„…eine gewisse Distanz“
Corinna Milborn im Gespräch mit Kerstin Kellermann.

 

an.schläge: Wie war es als Journalistin über illegale Migration zu recherchieren?

Corinna Milborn: Wenn es um illegale Migration geht, kann man nicht viel vorrecherchieren, denn die Leute sind in Bewegung, haben keine Adressen, keine Telefonnummern und sind nicht organisiert. Das bedeutet, immer wieder bei Null anzufangen, neue Leute kennen zu lernen. Bei Leuten, die illegal unterwegs sind, ist der Vertrauensaufbau sehr wichtig. Es war notwendig, dass sie merkten, dass der Fotograf Reiner Riedler und ich sehr großen Respekt vor den Menschen haben, die solche Reisen auf sich nehmen. Die Einreise nach Europa ist durch die Illegalisierung so gefährlich geworden, da sterben jährlich Zehntausende. Als ich früher in Spanien wohnte, habe ich schon angeschwemmte Leichen am Strand gesehen. Es kommt weniger als die Hälfte auf dieser tödlichen Tour durch. Ich war aber auch sehr viel alleine unterwegs. Wenn man es schafft, sich als Frau allein einen gewissen Respekt aufzubauen, ist das eine gute Arbeits-Methode, weil man als Frau für die extremen Männerzusammenhänge, mit denen man hauptsächlich zu tun hat, wenig bedrohlich ist. Mit der Buch-Idee gehe ich seit drei Jahren herum, bin dann aber konkret innerhalb von drei Monaten alles noch einmal abgefahren. Ich habe eine Tochter, daher kann ich immer nur für maximal zwei Wochen weg.

Sind Flüchtlinge daran interessiert, einer Journalistin ihre Geschichte zu erzählen?

Ich habe immer von Anfang an klar gestellt: Ich kann niemandem helfen, sondern mich interessieren die Geschichten. Und erklärt, warum es wichtig ist, ihnen Öffentlichkeit zu verschaffen. Im Prinzip hat jeder, der in so einer extremen Situation steckt, ein großes Bedürfnis danach, seine Geschichte zu erzählen und kreative Überlebensstrategien bewundern zu lassen, denn viele müssen ihre Geschichte verleugnen. Es hat innerhalb Europas oft gar keinen Sinn, nach Fluchtgeschichten zu fragen, denn entweder sind die Leute illegal da und dürfen nichts sagen, oder sie stecken im Asylverfahren und müssen Teile ihrer Fluchtgeschichte verschweigen. Denn mit echten Fluchtgeschichten wird man abgeschoben – vor allem in Österreich als Binnenland, das in die Länder, durch die man gekommen ist, zurückschiebt.

Es sind zumeist junge Männer, die man auf den Flüchtlings-Booten aus Afrika sieht. Wo sind die Frauen abgeblieben?

Bei der Landroute über die Sahara und über den Grenzzaun, beträgt das Verhältnis von Männern zu Frauen 10:1 oder gar 20:1. Auch der Weg mit den Booten über das Meer ist so anstrengend, das nur die Stärksten von den Männern durchkommen. Das sind Routen, die Frauen selten einschlagen. Frauen sind vor allem sexueller Gewalt ausgesetzt, durch Sicherheitskräfte, egal in welchem Land, aber auch von Mitreisenden in Flüchtlingsgruppen. Es ist schwer für Frauen, sich in Ländern wie Algerien, Marokko oder Libyen durchzuschlagen, in denen Frauen allein auf der Straße auffallen. Weltweit sind schon zur Hälfte Frauen unterwegs. Ein typischer Weg für junge Frauen ist der über Schlepperorganisationen. Frauen, die aus Familien fliehen oder die weg müssen, um wie die jungen Männern, die man immer sieht, die Familie zu erhalten, schließen häufig mit der Mafia einen Vertrag ab und müssen später gigantische Beträge für die Reise nach Europa abzahlen. Im Moment liegt der Tarif z. B. von Nigeria nach Europa bei 50.000 Euro. Die Frauen werden direkt in Arbeit vermittelt, in Westeuropa oft Hausarbeit, aber zum Großteil Prostitution. Die zweite Möglichkeit ist das Nachholen von Frauen. Aber auch auf der langen Route über Land und Meer trifft man immer wieder Frauen, die aus ihren Familien oder vor Kriegen fliehen, oder extrem patriarchale Strukturen nicht mehr ertragen wollen. Ich hörte ganz schlimme Geschichten, verknüpft mit Aids, mit sexueller Gewalt, die Frauen werden manchmal schwanger auf der Flucht, kriegen Kinder in illegalen Lagern in Marokko und kommen von dort dann überhaupt nicht mehr weg. Das sind Situationen, in denen Frauen einfach verletzlicher sind.

