Mut zum Protest
Sarah Kirsch ist eine der bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen – und eine Frau mit Mut zum politischen Standpunkt. Ein Porträt zum 70. Geburtstag, von Gabi Horak

 

„Ich will ja keene mitm Museum zu Lebzeiten sein. Das ist ‘ne Art Kulturhaus und basta.“ Sarah Kirsch weiß, was sie nicht will und sagt das auch deutlich. Im Dezember 2002 wurde in ihrem Geburtshaus in Limlingerode die „Dichterstätte Sarah Kirsch“ eröffnet. Ein Projekt, das sie als Kulturprojekt unterstützt, auch deshalb weil ihr die Heimat am Herzen liegt. Schon viele Jahre vor der „Dichterstätte“ war Sarah Kirsch in Limlingerode für Lesungen zu Gast, auf Einladung einiger thüringischer Frauen, die sich auch dafür einsetzten, dass das bereits heruntergekommene Geburtshaus unter Denkmalschutz gestellt wurde. Die Frauen gründeten einen Förderverein und renovierten das Gebäude, in dem nun seit 2002 Lesungen und Ausstellungen Platz finden, es gibt eine Bibliothek und ein kleines mietbares SchriftstellerInnen-Domizil. Ein Kulturhaus eben.

Gesamtwerk in Farbe.
Und tatsächlich wäre es gar nicht angebracht, der siebzig-jährigen Autorin ein Museum zu errichten, denn genug vom Schreiben hat sie noch lange nicht. Genau genommen kann sie gar nicht anders. „Ich schreibe immer. Das ist Training und auch ein Suchtverhalten.“
Sarah Kirsch ist besonders für ihr lyrisches Werk bekannt, insgesamt 180 Gedichte in zehn Bänden hat sie seit den 1960er Jahren veröffentlicht. Bedeutend sind aber auch ihre Prosa-Erzählungen, etwa „Die Pantherfrau“. Der 1974 veröffentlichte Band war eine Auftragsarbeit des Aufbau-Verlags zum „Jahr der Frau“ und vereint fünf „unfrisierte Erzählungen aus dem Kassettenrecorder“: Fünf Frauen sprechen über ihr Leben, vor allem über Beruf und Karriere, über Arbeitserfahrungen und Lebensbewegung im sozialistischen Alltag in der DDR. Zuletzt veröffentlichte Sarah Kirsch 2003 den Prosaband „Tatarenhochzeit“, in dem sie die Vergangenheit im Berlin der 1970er verarbeitet hat.
Sarah Kirsch holt sich aber auch gerne Entspannung in der Malerei, in der „Kleckserei“, wie sie es in einem Interview mit dem MDR 2004 nannte: „Das ist der Versuch, Papier und Farbe in Einklang zu bekommen. Da entsteht so eine Art Nirwana, und man weiß nicht, wie die Zeit vergeht und ist eigentlich ganz ruhig und glücklich.“ Ein farbenfrohes Sarah Kirsch-Aquarell ziert auch das Titelbild des lyrischen Gesamtwerkes anlässlich ihres 70. Geburtstags.(1)

