Feministische Anschläge
von Elisabeth Klaus

Die an.schläge sind einmalig. 25 Jahre lang ein feministisches Magazin zu produzieren – in den letzten 14 Jahren Monat für Monat – das ist im gesamten deutschsprachigen Raum einzigartig. In den 1980er Jahren zeichnete sich in der feministischen Zeitschriftenlandschaft ein Professionalisierungstrend ab. Die an.schläge sind ein herausragendes Beispiel dafür: keine Bleiwüste, aber doch weit entfernt vom Häppchenjournalismus; kein unansehnliches Layout, aber auch keine reißerische Aufmachung; keine Nabelschau der Redakteurinnen, aber zugleich nichts weniger als distanziert-kontextlose Faktenhuberei; keine Glorifizierung von Frauen, und doch keine postfeministische Beliebigkeit; schließlich auch kein feministisches Zentralorgan, aber doch alles andere als Gesellschaftsferne.
Zweifellos sind die an.schläge etwas ganz Besonderes, aber sie sind in ihrer Einmaligkeit auch ganz gewöhnlich. Denn die feministische Medienlandschaft heute besteht aus lauter Orchideen: in Inhalt und Form einzigartige Produkte. So sind die an.schläge zugleich Teil einer erstaunlich lebendigen und überraschend vielfältigen feministischen Gegenöffentlichkeit. Diese erscheint derzeit nicht als machtvolle Gegenbewegung, die politische oder juristische Entscheidungen deutlich beeinflussen könnte, wie es etwa für die Frauenstimmrechtsbewegung galt, oder die mediale Agenda und die öffentliche Meinung folgenreich zu verändern vermöchte, wie es der neuen Frauenbewegung gelang. Wer ihr deshalb lediglich den Status einer unbedeutenden kulturellen Spielwiese zugesteht, verkennt jedoch die Bedeutung feministischer Projekte für die Veränderung von Geschlechterbildern, für die Bereitstellung verquerer Identitätsangebote und die Beeinflussung etablierter Medienöffentlichkeit. Feministische Medien stellen alternative Männer-, Frauen- und Familienbilder bereit, die in den etablierten Medien trotz mancher ungewohnten Seriendarstellung immer noch erstaunlich gleichförmig ausfallen: Die AkteurInnen sind weiterhin ganz überwiegend heterosexuell, weiß und der Mittel- oder Oberschicht angehörend.
Feministische Gegenöffentlichkeit hält auch die Kritik an der bestehenden Gesellschaft aufrecht. Schritte in Richtung Gleichberechtigung haben vor allem die gut situierten, besser ausgebildeten Frauen getan, weniger Privilegierte, aber auch Alte und Frauen mit Migrationshintergrund sind davon kaum berührt, von Frauen in den Ländern des Südens ganz zu schweigen. Die neoliberale Betonung des Scheins hat darüber hinaus neue Belastungen mitgebracht, Zwänge zugleich erfolgreich, locker, sexy, schön und schlank zu sein. Feministische Medien, die solche Themen aufgreifen, öffnen Türen im engen Meinungskorridor des publizistischen Male- und Mainstreams. Selbst wenn diese Zugänge derzeit eher unscheinbar sind, so zeigt ihre Zahl doch zugleich, wie viele Menschen auf der Suche nach Alternativen sind.
Feministische Medien sind eine Mobilisierungsressource nach innen wie nach außen. Nach außen, weil sie immer auch soziale Bewegung konstituieren. Nach innen, weil sie anderen kulturellen Ausdrucksformen Raum geben und ermöglichen, mit neuen Arbeits- und Lebensweisen zu experimentieren. Historisch haben nicht wenige der in der Frauenbewegungspresse Engagierten ihren Weg in die Männerdomänen des Journalismus gefunden. Im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Institutionalisierung stellt die feministische Gegenöffentlichkeit individuelle Möglichkeiten bereit, jenseits des neoliberalen Menschenbildes anders zu leben. Sie bleibt zugleich ein wichtiger Motor für die Veränderung unzumutbarer gesellschaftlicher Verhältnisse, wie es schon für ihre Vorgängerinnen, die Frauenbewegungspresse und die Publikationen der autonomen Frauenbewegungen, galt.
Am Rande zu sein, das bedeutet zugleich Teil des Ganzen zu sein und außerhalb des Zentrums zu stehen, so hat es die amerikanische schwarze Feministin bell hooks formuliert. Das ermöglicht den befreienden Blick von außen nach innen wie von innen nach außen. Das ermöglicht lebendige Subversion. Auch das bedeuten Anschläge: dem unentwegten, eintönigen Rattern der Maschinerie einen Riegel vorzuschieben.

Überarbeitete und gekürzte Fassung des Nachworts aus:
Lea Susemichel, Saskya Rudigier, Gabi Horak (Hg.):„Feministische Medien. Öffentlichkeiten jenseits des Malestream“, Helmer Verlag 2008.
Das Buch erscheint dieser Tage.

feministische medien jenseits des malestream

Elisabeth Klaus ist Leiterin des Fachbereichs Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, Forschungsschwerpunkt u.a. Kommunikationswissenschaftliche Geschlechterforschung.