New Girls im „Old Boys Network“

Eine reine Männerdomäne ist das Internet schon lange nicht mehr. Frauen sind im Netz nur schlechter vernetzt und müssen sich dort mit den gleichen Problemen wie in der Offline-Welt rumschlagen. Von LEONIE KAPFER

 

„Girls can Blog“(1) – mit diesem Slogan wandte sich die Autorin Annina Luzie Schmid 2010 bloggend an die Öffentlichkeit. Ihr erklärtes Ziel: Die Vernetzung zwischen den einzelnen Bloggerinnen voranzutreiben und deren Tätigkeiten sichtbar zu machen.

Damit spricht sie ein heikles Thema an, denn Frauen betreiben zwar zwei Drittel der deutschsprachigen Blogs(2) in Medien und Blog-Rankings dominieren jedoch mehrheitlich reine Männerblogs. Kaum verwunderlich also, dass die Top-10-Liste der deutschen Blog-Charts seit jeher ohne Frau auskommt.

Seximus 2.0. Warum ist das so? „Kompetenz wird im Internet immer noch mit Männlichkeit gleichgesetzt“, sagt die langjährige Internetaktivistin Susanne Klinger. Das Netz ist entgegen der Annahme vieler Optimist_innen kein sexismusfreier Raum geworden, die Stereotypen und Machtverhältnisse der Offline-Welt wirken auch im WWW. „Das Medium des 21. Jahrhunderts reproduziert das Geschlechterverhältnis des 18. Jahrhunderts: Im Internet kocht und häkelt die Frau, das große Wort führt der Mann“, musste Klinger feststellen. Öffentlichkeit = Mann, und Privat = Frau bleibt auch im Netz der Status quo.

Denn Fakt ist, dass sogenannte „harte“Themen, wie Politik, Technik oder Wirtschaft, eher von Männern verhandelt werden. Frauen führen ihre Blogs häufig als eine Art Tagebuch. Während diese intimen Notizen oft gar nicht für die große weite Welt bestimmt sind, wollen Männer mit ihren Kommentaren hingegen gezielt die breite Öffentlichkeit erreichen.

Ein weiteres Problem ist die raue Diskussionskultur im Internet. Das Netz ist weitgehend anonym, und Handlungen bleiben in aller Regel ungeahndet – Rahmenbedingungen, die Beleidigungen und Hetze natürlich erleichtern. Vor allem Frauen, die sich von den erwarteten Rollenbildern entfernen oder offen feministische Aussagen tätigen, müssen im Netz mit üblen Beschimpfungen rechnen.

FACTBOX: hatr.org
Mit dem niedlichen Begriff „Trollkommentar“ wird im Fachjargon ein hasserfülltes und aggressives Posting bezeichnet. Jede Feministin mit Internetzugang kennt solche Kommentare, denn Web-Artikel mit feministischen Themen oder Statements provozieren nahezu immer diskriminierende Antworten, nicht selten werden Autorinnen dabei auch persönlich beleidigt oder sogar bedroht. Viele feministische Medien und Blogs verzichten deswegen inzwischen oft völlig auf die Kommentarfunktion, bringen so aber auch die eigene Community um die Möglichkeit, Themen online zu diskutieren. Mit hatr.org gibt es nun eine Lösung für dieses Problem. Unter der Überschrift „Das Letzte“ sammelt und veröffentlicht die Website Trollkommentare – und befreit damit andere Seiten davon. Die Idee entstand beim Gendercamp 2010, Anfang April 2011 ging die Seite online. Wie beim US-amerikanischen Vorbildprojekt „Monetizing The Hate“ (http://dooce.com/hate) ist es das erklärte Ziel, die Hasstiraden zu Geld für die eigene Sache zu machen. „Auf hatr.org soll Werbung geschaltet werden. Wir wollen die Trolle schließlich nicht einfach nur vorführen, sondern eiskalt monetarisieren“, ist auf der Website zu lesen. Die Einnahmen würden verwendet, um queer-feministische Projekte zu unterstützen, die sich gegen sexistische, rassistische, homophobe und transphobe Diskriminierung richten, so Leah Bretz, eine der Betreiberinnen von hatr.org, in einem Interview mit „jetzt.de“.
Seit April melden sich immer mehr Blogs und Projekte an, um ihre Postings zu spenden – und die ersten Werbeschaltungen gibt es auch schon.
Lea Susemichel

Im Fall der Technik-Bloggerin Kathy Sierra ging der Online-Terror so weit, dass sie beschloss, ihren Web-Blog zu schließen und ganz aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Unbekannte hatten zuvor Bilder von Sierras sowie ihre private Adresse auf mehreren Foren gepostet, darunter der Aufruf, die „langweilige Schlampe“ zu vergewaltigen.