„Sarah“ aus Protest.
Als Dichterin der „Neuen Subjektivität“ wurde Sarah Kirsch schon in den 1970er Jahren breit rezipiert. „Das lyrische Ich registriert, indem es im Privaten und Persönlichen ein Stück Leben für sich fordert, eine unbekannte, neue Dimension der Wirklichkeit“, heißt es in der „Geschichte der deutschen Lyrik seit 1945“. Zu die-ser Wirklichkeit gehörte für die Autorin von Anfang an auch die politische Realität, zu der sie stets einen Standpunkt hatte.
Sarah Kirsch wurde am 16. April 1935 als Ingrid Bernstein geboren, nahm bei der Heirat mit dem Lyriker Rainer Kirsch 1965 seinen Nachnamen an, den sie auch nach der Scheidung 1968 behielt. Schon für ihre ersten Veröffentlichungen in den 1960er Jahren verwendete sie das Vornamen Pseudonym „Sarah“ – aus Protest gegen die Verfolgung und Massenvernichtung der Juden während der NS-Zeit, wie auch aus Protest gegen den Antisemitismus des kurz zuvor verstorbenen Vaters.
Bereits 1965 erhielt Sarah Kirsch den ersten Kunstpreis, die Erich-Weinert-Medaille. Es sollten noch viele folgen, unter anderem der Heinrich-Heine-Preis (1973), der Österreichische Staatspreis für Literatur (1981) und der Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (1996). Dabei wurde ihr erster Gedichtband „Landaufenthalt“ 1967 von den staatlich-wissenschaftlichen Zirkeln der DDR erwartungsgemäß zwiespältig aufgenommen. „Eine Spur von unfruchtbarem Trotz“, wurde da vermutet. Die „neue Subjektivität“, individuelle Erfahrungen über die gesellschaftlichen zu stellen, passte so gar nicht zum Literaturbegriff der DDR.
Die Autorin Sarah Kirsch hat fast zwanzig Jahres ihres künstlerischen Schaffens in diesem totalitären Staat verbracht. Und auch wenn sie mit einigen politischen und gesellschaftlichen Zielen übereinstimmte, konnte sie den propagierten „sozialistischen Realismus“ der DDR Regierung nie akzeptieren. In ihren Texten verwendet sie viele Bilder aus der Natur als Metaphern für diese Politik. Diese Art der „Naturlyrik“ ist also auf keinen Fall als biedermeierscher Rückzug zur Natur zu betrachten, sondern ganz im Gegenteil als ausgeklügeltes Instrument der politischen Stellungnahme. Im Gedicht „Von Meinem Haus“ repräsentiert beispielsweise „der große Wind“ die sozialistische DDR-Regierung, die das Leben und auch die Kunst kontrolliert.

Flucht in den Westen.
„Sarah Kirsch war nie eine politische Dichterin, jedenfalls nicht das, was man darunter seit dem 19. Jahrhundert verstehen konnte“, sagte Wolfgang Frühwald bei der Laudatio für die Autorin, die 1993 Literaturpreisträgerin der Konrad-Adenauer-Stiftung war. Und doch sei sie eine politische Autorin „in einem umfassenden Sinn, in dem Poesie und Politik, Menschlichkeit und Bürgerlichkeit nicht getrennt sind“, in dem StaatsbürgerInnen nicht nur „Betroffene“ der Politik sondern GestalterInnen seien. Sarah Kirsch hat sich vor der Verantwortung, die dieser Anspruch mit sich bringt, auch nicht gedrückt, als sie etwa 1976 Mitunterzeichnerin einer Protesterklärung gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann war. Daraufhin wurde sie aus der SED und dem SchriftstellerInnenverband der DDR ausgeschlossen und vom Ministerium für Staatssicherheit überwacht.
Ein Jahr später floh Sarah Kirsch schließlich mit ihrem Sohn Moritz nach West-Berlin und war wiederum mit einer völlig anderen Welt konfrontiert: dem kapitalistischen System, das sie genauso wenig kompromisslos unterstützen konnte. „Ich stehe mit jedem Fuß in einem anderen Brunnen und schlage mir das Glück aus dem Kopf“, schreibt sie am Ende des 1979 veröffentlichten Gedichts „Die Wiese“. Sie besteht darauf, als deutsche Schriftstellerin bezeichnet zu werden – nicht als ostdeutsche und nicht als westdeutsche.
Sarah Kirsch lebt seit 1983 in Schleswig-Holstein. 1992 lehnte sie die Wahl an die Berliner Akademie der Künste mit der Begründung ab, sie sei eine „Schlupfbude“ für ehemalige Staatsdichter und Stasi-Zuträger.
Genauso wenig, wie sie das Schreiben lassen kann, kann sie dabei auf persönliche Stellungnahmen zur politischen Realität verzichten. „Das passiert ganz natürlich“, sagte sie in einem Interview 2003. Manchmal will sie sich aber wohl auch dazu zwingen: im Lyrikband „Schwanenliebe“ (2001) schreibt sie: „Erinnere oh erinnere / Dich was du / Vergessen wolltest.“

(1) Sarah Kirsch: Sämtliche Gedichte, DVA 2005, Euro 19 ,90

Sarah Kirsch: Kommt der Schnee im Sturm geflogen. Prosa, DVA 2005, Euro 13,90