Geschichte fortschreiben

Die allermeisten Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung sind bereits verstorben. Wie kann Gedenkkultur ohne sie funktionieren? Von SYLVIA KÖCHL

 

Der Umgang mit der nationalsozialistischen Geschichte war gleich nach der Befreiung 1945 eine der wichtigsten Zukunftsfragen der Zweiten Republik. Zunächst wurde jegliche Schuld geleugnet, von den traumatisierten Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungsmaschinerie wollten die meisten nichts wissen. Und auch nicht davon, dass Antisemitismus und Rassismus in die Katastrophe geführt hatten. Dieser (Nicht-)Umgang wirkt bis heute.
Aber auch „1968“ wirkt bis heute. Damals traten die neuen sozialen Bewegungen auf den Plan und etablierten eine Gedenk- und Erinnerungskultur, die der „Verdrängung“ den Kampf ansagte. Mit der Frauengeschichtsbewegung, den Geschichtswerkstätten, der „Geschichte von unten“ wurde auch die Forschung umgekrempelt, aus den Akademien herausgelöst und demokratisiert.
Für die Beziehungen zwischen Forscher_innen und Überlebenden entwickelten vor allem Feminist_innen ganz neue Methoden: Sie betrachteten die Überlebenden nicht als bloße „Zeitzeug_innen“, die als „Belege“ historischer Abhandlungen herhalten sollten, sondern interessierten sich für die Menschen und ihre Lebensgeschichten. Und sie holten Frauen vor den Vorhang. Deren Beteiligung am Widerstand wurde sehr lange Zeit allein wegen ihres Frau*seins kleingemacht, und ihre spezifischen Verfolgungserfahrungen, darunter sexualisierte Gewalt, wurden missachtet. Auch die Formate änderten sich: Es gab nun Filme und Interviewbücher, in denen Überlebende für sich selbst sprechen konnten.
Diese emanzipatorische Geschichtsschreibung hat nun, 2018, schon eine lange Geschichte. Das macht uns Mut, denn darauf können wir aufbauen, wenn wir uns der Frage stellen: Wie kann Gedenk- und Erinnerungskultur in Zukunft aussehen angesichts der Tatsache, dass die allermeisten KZ- und Verfolgungsüberlebenden inzwischen gestorben sind? Noch dazu, wenn wir bedenken, dass die Überlebenden nie nur für sich, sondern immer auch im Namen ihrer ermordeten Angehörigen, Freund_innen und Kamerad_innen gesprochen haben und dass ihre Stimmen Gewicht und Autorität besaßen, wenn es um Kritik an der halbherzigen Bekämpfung von Neonazismus und Rechtsextremismus in der Zweiten Republik ging.

 

Falscher Ausweis von Rosa Jochmann aus dem Jahr 1938 © Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung

Falscher Ausweis von Rosa Jochmann (lebte 1901-1994; war 1940-1945 im KZ Ravensbrück interniert) aus dem Jahr 1938 © Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung

 

Die gute Nachricht: Diese Frage ist nicht neu. Es gibt bereits jetzt gelungene Beispiele.
Etwa die Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück: Die „Ravensbrückerinnen“, wie sich die Überlebenden des Frauen-KZ selbst bezeichnen, haben ab Mitte der 1990er-Jahre jüngere Frauen regelrecht angeworben. Sie besuchten Veranstaltungen, ergriffen in den offenen Foren das Wort, stellten sich und ihre Agenda vor und forderten Antifaschist_innen zum Mitmachen auf.
Engagierte Angehörige und Freund_innen von Überlebenden und Ermordeten sind eine Gruppe, deren enorm wichtige Perspektive inzwischen verstärkt beachtet wird und die uns in die Zukunft begleiten kann.
Noch immer gibt es Nazi-Opfer, die trotz aller Anstrengungen der Frauengeschichtsbewegung unbeachtet geblieben sind, die zum Teil bis heute nicht einmal gesetzlich als Opfer anerkannt sind, von denen es keine Interview-Aufzeichnungen oder veröffentlichte Berichte gibt – aber selbst hier existieren erfolgreiche Vorbilder dafür, wie trotzdem Gedenken und Erinnern organisiert werden kann. Um aus feministischer Sicht die zwei wichtigsten zu nennen: die „Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark“ und das „Frauengedenken Mauthausen“. Beide Initiativen kümmern sich komplett selbstorganisiert um „vergessene“ Opfergruppen: um die Mädchen und jungen Frauen, die ab 1942 als „schwer erziehbar“ und „asozial“ in das KZ Uckermark verschleppt wurden; und um jene Frauen, die im Häftlingsbordell des KZ Mauthausen arbeiten mussten.
Für die Zukunft einer guten Gedenk- und Erinnerungskultur ohne die Überlebenden gibt es kein Rezept. Aber es gibt Vorbilder, es gibt abschreckende Beispiele, und es gibt seit Längerem schon ein offenes Nachdenken über diese Zukunft.

 

Sylvia Köchl ist eine dieser in den 1990er-Jahren von den „Ravensbrückerinnen“ Angeworbenen.

 

Webtipps:
www.wegenachravensbrueck.net
www.ravensbrueck.at
www.gedenkort-kz-uckermark.de
www.uckermark-projekt.org

 

 

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