Würdest du sagen, dass das Flüchtlingsthema, wie es in den Medien vorkommt, ein männliches ist?

Ja, sicher, die Bilder, die man sieht, sind meist die jungen, starken Männer auf den Booten. Insgesamt wird dieses ganze Einwanderungsthema schon wenig beleuchtet und bei Frauen läuft alles noch viel versteckter ab. Im Moment halte ich sehr viele Vorträge und merke, dass der Wissensstand sehr niedrig ist, dass die Leute schockiert sind, wenn sie hören, wie das abläuft.

Hast du auch zu Frauenhandel und Prostitution recherchiert?


Über Organisationen bin ich nicht weit gekommen, also recherchierte ich im Endeffekt ganz simpel auf der Straße. Im Buch kommt eine Nigerianerin vor, die habe ich auf der Hütteldorfer Straße angesprochen. Organisationen vermitteln keine Prostituierten-Interviews an JournalistInnen, was ja auch richtig ist. Außerdem ist bei Organisationen immer Eigeninteresse dabei. Mir ist der direkte Kontakt lieber, du und ich. Alles, was dazwischen geschaltet ist, ist schwierig.

Wie ging es dir psychisch, wenn du z. B. einen Flüchtling siehst, der sich unter einem Lastwagen einklemmt, um über die Grenze zu kommen, und du nicht weißt, ob er überleben wird?

Gerade die Situation in diesen illegalen Lagern an der marokkanischen und spanischen Grenze ist belastend – weil man so wahnsinnig ohnmächtig ist in diesem System. Man lernt Leute kennen, hört die schlimmsten Geschichten, und als erstes hat man den Impuls zu helfen, weiß aber zugleich, dass es nicht geht und außerdem unprofessionell wäre; denn um ein Buch zu schreiben, muss man eine gewisse Distanz aufrecht erhalten, weil man sonst den beobachtenden Blick verliert. Oft wollte ich nach zehn Tagen in der Früh nicht mehr aufstehen, um noch mehr traurige Geschichten zu hören, zu deren Lösung ich nichts beitragen kann. Die Situationen haben immer mit Polizei zu tun, es gibt eine andauernde Verfolgung und wenig oder keine Ressourcen. Es wird viel gestritten, man trifft viele Traumatisierte, die auch psychisch sehr labil sind. Ich weiß nicht, wie Leute das machen, die als BetreuerInnen von AsylwerberInnen arbeiten. Das muss sehr anstrengend sein. Die Position des Schreibens ist – im Gegensatz zu einer helfenden Tätigkeit – absolut auf Augenhöhe, das sind Begegnungen von Mensch zu Mensch, auf der gleichen Ebene, und nicht von HelferIn zu Hilfsbedürftiger/m. Aber natürlich spielt immer mit, dass ich einen roten EU-Pass besitze und einfach über die Grenze fahren kann. Die anderen haben keinen Pass und stecken daher in Megaschwierigkeiten. Um das ertragen zu können, musste ich mir immer wieder vor Augen führen, dass ich diese Situation nicht verschuldet habe und nur wenig tun kann, sie zu ändern. Man will natürlich helfen, aber wo sind die Grenzen? Ich kann nur einem einzigen Menschen ein bisschen weiter helfen, etwa mit Geld, aber das ändert im Großen wirklich nichts. Es entstehen keine Abhängigkeiten und Erwartungen, wenn man einfach von Person zu Person miteinander redet. Da kommt man näher an die Wahrheit und an die Realität dran. Und ich muss mich oft abschotten dagegen, zu sagen: „Wohn’ doch bei mir“ (lacht), „ich habe Platz.“ Wenn man damit anfängt, ist man irgendwann so ausgebrannt. Innerhalb der Arbeit gehe ich schon manchmal über meine Grenzen, wie z. B. die Angst zu überwinden gegenüber unbekannten Gegenden und gefährlichen Situationen.

Träumst du von Schatten?

Ja, vor allem als die Arbeit abgeschlossen war. Danach war ich jetzt noch mal in Spanien und hatte nichts zu tun, das war emotional richtig schwer für mich, die Leute wieder zu treffen, die immer noch an der Grenze fest hängen. Die möchten arbeiten, wissen auch genau, wo sie das könnten und schaffen es einfach nicht über diese Grenze. Oder sind vor untragbaren Zuständen geflohen und kriegen kein Asyl.