Auch als eine Gruppe engagierter Bloggerinnen vor gut einem Jahr die bis dato männlich dominierte Bloggerkonferenz re:publica eroberte und ein von der weiblichen Netzwelt lang ersehntes Panel über Frauen im Netz auf die Beine stellte, musste man auf Hasstiraden im Live-Stream nicht lange warten. „Jetzt sprechen 10 Brüste über Feminismus“, war dabei noch ein vergleichsweise milder Auswuchs des Sexismus 2.0. New Girls Network!

Frauen im Netz gibt es aber nicht erst seit den letzten Jahren, auch wenn die mediale Aufmerksamkeit dank der klugen Netzwerkarbeit der Online-Aktivistinnen stetig wächst. Bereits 1997 wurde in Berlin mit dem „Old Boys Network“(3) die erste internationale Allianz bekennender Cyberfeministinnen gegründet. Seither hat sich viel getan. Neben bekannten feministischen Blogs wie Mädchenmannschaft(4) oder Mädchenblog(5) entscheiden sich immer mehr Frauen auch ganz bewusst dafür, „harte“ Themen zu behandeln. So entstand zum Beispiel der Technik-Blog „Side Glace“(6) oder der politische Blog von Anne Roth „annalist“(7). Es etablieren sich zudem immer mehr Online-Plattformen, um weibliche Netz-Arbeit aus ihrem Schattendasein zu führen und Vernetzung voranzutreiben. So zum Beispiel das transnationale Projekt „grassroots feminism“(8) oder die eben erst gegründete feministische Initiative „Frau Lila“(9).

Frau Lila will „Frauen ermutigen, sich zu Wort zu melden, politisch zu handeln, sich zu vernetzen, für ihre Rechte und Stimmen zu kämpfen“. Auch die Facebook-Gruppe „Girls On Web Society“, die bereits 500 Mitglieder zählt, hat starken Vernetzungscharakter.

Der Wikipedia? Doch nicht nur die Blogosphäre kann von „post-gender“-Zeiten nur träumen. Auch Wikipedia spiegelt klassische Geschlechterverhältnisse wider. 85 Prozent der Beiträge werden dort von Männern verfasst. Nur zehn bis 15 Prozent der Autor_innen sind weiblich.(10) Ein untragbarer Zustand, findet auch Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Gardner: „Uns mangelt es dramatisch an Frauen. Das müssen wir ändern, wenn wir unseren Job gut machen wollen.“ Ein entscheidender Faktor dabei sei, so Gardner, dass zur Verfassung eines Beitrages sehr viel Selbstüberzeugung gehört – und diese sein nun mal ein Phänomen männlicher Sozialisation. „Immerhin muss man glauben, etwas zu wissen, das es wert ist, mit anderen geteilt zu werden.“

Fußnoten:
(1) http://girlsblogtoo.blogspot.com
(2) Klaus Schönberger: Doing Gender, kulturelles Kapital und Praktiken des Bloggens
(3 www.obn.org
(4) http://maedchenmannschaft.net
(5) http://maedchenblog.blogsport.de
(6) http://sideglance.melan-chol-ie.de
(7) http://annalist.noblogs.org
(8) www.grassrootsfeminism.net/cms
(9) http://fraulila.de
(10) www.zeit.de/digital/internet/2011-02/internet-frauen-maenner?
(11) https://lists.wikimedia.org/mailman/listinfo/gendergap
(12) http://berlin.ihollaback.org

Erste Initiativen, um dies zu ändern, wurden bereits gestartet, wie zum Beispiel die Mailingliste „Gendergap – Increasing female participation in Wikimedia projects“(11). Dort wird nach Strategien gesucht, wie die Zahl an partizipierenden Frauen gesteigert werden könnte.

Eine Erhöhung des Frauenanteils alleine wird aber nicht reichen, um die Wikipedia gendergerechter zu machen und damit zu verhindern, dass Wissensproduktion auch im Netz männlich bleibt. Denn Frauen, die für die Online-Enzyklopädie geschrieben haben, berichteten immer wieder von sexistischen Übergriffen oder davon, dass ihre Beiträge als „irrelevant“ eingestuft wurden.

Die miese Frauenquote bei Wikipedia demonstriert, dass das Internet nicht fernab von gesellschaftlicher Realität funktioniert. Dieselbe Diskriminierung, die Frauen auch sonst an politischer Partizipation hindert, gibt es auch online und wird auch hier nicht per Mausklick abschaffbar sein. Vielmehr muss der Netz-Aktivismus auch zur Überwindung von Sexismen im „Real-life“ beitragen. Dass dies möglich ist, zeigt etwa die Seite „Hollaback Berlin!“(12). Dort wird Menschen eine Plattform gegeben, damit sie sich im Alltag erlebte sexistische und sexualisierte Belästigungen im Netz von der Seele schreiben und kollektiv Verteidigungsstrategien entwickeln können.
An coolen Seiten von Feminist_innen mangelt es im WWW also wahrlich nicht – sie müssen nur entdeckt werden.

Leonie Kapfer bloggt selbst seit drei Jahren für das Mädchenblog (http://maedchenblog.blogsport.de) sowie das European ProChoice-Network (http://europeanprochoicenetwork.wordpress.com).

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