Wiener Blut

Homosexuelle Frauen durften lange kein Blut spenden. Homosexuelle Männer dürfen es bis heute nicht. Ist das Diskriminierung oder Risikominimierung, fragt sich Andrea Heinz.

„Wien braucht frisches Blut“, ruft das Österreichische Rote Kreuz auf seiner Homepage um Hilfe. Nur 2,1 Prozent der Bevölkerung spenden hier regelmäßig Blut, weniger als in jedem anderen Bundesland. Nun sucht die Hilfsorganisation „junge Menschen, die beherzt Engagement“ zeigen. Denn Blutspenden retten Leben. Anfang 2000 hält der Blutspendebus des Roten Kreuzes vor der Universität Wien. Die Medizinstudentin Barbara (Name von der Redaktion geändert) möchte Blut spenden. 1999 hatte sie das bereits im Waldviertel getan. Und dabei viele Fragen beantwortet: Haben Sie sich in den letzten vier Wochen tätowieren lassen? Waren Sie in den letzten vier Wochen in einem Westnil-Virus Infektionsgebiet?
2000 lautet die erste Frage auf der Liste noch: Haben Sie häufig wechselnde Sexualpartner, ungeschützten Geschlechtsverkehr oder Verkehr mit einem gleichgeschlechtlichen Partner? „Damals hatte ich grad meine erste feste Beziehung zu einer Frau und war sehr stolz drauf.“ Barbara kreuzt Punkt eins an. Es wird ihr Blut abgenommen, und sie hört nichts mehr vom Roten Kreuz – bis zu jenem Tag vor der Universität. Dort darf sie nicht mehr spenden. Warum? Schweigepflicht. „Ich hab mich ziemlich aufgeregt und angefangen, mit dem Arzt zu diskutieren. Aber die haben natürlich auch nichts machen können.“ Sie ruft in der Blutspendezentrale an und landet schließlich bei Dr. Eva Menichetti, der medizinischen Leiterin. Die argumentiert, es gäbe eine amerikanische Studie, die Lesben ein höheres Ansteckungsrisiko bei Hepatitis attestiere. „Auf mein Argument, ich hätte eine monogame Beziehung, meinte sie, man könne ja nie wissen.“ Barbara wendet sich an das Rechtskomitee Lambda. Sie besucht die Sprechstunde, ruft mehrmals an. Zwar wird ihr bestätigt, dass es häufig Fälle wie den ihren gäbe und man sich melden werde. Doch „das haben sie nie. Da dachte ich mir auch, wozu gibt es diese Community, wenn man dann alleine dasteht. Da pfeif ich drauf.“

Mensch zweiter Klasse.
2007 ruft Barbara, mittlerweile Turnusärztin, erneut beim Roten Kreuz an. Sie ist immer noch gesperrt. Es wird ihr geraten, ein Schreiben zu verfassen, in dem sie ihre sexuelle Orientierung leugnet. Barbara schreibt – jedoch keinen „Widerruf“, sondern eine E-Mail an das Gesundheitsministerium. Im Namen von
Andrea Kdolsky rät man ihr, sich mit einem Medizinalrat in Verbindung zu setzen. „Der hat gemeint, dass das natürlich nicht in Ordnung sei, diese Diskriminierung wäre ihm gar nicht bekannt. Auf sein Anraten hab ich noch mal bei Frau Dr. Menichetti angerufen. Die war plötzlich wie ausgewechselt und sagte mir, dass in diesen amerikanischen Studien nur Daten von Nymphomaninnen verwendet worden wären, und das wäre nicht mehr aktuell.“ Barbaras Akte wird gestrichen, sie darf wieder Blut spenden. „Ich war sehr froh, als mir versichert wurde, dass das Ganze anonym behandelt wird. Schließlich ist Frau Kdolsky ja im Endeffekt meine Vorgesetzte. Wenn da rauskommt, eine kleine Turnusärztin, homosexuell, macht einen Aufstand, wer weiß, was dann passiert wäre.“
Das Gesundheitsministerium war sehr bemüht, ihr zu helfen, sagt Barbara. „Ganz am Schluss der E-Mail stand damals so ein Spruch. Den schreiben sie wahrscheinlich immer drunter, aber er ist nett: ‚Danke, dass Sie durch Ihre Hilfe versuchen, das System zu verbessern.‘“ Warum sie überhaupt in die Lage kam, das System verbessern zu müssen, weiß sie bis heute nicht. „Es ist paradox. Genau zu dieser Zeit gab es diese Aufrufe zum Blutspenden. Für mich ist das nicht verständlich, dass eine ganze Bevölkerungsgruppe ausgeschlossen wird, obwohl der Bedarf nach mehr Blut vorhanden ist. Ich als Ärztin habe noch nie von einer Datenlage gehört, nach der Lesben sich untereinander mit Hepatitis oder HIV angesteckt hätten. Als ich damals in diesem Blutspendewagen stand, da kam ich mir vor wie ein Mensch zweiter Klasse. Mir war zum Heulen.“