Was hat dein spezielles Interesse an dem Thema geweckt?

Einwanderung ist eines der wichtigsten Themen derzeit. Zugleich laufen die Gesetze und die öffentliche und politische Debatte völlig an den Fakten vorbei. Es wird z. B. behauptet, dass man Einwanderung stoppen könne, oder der illegale Arbeitsmarkt wird so tot geschwiegen, als gäbe es diese Millionen in Europa gar nicht. Die Bomben in London, der Sturm afrikanischer Flüchtlinge auf den Grenzzaun von Ceuta oder die Aufstände in den französischen Vororten sind ja nur Ausbrüche an den Rändern einer gemeinsamen Politik gegen Einwanderung und Widerstand gegen die äußeren und inneren Grenzen. Der verfehlte Umgang mit Einwanderung schafft verschiedene Brennpunkte. Für mein letztes Buch, als ich mit Waris Dirie weibliche Genitalverstümmelung recherchierte, war ich sehr viel in afrikanischen Ghettos unterwegs. Da existieren Welten in Europa, die total weit weg sind von allem was ich kannte. Ich schaue mir an, wo die Festung Europa bröckelt, wo sie bricht, wo es Explosionen gibt. Es gibt viele Widersprüche und Tabus. In Bezug auf Frauen z. B. gibt es einen ganz starken Ansatz der Rechten, darauf hinzuweisen, wie furchtbar migrantische Gesellschaften mit ihren Frauen umgehen und andererseits der Linken, zu sagen, das ist nicht so. Es gibt eine gewisse Scheu davor, Wahrheiten auszusprechen, wie z.B. dass sehr viele nur über die Grenze kommen, um hier illegal zu arbeiten. Das will man nicht aussprechen, viele rieten mir auch ab, mein Buch zu schreiben, weil das denen in die Hände spielen könnte, die strenger gegen Einwanderung vorgehen wollen.

Das sind aber doch diejenigen, die davon profitieren – die wissen das doch eh?

Es bleibt ein Tabu. Im Prinzip weiß es jeder. Es ist ja nicht so, dass die Leute nicht wissen, dass in fast jedem Lokal jemand illegal arbeitet, dass man in der Herbststraße einfach Menschen mitnehmen kann. Es wird aber davon abgeraten, darüber zur reden. Genauso ist es beim Frauenthema: Man weiß von den Problemen – von Zwangsprostitution bis zu erzwungener Heirat. Aber man will sich nicht daran die Finger verbrennen.

Die Taktik mit den zwei Welten, Flüchtlinge und MigrantInnen von der Bevölkerung abzuschotten, hat ja funktioniert, oder?

Ja, absolut. Wobei das ja nicht im europäischen Menschen drinnen ist, sich abzuschotten, keinen Kontakt haben zu wollen. Man sieht immer wieder, dass dort, wo es Kontakt gibt, die Leute mitunter sehr solidarisch und hilfsbereit sind, z. B. in Küstengebieten, wenn Boote ankommen. Es ist nur inzwischen so institutionalisiert, dass die Ankommenden sofort von der Polizei oder von Hilfsorganisationen abgeschottet werden, dass der Kontakt meistens nicht zustande kommt. Man sieht jetzt auch in Österreich, wo die allgemeine Stimmung sehr fremdenfeindlich ist, dass es Gemeinden gibt, die gegen Abschiebung protestieren. Denn dort, wo man merkt, das sind Leute wie du und ich, mit einer ganz schlimmen Geschichte, setzt natürlich schon dieses grundmenschliche Bedürfnis ein, helfen zu wollen. Die Trennung ist von Seiten der Institutionen sehr stark vorangetrieben worden. Die Ghettoisierung wird stärker, das ist ein Prozess, der sich plötzlich extrem schnell entwickeln kann. Ich habe das Gefühl, auch in Wien lebt man erst lange nebeneinander her bis irgendwann ein Punkt kommt, an dem Leute anfangen, ihre Kinder in andere Schulen zu geben. Innerhalb von wenigen Jahren bilden sich so reine MigrantInnenschulen und reine weiße, christliche, blonde-Kinder-Schulen. Es ist schwierig, das wieder zusammen zu bringen, denn wenn man bei den Kindern so stark trennt, wie es jetzt schon der Fall ist, gibt es auch keine Verbindungen zwischen den Eltern mehr. Und sonst gibt es eben nicht wahnsinnig viele Möglichkeiten zusammen zu kommen. Wir sind noch lange nicht da, wo andere Großstädte sind, aber die Tendenzen gibt es auch hier.