Schneewittchen & Maschinendivas

UpStage ist eine Internet-Plattform für Online-Theater, auf der am 09.09.2009 ein Performance-Festival stattgefunden hat. Fiona Sara Schmidt hatte bereits an einem vorbereitenden Workshop für „090909“ teilgenommen.

„Was ist das denn bitte?“ ist die häufigste Reaktion auf so genannte Cyberformances, die live im World Wide Web stattfinden. Wie etwa auf jener Internetseite, die aussieht wie eine seltsame Kreuzung aus Windows Paint, Chat-Programm und Bildanzeige, mit allerlei Geräuschen oder Musik. Die selbstkreierten Avatare sind manchmal menschliche Figuren wie bei „Second Life“, können aber alle möglichen Formen annehmen. Sie geben durch Sprechblasen mit verzerrten Stimmen kluge und witzige Statements ab. Die Interaktion ist über ein Textfeld auch für Newbies problemlos möglich.

UpStage.
Vier Künstlerinnen aus London, Helsinki und Aotearoa/Neuseeland lernten sich 2001 online kennen und gründeten die Online-Performancegruppe Avatar Body Collision. Weil sie keine kommerzielle Software benutzen wollten, entstand die Idee zu einer Plattform für Theaterstücke im Internet, die virtuell von verschiedensten Orten aus gemeinsam erarbeitet, aufgeführt und angesehen werden können. „UpStage“ ging zwei Jahre später online und wird seitdem ständig weiterentwickelt – zum Beispiel von Student_innen der technischen Hochschule Auckland. Die Plattform für Online-Performance verkörpert so seit 2003 alle „coolen“ Aspekte des Internet: Open Source, Partizipation, neue künstlerische Ausdrucksformen, Intermedialität. Und Anfang September fand bereits zum dritten Mal ein Festival auf UpStage statt.

Workshop.
Cyberformances funktionieren aber auch in Beziehung zum realen Raum. Im Rahmen eines vorbereitenden Workshops für das Festival konnten schon im Juli die Grundfunktionen von UpStage erlernt und der Begriff der „Machinediva“ ergründet werden. Andrea Sodomka und Eva Ursprung vom Wiener Institut für Medienarchäologie hatten Helen Varley Jamieson eingeladen. Sie ist die Projektmanagerin von UpStage und eine „Maschinendiva“: eine technik-affine Frau, die mit den Möglichkeiten von Software und Internet umzugehen weiß und Technologien kreativ nutzt, verändert oder neu bestimmt. Die anschließende Präsentation im Kunstraum Niederösterreich fand ganz klassisch mit Kostümen vor Publikum statt, allerdings zusätzlich mit virtuellen Gästen, die über Webcams das Geschehen verfolgen und kommentieren konnten.

Festival.
Bei „090909“ wurde die im Workshop erarbeitete Performance „Machinedivas“ in leicht veränderter Form im Netz wieder aufgeführt. 24 Stunden lang waren außerdem zwölf weitere Stücke zu sehen. Melior Simms hinterfragte in „User Profile“ die Idee von Identität im Internet, als weiteres Highlight war „Snow White and the seven Chihuahuas“ von Kristin Carlson und Sheila Paige (USA), die mithilfe der Zuseher_innen Schneewittchens Schicksal rückwärts zurückverfolgten, zu erleben.
Die „Real Life Acess Nodes“ boten neben der Festivallounge im Internet einen Ort zum gemeinsamen Ansehen, Mitmachen und Kennenlernen. Einen anderen utopischen Ort für Cyborgs zeigten Katarina Djordjevic Urosevic und Jelena Lalic aus Belgrad in „The Dish“: Das Subjekt sei genauso eine Utopie geworden wie Geschichte, so die Macherinnen – die Metapher wird im virtuellen Raum zur Metamorphose. Theoretisch-versponnen auch „Durito’s Dancing Box Manifesto: the @heoretical Cyberformance for/of Zapatismo” von fünf Frauen, die – mit fröhlichen mexikanischen Klängen unterlegt – dezentrale „Meshworks“ forderten. Düsterer waren die Visionen in Karen Karnacks Cyberformance. Mit Störgeräuschen und „I plastizize myself“ exklamierenden Puppenköpfen. Die Auflösung der Trennung von Akteur_in und Publikum machte „4th Wall” von Tara Rebele (USA), Miljana Peric (Serbien) und Suzon Fuks (Belgien/Australien) zum Thema – eine poetische, selbstreferenzielle Forschungsreise über die Möglichkeiten auf der virtuellen Bühne.
UpStage ist nicht in dem weichen Design gestaltet, das derzeit in konventionellen Web 2.0- Plattformen dominiert, sondern recht eigensinnig: Die Plattform entwickelt sich mit den Akteur_innen weiter. Die Performances sind immer auch theoretischer Natur, feministisch, aber nicht ausschließlich für Frauen. Nicht zuletzt geht es auch darum, das Internet nicht den Geeks zu überlassen, sondern sich Technik künstlerisch zu eigen machen.

http://upstage.org.nz
www.avatarbodycollision.org