zeitausgleich: Wenig ausgeglichen

arbeitsfragen in allen lebenslagen

 

Zeitausgleich. Schönes Thema. In meinem Brot-Job arbeiten wir im Gleitzeitmodell, wir können also an einzelnen Tagen Mehrstunden machen, die wir an anderen Tagen über „Zeitausgleich“ wieder zurückholen. Das Modell hat Vorteile. Ich bin nicht nur Teilzeit-Angestellte, sondern auch Teilzeit-Alleinerziehende. Drei Tage die Woche muss ich nach der Arbeit gleich in den Hort hasten, um das Kind abzuholen. Das Kind ist nicht gern im Hort. Darum bemühe ich mich, möglichst früh zu hasten. Das Kind weiß, dass ich ein bisschen flexibel bin in der Arbeit, und fordert die Mehrzeit auch selbstbewusst ein. Ich verbrauche also Mehrstunden aus meinen zwei langen Arbeitstagen für den Zeitausgleich an den drei kurzen Tagen. Wofür ich den Zeitausgleich sonst noch brauche: Elternsprechtage, Adventkonzert in der Schule, Familienausflug im Hort und so weiter und so weiter. De facto kämpfe ich (gegen meine eigene Erschöpfung) um jede halbe Stunde, die ich an langen Tagen mehr arbeiten kann, weil ich weiß, dass ich die Mehrstunden brauche. Die Flexibilität des Zeitausgleich-Modells macht es mir überhaupt erst möglich, trotz Betreuungspflichten doch relativ viele Stunden zu arbeiten. Zeitausgleich ist doch was Schönes. Ausgeglichener macht er mich aber nicht. Ich bin die flexible Komponente in diesem System. Ich reagiere flexibel auf Schulveranstaltungen, springe flexibel ein, wenn der Vater ausfällt und sowieso fast immer, wenn das Kind krank ist. Ganz flexibel schieb ich Termine herum und kümmere mich um Ersatzbetreuung, wenn dann doch mal mehr zu arbeiten ist. Das sind dann Mehrstunden selbstverständlich, für die es 1:1 Zeitausgleich gibt, keine höher bewerteten Überstunden. Ganz flexibel arbeite ich schon im Jänner stundenlang an einem Plan für die neun Wochen schulfrei im Sommer. Trotz aller Vorteile: An manchen Tagen wünsch ich mir einen vollbezahlten Vollzeit-Job mit starren Arbeitszeiten und eine Familie und Schule, die sich darauf einstellen, dass ich pünktlich gehe. Oder vielleicht auch mal länger bleibe und Überstunden mache, so mit Überbezahlung. Und damit nehme ich mir dann echten Zeitausgleich und buche ein Wochenende im Wellness-Hotel.

 

Anna Herz ist kurzfristig als Gastautorin eingesprungen, flexibel sein hat sie ja gelernt.

 

© Sabrina Wegerer

© Sabrina Wegerer

 

 

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