Kimchi, Kartoffeln und Königsberger Klopse

WILDSCHWEIN AUS DEM BEFEUERTEN ERDLOCH

Halbe-halbe in Heterohaushalten? Is‘ nicht, sagen Soziolog*innen. Selbst progressive Paare lügen sich gerne in die Tasche, wenn es um die gerechte Verteilung von Hausarbeit geht. Weil sie eben höhere Ansprüche in Sachen Sauberkeit hat oder er Bügeln ganz grundsätzlich für verschwendete Lebenszeit hält. Einen Bereich aber haben (zumindest bürgerliche) Heteromänner längst erobert: den Herd. Denn im Gegensatz zum gänzlich unglamourösen und repetitiven Scheuern, Waschen und Kehren kann man(n) als Küchenchef so richtig glänzen. Gemeint sind hier nicht die schnellen Nudeln zu Mittag für den quengelnden Nachwuchs, sondern wohl durchdachte Gerichte, die technisches Know-how ebenso erfordern wie kreative Improvisationskunst. Essen mit Applaus-Garantie eben. Der moderne Mann* besitzt deshalb einen Sous-Vide-Garer und lässt sein eigenes Kimchi fermentieren, vergräbt ein halbes Wildschwein in einem befeuerten Erdloch im Garten (das zarteste Fleisch, das Sie jemals probiert haben!) und tauscht sich bei einem kühlen Sour Ale gerne mit Gleichgesinnten über selbst geräucherte Nüsse und Wildkräuter aus. Aufmerksame Marketing-Menschen haben diesen Trend längst entdeckt und kapitalisiert. Da sind etwa Kochmagazine für Männer (z. B. „Beef!“, das riesige Fleischstücke am Cover fast schon erotisch in Szene setzt) und Küchengeräte, die – in Schwarz und Chrom-Optik gehalten – ganz auf Leistung getrimmt beworben werden (so und so viele Umdrehungen!). Über ihre (Groß-)Väter, die schriftliche Gebrauchsanweisungen für Fischstäbchen und Packerlsuppe benötigten, wenn die Gattin mal übers Wochenende verreiste, können die Helden am Herd von heute nur noch lachen. Emanzipation? Geht doch! BRIGITTE THEISSL

 

KIMCHI

Kimchi, Bibimbap & Bulgogi: Auch hierzulande ist in den letzten Jahren ein regelrechter Hype um die koreanische Küche entstanden. Wer könnte auch Kimchi, dem knackigen Salat aus fermentiertem, mit Chili, Ingwer und anderen Gewürzen eingelegtem Chinakohl, einer süchtig machenden Kombination aus scharf, süß, salzig und sauer widerstehen? Als ich in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Wien aufwuchs, war das noch völlig anders. Damals war „exotisches Essen“ weder Teil eines schicken Lifestyles noch galt es als gesund, ganz im Gegenteil: Etwas, das so seltsam aussah und noch merkwürdiger roch, war ebenso minderwertig wie verdächtig. Die Angst der Österreicher_innen vor aromatisch und kreativ gewürzten Speisen und unbekannten Zutaten mag im Rückblick lächerlich und provinziell erscheinen. Doch für Kinder aus migrantischen Familien, wie ich es war, stellte das Essen, das wir von zu Hause kannten und liebten, eine Quelle der Scham dar. Was unsere Eltern und uns zu „Ausländern“ machte, war vor allem unser angeblicher Gestank. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Angst, selbst „aufzufliegen“, wenn meine türkischen Mitschüler_innen als „Knoblauchfresser“ beschimpft wurden. Unter keinen Umständen hätte ich es gewagt, den Schulfreundinnen, die ich zu mir nach Hause einlud, koreanische Gerichte vorzusetzen – dies wäre einem Anschlag auf deren Leib und Leben gleichgekommen (stattdessen gab es den Fertigmix Pasta Asciutta aus dem Packerl und Rote-Rüben-Salat aus dem Glas – viel gesünder!). Und ich ließ mir nichts anmerken, wenn ich am Mittagstisch meiner österreichischen Freundinnen den süßen Reisauflauf hinunterwürgte, der mir wohlwollend präsentiert wurde. Niemals hätten sie verstanden, wie viel Geborgenheit und Zugehörigkeit, Erinnerung und Stärkung uns das fremde, stinkige Essen gab, das sie die längste Zeit so sehr verachteten. VINA YUN

 

© Paula Winkler

© Paula Winkler

 

