„Emma kann ich nicht ernst nehmen“
"an.schläge", das einzige feministische Monatsmagazin in Österreich, wird diesen Monat 25 Jahre alt. KONKRET sprach mit den Redakteurinnen Saskya Rudigier und Lea Susemichel über feministische Gegenöffentlichkeit in Zeiten des Backlashs

 

 

KONKRET: Wie haben sich die Herausforderungen für eine Nischenpublikation im deutschsprachigen Zeitungsmarkt in den letzten 25 Jahren geändert?

Saskya Rudigier: Für Magazine mit kleiner Zielgruppe ist das schlichte Überleben weiterhin die größte Herausforderung. Nicht nur finanziell. Es hängt auch von der Bereitschaft der Menschen ab, die sich an dem Projekt beteiligen, es unterstützen und sich solidarisch zeigen, trotz oder gerade weil es nicht in erster Linie ums Geldverdienen geht. Die "an.schläge" könnten ohne Förderung, also vom Heftverkauf und den Abos allein, nicht existieren. Andererseits: wer bestimmt, wie viel Leserinnen, wie viel Gegenöffentlichkeit es braucht, um zehnmal im Jahr zu informieren und zu politisieren?
Vor 25 Jahren war das Interesse an feministischen Magazinen größer, war die aktive Frauenbewegung viel sicht- und hörbarer. Dies Engagement hat nachgelassen, gleichzeitig ist generell das Angebot an Zeitschriften, auch jenen, die eine "Nische" bedienen, stark gestiegen. Leserinnen und Leser sind verwöhnter geworden, kaum jemand mag sich durch einen Artikel quälen, der journalistisch nicht einfach genug aufbereitet ist, der zum Beispiel immer wieder gebetsmühlenartig daran erinnert, daß Frauen nach wie vor um so und soviel weniger verdienen.
Ich finde aber, die "an.schläge" kriegen den Spagat zwischen (den immer noch wichtigen) Forderungen nach Gleichberechtigung und feministischer "Sensationsberichterstattung" ganz gut hin. Wir widmen uns nicht nur sogenannten Frauenthemen, wir greifen linke Debatten und auch Themen des Malestream auf und berichten aus feministischer Sicht darüber.

Wie steht es um die Frauenmacht in der Medienlandschaft, die manche Feuilletonisten fröstelnd diagnostizierten?

Saskya Rudigier: Wegen der rund neun Prozent Frauen in leitenden Positionen in den Medien? Die Frauenmacht sehe ich nicht. Zwar steigen sehr viele junge und gut ausgebildete Frauen in den Journalismus ein, aber die wenigsten erreichen Führungspositionen. Erst wenn die Neubesetzung des Chefsessels mit einer Frau keine Schlagzeile mehr garantiert, wissen wir, daß Geschlecht da wirklich keine Rolle mehr spielt.

Lea Susemichel: Vor allem, wenn man berücksichtigt, in welchen Ressorts die Frauen in den Medien sitzen. Im aktuellen Heft haben wir einen Artikel, der die Ergebnisse einer weltweiten Medienbeobachtung zitiert. Demnach ist das Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern in den Medien nach wie vor signifikant, sowohl als Objekt wie auch als Subjekt von Berichterstattung sind Frauen weit abgeschlagen. Es sind immer noch vor allem Männer, die um Expertisen und Analysen gebeten werden. Und es sind weiterhin Männer, die in den Politik- und Wirtschaftressorts sitzen. Und unter den Medienmacherinnen gibt es dann eben auch die Eva Hermans, worüber wir uns ja ebenfalls nicht gerade freuen können.

Wie überbrückt "an.schläge" die Kluft zwischen der alten und der neuen Frauenbewegung, und wie spiegelt sich dies in der Wahl der Themen und Autorinnen wieder?

Lea Susemichel: Das ist grundsätzlich wohl der schwierigste Balanceakt. Die feministische Community ist höchst heterogen und ausdifferenziert, und es ist unmöglich, es mit einem Text allen recht zu machen. Das fängt mit akademischen Queer-Debatten an, deren journalistische Thematisierung den einen zu vereinfachend, den anderen wiederum viel zu wissenschaftlich abgehoben und/oder aktivismusfern ist. Manche Leserinnen sehen die Aufgabe des feministischen Journalismus vor allem in einer soliden feministischen Analyse des politischen Geschehens, während anderen die Auseinandersetzung mit Regierungspolitik an sich schon zu "reformistisch" und zu sehr "Politikberatung" ist. Von den innerfeministischen Reizthemen wie Sexarbeit, Kopftuch, Pornographiedebatte ganz zu schweigen. Sobald wir da deutlich Position beziehen, sind uns empörte Abokündigungen sicher. Wir tun es trotzdem, nicht zuletzt weil feministischer Journalismus immer auch die Pseudoobjektivität von Mainstream-Medienarbeit angeprangert hat. Natürlich haben wir einen anderen Feminismus-Begriff als die Gründerinnen des Magazins vor 25 Jahren, was sich unweigerlich in der Zeitschrift niederschlägt. Aber das bedeutet nicht, daß wir deshalb andere Positionen nicht zulassen.

Wie positioniert sich "an.schläge" historisch und konzeptionell gegenüber einer Zeitschrift wie "Emma"?

