, was schon zu Lebzeiten so selten oder nie geschieht. Und dann sind übliche Vorstellungen vom Totsein egal, wie z.B. „Das ist doch nur noch die Hülle.“ Ein Körper ist nie „nur“. Und es tut den Angehörigen gut, wenn sie mit uns waschen, einölen, behutsam die Lieblingskleidung anziehen. Sie können noch etwas tun für die Toten. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um mit der Trauer leben zu können, um etwas vom großen Mysterium Tod zu begreifen, von diesem ungeheuer lebendigen Zustand und der Präsenz der Toten, die wir und die Angehörigen jedes Mal spüren.

Aber diese Präsenz braucht einen geschützten Raum und Herzensberührung, um sich entfalten zu können. Wenn wir die Toten aus den Kühlfächern eines Krankenhauses holen, nackt, kalt, erstarrt, ihrer Würde beraubt, oder wenn wir verletzte Unfalltote aus ihren Plastiksäcken befreien, dann müssen wir sie erst einmal lange berühren, waschen, eventuell Wunden verbinden, mit ihnen in Kontakt sein und diesen Körpern ihre Würde zurückgeben. Und dann passiert es immer, selbst da, wo wir selbst nicht mehr daran geglaubt haben: Sie „erwachen“ wieder, werden lebendig auf diese nur mit dem ganzen Körper begreifliche, tief berührende Weise, und alle haben das Gefühl, dass sie jeden Moment wieder atmen. Dann, so paradox es klingen mag, beginnen sie ihren Weg weiterzugehen. Und die abschiednehmenden Lebenden können sie gehen lassen. Durch diese Präsenz und Lebendigkeit lehren uns die Toten über den Tod, und damit „helfen“ die Toten den Lebenden beim Abschied. Unsere Arbeit ist es, das auf jede Art und Weise zu unterstützen.

Wir achten übrigens im Besonderen bei Frauen, aber auch bei Männern, immer darauf, dass sie nie ganz nackt liegen, und das Waschen im Intimbereich übernehmen in den meisten Fällen wir selbst, ohne sie zu entblößen, weil solch eine Nähe für die uns begleitenden Angehörigen und für die Verstorbenen nur sehr selten stimmt.

Wie erlebt ihr den gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod?

A. Holz & M. von Bredow: Tod wird noch immer verdrängt. Die irrationale Angst und der Ekel vor dem Kontakt mit den Toten hat dazu geführt, dass Tote in der Regel wie giftiger Müll entsorgt werden. Mit Chemikalien und Desinfektionsmitteln werden die Toten oft erst giftig gemacht, was schädlich für uns und die Umwelt ist. Nichts an Toten ist zu keinem Zeitpunkt giftig oder schädlich für Lebende. In der gewaltsamen patriarchalen Abspaltung und Trennung von Leben und Tod wurde vergessen, dass aus allem, was stirbt, fruchtbare Erde entsteht, aus der alles neu wächst. Ohne Tod kein Leben.

Wie viel Raum wird der Trauer um einen Menschen heute noch gegeben und zugestanden?

M. von Bredow: In unserer Gesellschaft wird grundsätzlich den Menschen nicht viel Zeit zugestanden. Das erleben wir immer wieder, wenn wir in Großstädten Trauerfeiern organisieren. Auf vielen Friedhöfen werden Trauerfeiern im 20-Minutentakt abgehalten. Wenn die Menschen es sich leisten können, dann buchen wir schon auch mal die zwei- bis dreifache Zeit, damit für die Abschiedsfeier angemessen Zeit ist.

Für diejenigen, die sich das nicht leisten können, organisieren wir es so, dass sie stattdessen mehr Zeit am Grab haben oder dass die Trauerfeier an einem anderen Ort stattfindet. Je nach Verwandtschaftsverhältnis bekommen die Menschen oft nicht mal einen Tag frei, um sich verabschieden zu können, und müssen Urlaub nehmen. Wir müssen funktionieren, da hat der Tod keinen Platz und muss „nebenher“ bewältigt werden.

Trauern Frauen anders bzw. brauchen Frauen und Männer ihre jeweils eigene Art von Trauerbegleitung?

M. von Bredow: Gesellschaftlich bedingt ist es schon so, dass wir Unterschiede wahrnehmen. Männer haben oft mehr Angst davor, dem geliebten gestorbenen Menschen zu begegnen. Frauen tun sich da leichter und sind sehr froh über unsere Angebote, beim Waschen und Versorgen ihrer Toten dabei zu sein oder selbst mit Hand anzulegen. Wir geben aber allen Menschen die Sicherheit, alles tun zu können, was sie selber tun möchten. Andererseits müssen sie aber nichts tun.

Der trauernde Ehemann oder Vater geht dann manchmal lieber selber zum Standesamt, um die Sterbeurkunden und Papiere für seine Ehefrau oder sein Kind zu holen. Aber insgesamt heben sich diese unterschiedlichen Herangehensweisen oft auch auf, weil wir den Menschen so viel Sicherheit geben.

Da sagen uns Sohn und Tochter, die ihre Mutter mit uns behutsam gewaschen und sanft eingeölt haben, schon auch mal, dass ihnen dieses Erlebnis eine lange Therapie erspart hat, oder die Ehefrau, die ihren Ehemann jahrelang gepflegt hat, freut sich, dass wir ihr das Versorgen und Waschen ihres Mannes abnehmen und sie sich einfach nur daneben setzt und uns währenddessen von dem Leben mit ihrem Mann erzählt.

 

DIE BARKE, Bestattung & Begleitung in Frauenhänden. Mobiles bundesweites Bestattungsunternehmen, www.die-barke.de, info@die-barke.de

1 Kommentar

  1. Nach der Meinung der Freundin leistet die Hebammenarbeit eine unersetzliche Hilfe. Für ihren Vater wurde die Bestattungshilfe ausgesucht. Es ist recht schade, dass wir manchmal so knapp in der Zeit sind, um den Abschied voneinander zu nehmen.

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