S.O.S Queer

Immer häufiger verbindet sich die Rede über die „Einheit Europas” mit dem sexuellen Rettungsdiskurs von Queers außerhalb des „Westens”. Doch Queerness ist mehr als eine Frage der Sexualität. Von Ana Hoffner

„Liebe verdient Respekt!” lautete der Titel einer Plakatkampagne gegen Homophobie, die 2009 von Courage, der Beratungsstelle für gleichgeschlechtliche und transGender Lebensweisen, im öffentlichen Raum sowie in Schulen, Jugendzentren und Jugendeinrichtungen umgesetzt wurde. Die Kampagne wurde von der MA 17, der Abteilung für Integrations- und Diversitätsangelegenheiten der Stadt Wien, mitfinanziert und sollte dazu beitragen, Strategien gegen Homophobie und Intoleranz zu entwickeln – vor allem in migrantischen Communitys. Der relativ platte und unübersehbare Rassismus der Plakate äußerte sich sowohl auf sprachlicher als auch auf visueller Ebene. Dass Liebe Respekt verdient, war auf Serbisch/Kroatisch/Bosnisch und Türkisch vor dem Hintergrund sich küssender Paare zu lesen, deren geschlechtliche und ethnische Zugehörigkeit mehr als sorgfältig ausgesucht wurde, um ein liebevolles (sprich christliches) Miteinander trotz/wegen Differenzen zu suggerieren.

Neue Komplizenschaften. Die Plakatkampagne steht für die Interessenspolitik von LGBT-Einrichtungen, die aus den identitätspolitischen Kämpfen lesbischwuler Bewegungen der 1970er und -80er Jahre hervorgegangen sind und die für den Einschluss und die Anerkennung in bereits vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen gekämpft haben. In der Gegenwart sind manche dieser Ziele tatsächlich erreicht worden (siehe Eingetragene Partnerschaft), sodass es auch nicht verwundert, wenn der Leiter einer Beratungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen auch die Funktion eines Gutachters für das österreichische Asylamt übernehmen kann und auch tatsächlich übernimmt.
Zwar gilt Homosexualität in Österreich nicht als expliziter Asylgrund – Asylsuchende, die sich outen, werden aber trotzdem auf der Grundlage einer essenzialistischen Zuschreibung „betreut”. Oder auch nicht, wie die Abschiebung von Cletus B., dem Trainer des österreichisch-afrikanischen Fußballvereins FC Sans Papiers, im Mai 2010 zeigt. Was zunächst absurd erscheinen mag, ist tatsächlich Realität: Sexualpolitische Kontexte, die noch bis vor Kurzem in ihrer Selbstbezeichnung als aktivistisch, widerständig oder kritisch auftraten, verbinden sich nun systematisch mit der staatlich geregelten rassistischen Abschiebepraxis.
Genau aus diesem Grund ist es notwendig, eindimensionaler Politik des Einschlusses, der Integration und Normalisierung von Differenz erneut eine Absage zu erteilen. Stattdessen gilt es danach zu fragen, wie Sexualitäten im Nationalstaat, vor allem aber in einem gegenwärtigen Europa, das passenderweise zunehmend als Festung/Gefängnis/Panoptikum bezeichnet werden muss, hervorgebracht bzw. unmöglich gemacht werden. Solche Untersuchungen, die sich der Wechselwirkung jener Prozesse, die Körper und Raum herstellen, widmen, gehören zu einem historisch tradierten Wissen von Women/Queers/Trans of Color und queeren Migrant_innen, das kontinuierlich ausgelöscht werden muss, um einen sexistischen, rassistischen, homophoben und transphoben Status Quo aufrechtzuerhalten. Was nicht heißt, dass diese unsichtbar wären. Ganz im Gegenteil – so zeigt etwa „Liebe verdient Respekt!”, wie Women/Queers/Trans of Color und queere Migrant_innen instrumentalisiert werden, um nationale Gesellschaften als tolerant, demokratisch und liberal erscheinen zu lassen.

