„Ich wollte keine Lady werden“

In ihrem neuen Buch „Die neue Macht der Frauen“ skizziert Trautl Brandstaller eine „Krise der männlichen Eliten“ und porträtiert starke Frauen an der Spitze der Macht. Ein Interview über Demokratie, Medien und eine neue Generation von Feministinnen. Von Gabi Horak

Sie war über zwanzig Jahre lang ORF-Journalistin, leitete das allererste Frauenmagazin im deutschsprachigen Fernsehen, interviewte 1979 Simone de Beauvoir und bekam dafür dreißig Minuten Sendezeit. Trautl Brandstaller war auch in den Anfängen des „Profil“ dabei, drehte Dokumentationen, schreibt Bücher – und bezeichnet sich als ein „altes Möbel“ der Frauenbewegung in Österreich. Der ORF hat die heute 69-Jährige pünktlich zu ihrem Sechzigsten gekündigt. Auch am Küniglberg haben es alte Männer leichter.

an.schläge: Sie waren zwei Jahrzehnte lang ORF-Journalistin. Wie schaut es mit der Präsenz von Frauen im ORF heute aus?

Trautl Brandstaller: Der ORF war in den 1970er Jahren ein Vorreiter. Ich habe damals das erste Frauenmagazin „Prisma“ gemacht, das gab es im gesamten deutschen Fernsehen nicht. Es war sehr schwierig, Frauen in Führungspositionen zu bringen. Ich war auch die erste Frau, die ein Magazin geleitet hat. Das waren diese lustigen 1970er Jahre. Es hat seither durchaus Fortschritte gegeben. Der Sündenfall des ORF in Richtung Selbstkommerzialisierung beginnt für mich 1994 mit dem Generaldirektor Zeiler, der aus dem ORF eine Kopie von RTL gemacht hat – und so war dann auch das Frauenbild. Es gab durchaus viele Frauen auf dem Schirm – in der Entertainmentsphäre. Aber das durften sie schon immer: die neckischen Nummernpuppen. Es gab sehr viele Moderatorinnen und in den Chefpositionen wieder weniger Frauen. Die Situation der Frauen in den Medien hängt immer damit zusammen, wie das Demokratiebewusstsein allgemein entwickelt ist. Wenn der öffentlich-rechtliche Charakter des ORF betont wird – etwa seine Rolle für die Demokratie –, dann wird man auch die Gleichberechtigung der Frauen betonen. Wenn aber Entertainment und Unterhaltung betont werden, dann wird das Thema Gleichberechtigung keine Rolle spielen.

Was ist von einer Demokratie zu halten, in der im Regelfall sämtliche Schlüsselpositionen von Männern besetzt sind?

Es ist eine halbe Demokratie. Frauen in Schlüsselpositionen – das hat auch direkte Konsequenzen: Themen, die, wenn sie von Männern abgehandelt werden, Randthemen der Gesellschaft sind, rücken ins Zentrum. Zum Beispiel die Frage des flächendeckenden Angebots an Kinderbetreuungsplätzen. Seit in Deutschland eine Frau Bundeskanzlerin ist, wird das Thema ernst genommen. Insofern ändert sich die Thematik, wenn Frauen an der Macht sind.

Worin zeigt sich die von Ihnen diagnostizierte „Krise der männlichen Eliten“?

Die Krise der männlichen Eliten besteht für mich darin, dass sie keine Antworten finden auf die offene Krise des Sozialstaats und die latente Krise der Demokratie. Wir alle spüren, dass die westlichen Demokratien an einem schwierigen Punkt sind. Das zeigt sich u.a. am Rückgang der Wahlbeteiligung, am steigenden Desinteresse an Politik. Der tiefere Grund ist natürlich – da komme ich zu einer sehr linken Position, die ich im Buch gar nicht so artikuliert habe: Der entfesselte Kapitalismus unterminiert die Basis unserer Demokratie. Langsam sickert es ins Bewusstsein ein, dass, wenn die Einkommensschere so weit auseinander klafft, es in der Demokratie zu bröseln beginnt. Ich glaube, dass ein Großteil unserer männlichen „Eliten“ einfach kein Bewusstsein für diese Fragen entwickeln, weil sie selber Gewinner des Systems sind. Sie sind oft auch weniger betroffen.

Frauen wären besser in der Lage, diese Krise zu bewältigen?

Frauen per se natürlich nicht. Aber Frauen erkennen dort mehr Lücken, wo sie selbst betroffen sind. Ich glaube, jede Krise betrifft zuerst Frauen. Frauen sind betroffener und deswegen besteht meine Hoffnung darin, dass sie auch ein anderes Sensorium für gefährliche Entwicklungen haben.

Sie schreiben: „So heftig gegen das Patriarchat in den Mann-Frau-Beziehungen gekämpft wurde, so unangefochten blieben die patriarchalischen Strukturen von Gesellschaft und Politik.“ Haben die Frauenbewegungen versagt?