Gänzlich veränderte Praxis.
Das Rote Kreuz Österreich hält sich auf eine erste Anfrage hin bedeckt. „Lesbische Frauen sind seit dem Jahr 2003 nicht mehr von der Blutspende ausgeschlossen, weil die aktuellen medizinischen Erkenntnisse lesbische Frauen nicht mehr als Risikogruppe einstufen“, heißt es von Maria Kral, Leiterin des Bereiches Spendermanagement gegenüber Sonja Dries vom Amnesty LGBT-Update. Es würden mittlerweile nur noch „MSM“ von der Spende ausgeschlossen: Männer, die Sex mit Männern hatten. Auch wenn sie in monogamen Beziehungen leben, werden sie „aufgrund des belegten erhöhten Infektionsrisikos ausgeschlossen“. Die sexuelle Orientierung sei nur insofern relevant, als sie über die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe Aufschluss gebe. Das Rote Kreuz unterscheide nicht nach „religiöser, politischer und sexueller Orientierung, auch nicht nach nationaler, ethnischer oder sozialer Herkunft“, heißt es weiter. „Der Patient, der das Blut benötigt, steht im Vordergrund.“
Die Frage nach dem Ausschluss lesbischer Frauen wird erst nach weiterem Nachhaken beantwortet. Dieser sei auf Basis einer Studie in den USA erfolgt, die wiederum von der AIDS Hilfe Österreich zur Verfügung gestellt worden sei. Details zur Studie gibt es nicht. Auch zum widersprüchlichen Vorgehen in Barbaras Fall nimmt das Rote Kreuz „keine Stellung. Dieser Vorfall liegt schon Jahre zurück, in der Zwischenzeit hat sich die Praxis gänzlich verändert.“ Die damals ausgeschlossenen Frauen könnten natürlich wieder Blut spenden. Man bitte jedoch um Verständnis, dass man nicht jede Einzelne explizit über die Aufhebung ihrer Sperre habe informieren können.

Diskriminierung oder Risikominimierung?
Ist es nun gerechtfertigt, bei heterosexuellen Menschen zwischen geschütztem und ungeschütztem Verkehr zu unterscheiden, jedoch Homosexuelle, seien es nun Männer oder Frauen, gänzlich von der Spende auszuschließen? Ist das Diskriminierung – oder Risikominimierung? Das Rote Kreuz verweist auf das diagnostische Fenster, nämlich die wenigen Wochen bis Monate, in denen infizierte Personen zwar andere anstecken können, selbst jedoch noch einen negativen HIV-Test haben. Aus diesem Grund müssen bereits vor der Spende möglichst viele Risikogruppen ausgeschlossen werden. „Beim Ausschluss beziehen wir uns auf die AIDS-Statistik, die ein deutlich höheres Risiko für homosexuelle Männer zeigt. Die Sexualpraktik (geschützt/ungeschützt, monogam/nicht monogam; Anm. d. Red.) spielt bei der Beurteilung keine Rolle.“ Zudem empfehle die US-Lebensmittel- und Arzneibehörde FDA (Food and Drug Association) ebenso wie die Europäische Blutallianz EBA den Ausschluss von MSM. Dem habe man sich angeschlossen. Auch Wolfgang Wilhelm von der Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen sieht „keine Diskriminierung vorliegen. Der Ausschluss ist sachlich gerechtfertigt und wird in vielen Ländern, etwa Deutschland, Frankreich und Großbritannien, praktiziert.“
Von Seiten des Roten Kreuzes heißt es weiter, man stehe in „engem Dialog mit der AIDS Hilfe, die diese Vorgehensweise ebenfalls unterstützt“. Frank Amort, Leiter der Präventionsabteilung der AIDS Hilfe, sieht das anders. Was den Ausschluss homosexueller Frauen betrifft, sagt er deutlich: „Es handelt sich hier um Diskriminierung.“ Grundsätzlich habe man zahlreiche Diskussionen mit dem Roten Kreuz, „auch über Literatur. Es ist klar, dass Literatur und auch epidemiologische Daten einer Interpretation bedürfen. Hier waren aber Rotes Kreuz und AIDS Hilfe eigentlich nie einer Meinung.“ Amort hält auch den Ausschluss homosexueller Männer für nicht rechtfertigbar. „Aus meiner Sicht wäre der Ausschluss nur über die Praktik ‚ungeschützter Geschlechtsverkehr‘ beziehungsweise ‚sexuell übertragbare Krankheiten in den letzten 12 Monaten‘ gerechtfertigt. Sollte der Eindruck entstanden sein, dass ich einen Ausschluss für gut befinde, so muss ich festhalten, dass ich immer gegen Ausschlussregeln bezüglich der sexuellen Identität argumentiert habe. Blutsicherheit muss auch ohne Diskriminierung möglich sein.“