Saskya Rudigier: Die "an.schläge" sind jünger (ganze 6 Jahre), radikaler, sehen deutlich besser aus, erscheinen doppelt so oft und würden nie Werbung für die "Bild"- oder die "Kronenzeitung" machen ... Nein, ernsthaft: Ein grundlegender Unterschied ist sicherlich der Kollektivgedanke. Bei den "Anschlägen" hat schon immer ein Kollektiv aus mehreren Redakteurinnen entschieden, während Alice Schwarzer immer unangefochtene Chefredakteurin war. Bei den "Anschlägen" gab es nie einen derartigen Personenkult. Teilweise steht bei Texten in der "Emma" ja nicht mal ein Autorinnenname dabei, während es von PR-Kampagnen à la "Alice ist beliebter als der Papst", "Alice und ihre beste Freundin Simone de Beauvoir", "Alice und ihr neues Buch" darin nur so wimmelt.
Die "an.schläge" positionieren sich "Emma"-kritisch, nicht weil wir ihr die Erfolge nicht gönnen, sondern weil diese Art von Feminismusmonopol (zumindest in Deutschland) die vorhandene Vielfalt an feministischen Medien und Grrrl-Zines verdeckt und deren Meinungsvielfalt unsichtbar macht.

Lea Susemichel: Ich würde den zentralen Unterschied auch in der inhaltlichen Ausrichtung sehen. Von Kopftuch über Sexarbeit bis Pornographie sind wir eigentlich immer grundlegend anderer Auffassung. Im Unterschied zu "Emma" benennen wir Differenzen – und tun nicht einfach so, als gäbe es nur eine mögliche feministische Antwort.
Ich kann Alice Schwarzer nach Papstlob, "Bild"-Werbung, ständigem Merkel- und Von der Leyen-Schulterklopfen auch einfach nicht mehr ernst nehmen. Feministische Medienarbeit diskreditiert sich außerdem durch eine bestimmte Art der Berichterstattung. Wenn ich die aktuelle sozialpornographische "Emma"-Titelstory "Hannahs Tod. Erstmals reden die Eltern" sehe, hab ich keine Lust, mich damit überhaupt auseinanderzusetzen. Es gibt so viele erwähnenswerte Alternativen von feministischem Aktivismus. Und ich bin es inzwischen leid, mich immer an diesem einen Negativbeispiel abarbeiten zu müssen. Es ist angesichts dieser Dominanz natürlich auch wichtig, Kritik zu üben und darauf aufmerksam zu machen, daß es jede Menge besserer Alternativen gibt.

Feministische Zeitschriften der ersten Stunde der zweiten Frauenbewegung haben sich öfter den Vorwurf des Rassismus und Kulturrelativismus anhören müssen. Während eine Auseinandersetzung mit der internationalen Frauenbewegung stattfand, war der Blick auf eigene rassistische und exotistische Darstellungen und auf die Probleme von Migranten verstellt.

Saskya Rudigier: Die eigenen Rassismen aufdecken ist ein kontinuierlicher Reflexionsprozeß und wichtiger Bestandteil antirassistischer, feministischer Medienarbeit. Migrantinnen als Protagonistinnen wahrzunehmen und ihnen Raum für Artikulation zur Verfügung stellen, ist ein erklärtes Ziel der "an.schläge". Nicht immer gelingt diese Einbindung, und wir sind uns dieses Problems sehr bewußt.

Lea Susemichel: Wir versuchen bei allen Themen spezifisch migrantische Positionen zu berücksichtigen und nicht nur über Migrantinnen zu schreiben, sondern sie nach Möglichkeit selbst schreiben zu lassen. Was aber mitunter sehr schwierig ist. In Wien gab es beispielsweise unlängst den ersten europäischen Kongreß schwarzer Frauen, und wir haben Wochen gebraucht, bis wir endlich eine Autorin gefunden hatten. Aber von der grundsätzlichen Haltung her, von der zumindest theoretischen Auseinandersetzung her, hat sich da zum Glück sehr viel getan.

Wie beurteilt ihr die aktuelle Einstellung der "Beiträge zur feministischen Praxis" nach 30 Jahren, eines der ersten feministischen Magazine überhaupt?

Die "Beiträge" haben sich auch dem schwarzen Feminismus verbunden gefühlt, und ihre antirassistische Antwort auf den herrschenden weißen Mittelschichtsfeminismus wird in der feministischen Medienlandschaft fehlen.

Nach Eva Herman, Schönheitswahn und dem Abtreibungsverbot in Nicaragua, was sind die nächsten heißen Themen?

Lea Susemichel: Solche Themen sind ja nie vom Tisch. Wir hoffen aber, daß wir uns nicht in Zukunft dauernd mit irgendeinem neuen Backlash befassen müssen, es gibt ja so schon mehr als genug Kritikwürdiges. Was bedeutet neoliberale Reprivatisierung für Frauen? Welche geschlechtsspezifischen Aspekte hat der Klimawandel? Was haben Rauchverbote mit Feminismus zu tun? Was Datenschutz?

Saskya Rudigier: Feministische Medien besprechen Probleme und Strukturen, die sonst unsichtbar bleiben, weil sie "nicht wichtig" sind. Das Kriterium "berichtenswert" für feministische Medien unterscheidet sich deshalb von dem Nachrichtenwert in herkömmlichen Medien, Themen gibt es genug.

Wünschen Sie sich endlich auch eine Bundeskanzlerin?

Saskya Rudigier: Kommt auf die Kandidatin an, eine Frau allein macht die Politik in Österreich auch nicht besser. Derzeit ist keine in Aussicht.

Lea Susemichel: Wäre Alfred Gusenbauer weiblich, wäre er zumindest symbolisch für irgendwas gut. Insofern bin ich bei vergleichbarer Untauglichkeit im Zweifelsfall durchaus für die weibliche Alternative. Aber ich bin im Umkehrschluß nicht einfach grundsätzlich nach Geschlechtszugehörigkeit parteiisch, so wie viele Feministinnen das jetzt bei Hillary Clinton sind.

www.anschlaege.at

Interview: Sarah Diehl