Europa United. Ihre Darstellung wird gebraucht, weil Österreich gegenwärtig seine heterosexuelle und auf Blut und Boden basierende nationalstaatliche Imagination zugunsten einer scheinbaren Öffnung für sexuelle Vielfalt und Multikulturalität aufgeben muss. Das geschieht vor allem vor dem Hintergrund eines Diskurses der europäischen Vereinheitlichung, der nicht mehr auf binären Aufteilungen in Ost und West, Homo und Hetero etc. sondern auf einem ideologischen Europa-Begriff der Zusammengehörigkeit und des familiären Miteinander basiert. Dass es ein geografisch, kulturell oder gar ökonomisch einheitliches Europa nie gegeben hat, muss kontinuierlich geleugnet werden, um eine Verbindung von Europa mit Zivilisierungsgedanken, Kolonialismus und imperialistischer Expansionspolitik zu verdecken. Europa steht in erster Linie für den Zugang zu anderen Territorien, Ressourcen und Körpern mit dem Ziel, homogene, durch eine kapitaltragende Mittelschicht stabilisierte Nationalstaaten als Kolonialmächte herzustellen.
Wenn also symbolische Einschlüsse in die Nation für ausgewählte „Andere” (Lesben und Schwule in der Homo-Ehe, Migrant_innen zweiter Generation durch Verleihung der Staatsbürgerschaft etc.) zugelassen werden, so geschieht dies aufgrund einer kapitalistischen Forderung nach Erneuerung eines Bürgertums, das sämtliche Ausschließungsmechanismen, die seit der österreichischen Kolonialzeit wirksam sind, bekräftigten soll. Zu Akteur_innen einer nationalstaatlich gesteuerten Politik der Umerziehung/Belehrung/Aufklärung werden neue Vertreter_innen eines nationalen Bürgertums, denen aus eben diesem Grund ein Zuwachs an Rechten zugestanden wird. So wird Homosexualität Teil eines eurozentristischen kolonialen Projektes und dazu benutzt, eine sexuelle Überlegenheit zu formulieren, mit deren Hilfe ganze Bevölkerungen pathologisiert und ausgewiesen werden können. Der sexuell „emanzipierte” Westen konstituiert sich dadurch erneut durch den homophoben Osten, der in der Anwesenheit von Migrant_innen auch im Inneren des geschützten Nationalstaates erscheint und korrigiert und ausgesondert werden muss.

Sexueller Rettungsdiskurs. Die Wissensproduktion über die zu kolonisierenden Bevölkerungen ist nicht nur dann wirksam, wenn in einer Plakatkampagne Homophobie zur Angelegenheit von Migrant_innen gemacht wird, sondern auch, wenn über Homophobie im Osten berichtet wird (wobei Osten zu einer beweglichen Größe wird und nach Bedarf seine Position verändern kann).
2008 wurden Gewaltausschreitungen bei LGBT-Veranstaltungen in osteuropäischen Hauptstädten quer durch alle Medien thematisiert. Interessant ist hierbei das Zusammenfallen progressiver antirassistischer, teils auch lesbischwuler oder queerer Berichterstattung mit neoliberal-konservativen. Das Vokabular der kolonialen Moderne, das hilflose Opfer übermächtigen Tätern gegenüberstellt, sowie der Einsatz von „native informers”, die glaubhaft an Ort und Stelle berichten, taucht dabei – unabhängig von der politischen Ausrichtung – in fast allen Medien auf. Ebenso finden sich Solidaritätsaufrufe, die einen sexuellen Rettungsdiskurs nahtlos in selbstlegitimierte aktivistische Formen übersetzen, in Zusammenhängen, die eine Unterscheidung zwischen lesbischwul und queer obsolet machen. Das Zusammenfallen so unterschiedlicher politischer Positionen lässt darauf schließen, dass ein breiter gesamtgesellschaftlicher Konsens über einen neokolonialen Diskurs herrscht. Subalterne Stimmen, die zwar kontinuierlich artikuliert, aber nicht gehört werden dürfen, erscheinen punktuell in der Öffentlichkeit, um gleich wieder zum Verschwinden gebracht zu werden, etwa wenn Judith Butler auf die Organisationsformen von Women/Queers/Trans of Color und queeren Migrant_innen verweist und die öffentliche Aufmerksamkeit sich kurze Zeit auf eben diese Positionen stürzt.
Dass Perversion und Abnormalität mehr als eine Frage der Sexualität sind, zeigt hingegen ein Transparent auf der Fassade der Rosa Lila Villa, auf dem „Abartige gegen Abschiebung” zu lesen ist. Es positioniert sich gegen Frontex-Abschiebungen, die auch vom Flughafen Wien Schwechat aus EUropäische Grenzen definieren.

Ana Hoffner ex-Prvulovic ist Performancekünstler_in und arbeitet in den Bereichen queerer und migrantischer/postkolonialer Politiken.