zeitausgleich: Sommerlochglotzen

arbeitsfragen in allen lebenslagen

Sommer, die Zeit für heiße Schokolade, für Strickjacken, für Ganzkörperbikinis aus 8 mm Neopren, für heiß-fettiges Comfort-Food, fürs Abarbeiten von Zeitschulden im Freundeskreis, fürs Arbeiten an Langtexten, für Ouzo statt Bier, für Sonne im Herzen, wenn schon nicht im Fenster, fürs Ansichtskartenlesen, für die ganz dicken Bücher, für Spaß am Zeithaben, für Zeit zum Nachdenken: Was hab ich geschafft, was hab ich nicht geschafft, was vom Nicht-Geschafften ist es wert, nachgeholt zu werden. Darauf, wenn ich eine Antwort wüsste.
Aber interessant: Es ist fast anstrengender, den einen Termin in der großen, langen, hart verdienten Sommerpause einzuhalten, als den Terminwahnsinn unterm Jahr zu schupfen. Oder die eine Deadline. Stattdessen: Im Käfig Basketball spielen mit dem 12-jährigen Problembevölkerungssegment und dann so tun, als hätten wir die Jungs gewinnen lassen. Sprachlos Zeitung lesen, weil London brennt und Oslo. Den Börsenkursen beim Badengehen zusehen und davon aber schon überhaupt nicht betroffen sein. Über das Spiel mit der Angst nachdenken. Über den Paragraph 278a. Über Promillegrenzen beim Fahrradfahren, über Pigmentflecken, Palastrevolutionen, Putzfrau (ja oder nein), über Panik, Plastikflaschenrecycling, Poetry Slam, den PIN-Code der eigenen Bankomatkarte, über Pornografie, Profit und Preisentwicklung, über Pilze, Plattitüden und Plomben. Und über die eigenen Prioritäten. Über den großen Pflatsch, den es macht, wenn ich mich mit der mir eigenen Eleganz auf eine Wasserfläche plumpsen lasse. Über das große Pfft, das es macht, wenn die Anspannung in mir nachlässt.
Fazit: Sommer ist, wenn ich den Schreibtisch wieder nicht aufräume. Und das ist gut so.

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Illustration: Nadine Kappacher

Mieze Medusa liebt Literatur, Rap und Poetry Slam und lebt ihr Leben danach. www.miezemedusa.com