Keine Sackgasse

Basierend auf den Erfahrungen der iranischen LGBT-Aktivistin und Filmemacherin Kiana Firouz entstand das Doku-Drama „Cul de Sac”, in dem Firouz sich selbst spielt. Verena Stern und Vina Yun sprachen mit der Co-Regisseurin des Films, Mahshad Torkan, über die Queer Community im iranischen Untergrund und die öffentliche Asyl-Debatte in Großbritannien, die der Film auslöste.

* Read the complete interview in English on www.migrazine.at.


an.schläge: Was bedeutet es für queere oder lesbische Frauen heutzutage im Iran zu leben?

Mahshad Torkan: Homosexuelle im Iran werden ausgepeitscht, gehängt oder gesteinigt, wenn sie erwischt werden. Das ist das Resultat sowohl von Ignoranz als auch der dominierenden religiösen Mentalität. Homosexualität gilt als Geisteskrankheit, unmoralisches Benehmen oder Sünde, die harte Strafen nach sich ziehen muss. Für Lesben und Schwulen bedeutet das ein (Über-)Leben in permanenter Angst.
Für Lesben ist es ungleich schwerer, da sie auch Frauen sind, die als zweitklassige Staatsbürgerinnen im Vergleich mit Männern ein geringeres Ansehen genießen. Lesben müssen ihre wahre sexuelle Orientierung verheimlichen und ihr Leben im Verborgenen fristen – das oft in einer Zwangsehe endet. Als Homosexuelle haben sie keine Rechte, und laut dem iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad existieren sie nicht einmal.

Ist es der iranischen Queer Community trotzdem noch irgendwie möglich, im Untergrund zu arbeiten?

Ich als gebildete Frau, die fast ihr ganzes Leben im Iran verbracht hat, hatte keine Ahnung, ob es so etwas wie eine „Community” oder ein Zentrum gab, wo man sich treffen kann. Es gibt vielleicht ein paar Gerüchte, aber Fakt ist, dass Queers ihre Informationen geheimhalten müssen, um zu überleben. Ich habe zum ersten Mal von Kiana gehört, als sie noch Studentin im Iran war. Sie schloss sich einem Untergrund-Netzwerk von Lesben an, die sich regelmäßig trafen, um ihre Probleme zu diskutieren. Es gibt ein paar Parks und Coffee-Shops, in denen sich Queers treffen, doch sollte die Sicherheitspolizei das herausfinden, hätte das verheerende Folgen.
Es gibt es ein paar queere Organisationen, die hauptsächlich außerhalb des Iran stationiert sind. Die aktivste davon ist die von Arsham Parsi gegründete IRQR (Iranian Railroad for Queer Refugees) in Toronto. Dann gibt es noch Online-Magazine wie „Hamjens-e-man” und „Neda”, die ausdrücklich auf die Situation von iranischen Queers fokussieren. Alle diese Organisationen und Magazine werden von zwei bis drei Leuten gemacht, die keine Unterstützung bekommen und um ihre Existenz kämpfen müssen.

Kiana Firouz suchte in Großbritannien um Asyl an, ihr Antrag wurde jedoch abgelehnt. Daraufhin erreichten tausende Protestbriefe die Regierung, und es gab es eine Petition gegen ihre drohende Abschiebung. Wie sieht ihre momentane Situation aus?

Nach den zwei Ablehnungen ihres Asylantrags ist ihre jetzige Aufenthaltserlaubnis („leave to remain”) ein großer Erfolg für uns. Ich initiierte die Petition gegen ihre Abschiebung, die mit über 45.000 Unterschriften in nur einem Monat zur größten internationalen Kampagne für ein LGBT-Asylverfahren wurde.
Aus meiner Sicht war die Tatsache, dass Kiana das Risiko in Kauf nahm, sich in „Cul de Sac” selbst zu spielen, der mutigste und wichtigste Teil der Arbeit am Film. „Cul de Sac” ist einzigartig. Noch nie gab es davor eine Lesbe aus dem Iran als Hauptdarstellerin, die damit die Chance bekommt, ihre Existenz hinauszuschreien. Wir sind sehr stolz, einen solchen Film gemacht zu haben.

Im Juli urteilte der Oberste Gerichtshof, dass homosexuelle Flüchtlinge nicht in das Herkunftsland abgeschoben werden dürfen, wenn ihnen Verfolgung droht, und dass der Zwang, die sexuelle Orientierung zu verheimlichen, die Persönlichkeitsrechte verletzt. Hat „Cul de Sac” möglicherweise zu diesem Erkenntnis beigetragen?

Tatsächlich hat sich vor uns noch kein_e iranische_r Regisseur_in an das Thema herangewagt. Eines der Ziele war es, mit dem Film die internationale LGBT-Community zu mobilisieren, um jene zu unterstützen, die weniger Chancen haben, für ihre Bürger_innenrechte zu kämpfen. Aufmerksamkeit erhielt der Film auch von Seiten der Presse, wie der „Times”, dem „Guardian” und vielen anderen.
Diese breite Rezeption und der Umstand, dass der Film auf einer wahren Geschichte beruht, hatten einen unleugbaren Einfluss auf diese Wende im Asylrecht in Großbritannien. Martin Fletcher von der „Times” drückte es so aus: „Kiana Firouz’ case is a test of the sincerity of Britain’s new government. The Conservative Party promised in its equalities manifesto to ,change the rules so that gay people fleeing persecution were granted asylum’.”

„Cul de Sac” (Iran 2010), Regie: Ramin Goudarzi-Nejad & Mahshad Torkan, www.culdesacmovie.com

Die Leipziger Frauenbibliothek MONAliesA und die Kinobar „Prager Frühling” präsentieren „Cul de Sac” am 13.10. , 19.00 Uhr im Rahmen des Leipziger Lesbentreffens (13.–17.10.). Mit anschließendem Gespräch und Diskussion.
http://monaliesa.leipzigerinnen.de, www.kinobar-leipzig.de