ERDBEEREN IM MAI

„Every act is a political act“, soll Susan Sontag mal gesagt haben und es ist eine Maxime, die mich jeden Tag aufs Neue beschäftigt. So auch bei der Entscheidung, was denn nun auf meinem Teller landen soll. Manche Dinge gehen dabei gar nicht. Palmöl zum Beispiel. Kokosöl. Gojibeeren. Chiasamen. Oder andere Lebensmittel, die zum Superfood stilisiert werden, um Konzerngewinne zu maximieren. Was all diese Dinge miteinander verbindet, ist der lange Weg, den sie bis zu meinem Teller zurücklegen müssen, sowie fragwürdige Anbaumethoden, die Tier, Mensch, Vegetation und Klima schädigen. Deswegen: regional und saisonal bitte. Mit Dingen, die potenziell vor meiner Haustüre wachsen können, und dies der jeweiligen Jahreszeit entsprechend. Von Menschen, die ich potenziell vor meiner Haustüre treffen kann. Denen ich Fragen stellen kann. Und deren Produkte zu Artenvielfalt beitragen. Ein elitärer Zugang? Ja. Ich lebe privilegiert, habe weitaus mehr Möglichkeiten als andere. Aber wir alle stehen regelmäßig vor den Supermarktregalen und wir alle treffen dabei eine Entscheidung. Eine Entscheidung kann sein, die Erdbeeren erst im Mai zu kaufen. Eine andere, einer Foodcoop beizutreten. Wieder eine andere, den nächstgelegenen Markt aufzusuchen. Oder einfach die Grundsatzentscheidung, einige Marken erst gar nicht in den eigenen Haushalt einziehen zu lassen. Nachzufragen, woher die Dinge kommen, die ich täglich zu mir nehme. Wer dieses Produkt produzieren muss und unter welchen Bedingungen. Inhaltsangaben kritisch zu lesen. Alternativen zu suchen und sie zu finden. Denn es gibt sie. ULLI KOCH

 

ERBSEN UND KARTOFFELN

Oma hat gekocht. Es duftet nach saftigen Erbsen in Einmach mit viel Petersilie. Sie kocht mein Lieblingsessen und ich kann es kaum erwarten. Opa schlurft mit einem Sack Erdäpfel in die Küche. Besonders im Winter bekommt er oft Lust darauf: eine Schüssel dampfende Erdäpfel in der Mitte des Tisches, Butter und Salz für alle. Diese zwei Szenen sind meine dominanten Kindheitserinnerungen an Essen. Dabei sind das nicht nur zwei Gerichte, die ich damals wie heute gerne esse. Sie erzählen beide Geschichten, die weit in die Vergangenheit reichen – und in die Zukunft genauso. Opa und die Erdäpfel. Warum er dieses Essen so liebte, hat er uns unzählige Male geschildert: Als Kind, im Krieg und die Jahre danach, gab es nicht viel Auswahl. Was immer reichlich da war, aus dem eigenen Garten, waren Erdäpfel. Und an Tagen, an denen es auch Butter gab und obendrauf etwas Salz, schmeckte es besonders gut. Die Kinder waren so mit den wichtigsten Nährstoffen versorgt. Oma und die Erbsen. Ich habe sie als Kind eigenhändig im Garten geerntet. Am besten schmeckten sie ganz frisch. Als Mittagessen aber am allerbesten, wenn Oma sie gekocht hat. Ich habe mich oft an ihnen versucht, die Erbsen-Einmach aber nie so hinbekommen wie sie. Essen, was der eigene Garten hergibt. Essen, was da ist. Womit meine Großeltern in ihrer Kindheit des Mangels aufgewachsen sind, setzt sich als tief verwurzeltes Überlebensprogramm in mir fort. Wenn ich den Garten der Wohnung plane, in die ich bald mit meiner Tochter ziehe, dann ist für mich ganz klar: Ich muss Erbsen anbauen. Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass sie mich ernähren. Und zwar in jeder Hinsicht: Meine verstorbene Oma ist mir dann ganz nah. Dieses Gericht ist so viel mehr als einfach Essen. Und wenn die Vorräte in meiner Küche sonst nichts mehr hergeben: Erdäpfel sind immer da. Es gab auch Jahrzehnte nach dem Krieg in meiner Familiengeschichte Phasen des Mangels, als Erdäpfel zum Hauptlieferanten von Nährstoffen wurden. Solange Butter und Salz mit am Tisch stehen, ist es trotzdem ein Festmahl – jedenfalls in unserer Familie. GABI HORAK

 

© Paula Winkler

© Paula Winkler

 

 

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