Ich komme aus der ersten Generation frauenbewegter Frauen aus den 1970er Jahren. Wir waren wahnsinnig beschäftigt mit Beziehungsproblemen. Der Patriarch im Bett wurde bekämpft, aber in der Firma und in der Politik blieb das Patriarchat aufrecht. Für diese Generation von Frauen war es sehr wichtig, sich aus ihren Beziehungen zu lösen. Ich bin in einem Mädchengymnasium in Wien erzogen worden. Dort hat man uns mit 14 Jahren mitgeteilt, wir sollen uns darauf einstellen, dass wir alle mal Ladys werden. Da hab ich lachen müssen: Was soll das? Ich wollte keine Lady werden! Heute ist eine neue Generation von Frauen herangewachsen – die Töchter der ersten Generation frauenbewegter Frauen – die mit viel weniger Krampf und viel mehr Selbstverständnis ihre Positionen einfordern.

Die „Bildungsexplosion“ – eine neue Generation von gut ausgebildeten Frauen – war Ihrer Meinung nach die Voraussetzung für die Machtergreifung der Frauen.

Frauen haben in punkto Bildung de facto mit den Männern gleichgezogen. Das ist eine zentrale Voraussetzung für eine Neuverteilung der Macht – wenn auch keine Garantie. Das ist auch gesellschaftlicher Konsens und kann selbst durch einen konservativen Backlash nicht mehr zurück gedreht werden

Sie fordern formale Gleichheit als Voraussetzung für inhaltliche Veränderung von Politik. Ein Plädoyer für Frauenquoten?

Ich war lange Zeit nicht so begeistert von einer Quote. Ich glaube aber, dass sie ein wichtiger Schritt ist für eine Übergangssituation, bis die Gleichheit erreicht ist. Ich selbst war die erste Hauptabteilungsleiterin im ORF, es gab vor mir noch eine zweite Leiterin einer kleineren Abteilung. So lange nur eine Frau bei den Sitzungen war, hat Intendant Ernst Wolfram Marboe ständig sexistische Bemerkungen gemacht. Als wir dann zwei Frauen waren, hat sich das Klima geändert. Konkrete berufliche Erfahrungen sind der Beweis: Die Quantität macht etwas aus in so einer Situation. Insofern bin ich für Quotenregelungen in den zentralen Bereichen, auch bei der Wirtschaftsförderung. Natürlich garantiert die Quote noch keine Qualität – ich möchte mich gar nicht über die derzeitigen weiblichen Regierungsmitglieder äußern. Aber es macht zumindest das andere Geschlecht sichtbar.

Sie schreiben in Ihrem Buch: „Schonender, fürsorglicher Umgang mit Kindern gehört zur genetischen Ausstattung der Frauen.“ Ist das nicht der gleiche Biologismus, mit dem Frauen von Machtpositionen wegargumentiert werden?

Das ist wahrscheinlich ein gewisser Biologismus, den ich da niedergeschrieben habe. Ich glaube schon, dass es eine angeborene Neigung gibt, mit Natur anders umzugehen. Es ist kein Zufall, dass das ganze ökologische Thema stark von Frauen besetzt ist. Sie haben wohl eine andere Einstellung zu Natur, zu Kreisläufen, zu Leben. Männer waren tausende Jahre auf Krieg fixiert und Frauen auf Ackerbau, Leben. Insofern würde ich meine Aussage aus dem Buch modifizieren: Es gibt eine starke kulturelle Prägung! Ob sich das auch in den Genen niederschlägt, überlasse ich den Genforschern.

Im Buch zeichnen Sie den Werdegang von drei Politikerinnen exemplarisch nach: die deutsche Kanzlerin Merkel, die französische Präsidentschaftskandidatin Royal und die US-amerikanische Präsidentschaftskandidatin Clinton. Royal ist gescheitert, Clinton steht kurz davor. Sind Sie zu optimistisch, was die „neue Macht der Frauen“ betrifft?

Ich glaube schon, dass es ein wichtiges Zeichen war, dass Frauen in zwei wichtigen Staaten sich überhaupt in ein Rennen begeben. Dazu muss man auch sagen, dass der Gegenwind für diese Frauen wahnsinnig stark ist. Bei der Berichterstattung zu Ségolène Royal war eine große Portion Anti-Feminismus im Spiel, und das ist auch bei Hillary Clinton der Fall.

Was wird eine aufstrebende Politikerin mehr beeindrucken: Das Vorbild einer Frau, die es vor ihr versucht hat, oder die Abschreckung, wie mit dieser umgegangen wurde?

Man muss sich sowieso eine harte Schale zulegen, wenn man sich in diese Arena begibt. Männer kämpfen um ihre Macht. Frauen müssen sich einen Panzer zulegen und schauen, dass er nicht alle menschlichen Gefühle abtötet. Es gibt einen latenten Geschlechterkampf, das ist überhaupt nicht zu leugnen. Angela Merkel hat auch mit wenig zimperlichen Mitteln ihre männlichen Konkurrenten abserviert. Das war kein Kaffeekränzchen.

Trautl Brandstaller: Die neue Macht der Frauen. Sieg der Emanzipation oder Krise der männlichen Eliten. Styria Verlag, 2007, Euro 24,90 (D)