Diva Dylan

Der Film „I’m Not There“ bescherte Jessie Emkic magische Momente großen Kino. Von Jessie Emkic

Nachdem Todd Haynes als Filmemacher mit „Velvet Goldmine“ (1998) und „Far From Heaven“ (2002) internationale Erfolge feierte, waren die Hoffnungen für seinen neuesten Film „I’m Not There“ außergewöhnlich groß. Dieser Film, der zunächst wegen Finanzierungsschwierigkeiten fast scheiterte, erreichte bald nach seiner Premiere in Venedig Kultstatus. „I’m Not There“ war von Anfang an nicht dafür bestimmt, ein Mainstream-Film zu werden, sondern eine eklektische Odyssee durch das Leben und die Person von Bob Dylan, einer der kontroversesten Berühmtheiten der jüngeren Vergangenheit. Dylan war Poet, Rebell, Menschenrechtler und wiedergeborener Christ innerhalb der Pfingstgemeinde – ein wahrhaftes Chamäleon der amerikanischen Folk- und Rockmusik. Um solch komplexe menschliche Eigenarten auf Zelluloid darstellen zu können, hob Haynes seinen Film auf ein anderes kinematografisches Niveau: Er schuf eine mehrschichtige Konstruktion und Dekonstruktion der Person von Bob Dylan, indem er sechs parallel laufende Geschichten aus Dylans Leben kombinierte. In jeder dieser Geschichten wird die Hauptfigur von einem/r anderen SchauspielerIn dargestellt: Neben Christian Bale, Heath Ledger, Richard Gere, Marcus Carl Franklin und Ben Whishaw ist Cate Blanchett in der Rolle von „Jude“ zu sehen. Jude ist Dylan im Jahre 1966 – maßlos talentiert, feminin, drogenabhängig und weltberühmt. Zu behaupten, Blanchett würde Dylan in seiner ’66er Phase einfach spielen, wäre eine Untertreibung: In „I’m Not There“ hört Blanchett buchstäblich auf, sie selbst zu sein und verwandelt sich in Dylan. Sie sieht aus wie Dylan, sie spricht wie Dylan, sie gestikuliert wie Dylan; und sie schafft es, die Metamorphose von Schauspielerin Cate Blanchett zum Menschen Bob Dylan Schritt für Schritt vollkommen zu durchlaufen. Das Resultat ist eine famose, haarsträubende Leistung, wie man sie nur in sehr seltenen, wahrhaft magischen Momenten großen Kinos sieht. Für die Rolle von Jude erhielt sie den Golden Globe für die beste Nebenrolle.

Kontrovers, umstritten und bejubelt – Todd Haynes, der aus seiner Homosexualität nie ein Geheimnis machte, gilt als einer der ersten Regisseure der „New Queer Cinema“-Bewegung. Er ist bekannt für seine Fähigkeit, Kunstfilm mit Mainstream elegant und geschmeidig zu verbinden.



Rares Geschöpf

Der Filmemacher Todd Haynes über die beste Rollenbesetzung des Jahres 2007: Cate Blanchett als Bob Dylan

an.schläge: Was brachte Sie auf die Idee, die Rolle von Bob Dylan mit einer Frau zu besetzen, insbesondere mit Cate Blanchett?

Todd Haynes: Beide Seiten der Idee waren für mich ziemlich offensichtlich, als ich anfing Dylan, wie er 1966 war, wirklich zu sehen – die Art, wie er aussah und sich bewegte, wie er gestikulierte, und die Art wie authentisch dieses Geschöpf von diesem Augenblick an wirkte. Es war nicht der Dylan aus der Don’t Look Back-Phase ein Jahr zuvor, aber auch nicht der Dylan, der er 1969 in Woodstock war, wo er alles hinschmiss. Er war dieses absolut rare Geschöpf, das die Pop-Kultur bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen hatte. Er war androgyn, aber nicht im Stil von Bowie, wie Bowie sich öffentlich zeigte. Er war fast so wie Patti Smith zehn Jahre später sein würde. Ich wollte daher das Gefühl und die Einzigartigkeit der ursprünglichen Schockwirkung wieder zum Leben erwecken, und dachte, die Rolle sollte von einer Frau gespielt werden. Als ich mich auf die Suche nach den besten Schauspielerinnen gemacht habe, war es nicht schwer, mich für Cate zu entscheiden. Ich befand mich gerade im Prozess der Fotoaufnahmen vieler verschiedener Schauspielerinnen und Tanya, meine Schwester, faxte mir Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die ich dann bemalte und zu Jude, der Figur machte. Ich habe sie alle in den Dylan 1966 umgewandelt, um zu sehen, welche der Schauspielerinnen dabei am besten aussieht. Viele von ihnen sahen ziemlich gut aus. Und dann, nachdem ich Cate das Drehbuch geschickt hatte, machten wir ihr ein Angebot. Sie war sehr interessiert, sagte mir jedoch später, sie wäre völlig panisch. Sie hatte irgendwie halbwegs zugesagt und wir fingen an, ihren Namen zu verwenden. Ich sah sie erst ein Jahr später in Brooklyn, während sie mit ihrem Ehemann Andrew auf der Bühne als Hedda Gabler herumging. In einem Moment schaute sie über die Bühne und ich dachte: „Oh, mein Gott, das wird unheimlich!“ Es war genau dort auf der Bühne, als sie sich schließlich zu Andrew drehte und sagte „Also, Andrew, ich habe mich entschieden. Ich werde es machen!“ Und ich sagte nur „Was??“ (lacht). Und ja, es war unglaublich. Es war einfach unglaublich, mit all den SchauspielerInnen zu arbeiten, sie gaben so viel von sich. Sie alle haben die Arbeit sehr ernst genommen und waren für das Abenteuer und die Herausforderung offen. Aber sie bekamen auch Panik …

Basierte Ihre Entscheidung, Blanchett auszuwählen, nur auf der Überlegung, es sei das Beste für das Projekt? Oder waren Sie auch daran interessiert, durch die Erforschung femininer Maskulinität mit dem Gender zu spielen?

Ich halte Dylan nicht wirklich für feminin, aber ich denke schon, dass er alle Arten von maskulinen Leitbildern ablehnte, und ich glaube, das war ein Teil seiner Uneindeutigkeit. Zu dieser Zeit hatte jeder in New York eine Art von „Cool Look“ und alle waren auf Speed und magerten ab. Es gab eine Art von „Underground Coolness“, dadurch dass man ein wenig gay aussah, als ob man in der Factory-Szene von Warhol unterwegs war, und das war in Dylans Lager weniger gängig. Aber ich glaube, Dylan hat das selbst verstanden. Er prahlte in seinen Aussagen von 1966 damit, wie er das Phänomen von männlich-weiblich durchschaute. Er war cool damit. Er liebte auch Allen Ginsberg, fühlte sich durch Ginsbergs Homosexualität völlig unbedroht und war wahrscheinlich in ihn verknallt. Man hört auch Geschichten darüber, wie Dylan süße Musiker anmachte. Er selbst gab zu, 1961 auf den Strich gegangen zu sein, als er das erste Mal nach New York kam. Als er 1980 als Christ wiedergeboren wurde, machte er schockierend homophobe Aussagen. Er lebte jede seiner Geisteshaltungen zu einer bestimmten Zeit völlig aus, legte sie jedoch auch wieder ab.