Weil´s schon immer so war?

Was bedeutet „Weiblichkeit“ eigentlich? Die Menschheit hat im Laufe der Geschichte darauf höchst unterschiedliche Antworten gehabt. Eine launige Kulturgeschichte der Weiblichkeit. Von OLJA ALVIR

 

Die Vergangenheit ist ein Produkt der Gegenwart. Das sollten wir uns immer vor Augen halten: Was wir heute über bestimmte Epochen zu glauben wissen, ist immer gefärbt davon, welche bereits existierenden Konzepte unsere Vorstellungen prägen. Wenn irgendwelche poshen britischen Kolonialherren 1890 in ihrer Freizeit etwas Archäologie machten, weil es gerade modern war und sich das für einen Kosmopoliten so schickte, so gingen sie mit ganz bestimmten Vorstellungen von prähistorischem Leben, Mann und Frau, Familie usw. ins (gestohlene) Feld. Und so sprach alles, was sie bei Ausgrabungen fanden, natürlich für die Konzepte, die sie lebten, verteidigten und zu legitimieren suchten. Und diese Konzepte, die es aufrechtzuerhalten gilt, sind meistens das Patriarchat, der Kapitalismus, Herrschaft generell.

Aber zurück zum Anfang. Die Geschichte der Weiblichkeit ist geprägt von der Vorstellung der Frau als das Andere. In den Quellen der westlichen Kultur, also der antiken Mythologie und Geschichte sowie den abrahamitischen Religionen und Traditionen, ist der Mann immer das Muster für den Menschen: der Arche- beziehungweise Proto-Typ, das Modell, das Vorbild, ein defizitärer Gott gar, nach dessen Ebenbild jedenfalls geschaffen.
Wurde etwas zu Mann und Mensch, wurden die Frau und das Weibliche naturgemäß zu seinem Gegenteil. (Binarität: Auch so ein hartnäckiges westliches Konzept.) Von allem, was dem Mann zugeschrieben wird und wurde – etwa stark, rational, dominant –, sei die Frau das Gegenteil: schwach, emotional, unterordnend.
Mit der Veränderung der Lebensweisen der Menschheit im Laufe der Geschichte veränderten sich auch die Anforderungen daran, was es bedeutet, Mensch und Mann zu sein, was sich natürlich wieder auf seinen Gegenpart, die Frau, auswirkte. Und so gibt es im Rückblick viele verschiedene (teilweise auch widerprüchliche) Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit.

Der Mann als Norm. Diese Vorstellung vom Normmenschen und seiner Abweichung findet sich auch heute noch oft im Alltag. Aufdringlich ist es beispielsweise in der Bild- und Piktogrammsprache, die oft einen generischen Mannmenschen stanzt oder in der (Schrift-)Sprache, wo nicht selten das Wort für Mann und Mensch sogar ein und dasselbe ist. Oder in Kunst und Architektur: Da Vincis berühmter „Vitruvianischer Mensch“ ist wenig überraschend ein Typ, sowie in der Medizin, deren Studien und Erkenntnisse sich stark am idealen Männerkörper orientieren und die Spezifika anderer Körper ignorieren.
Viele aktuelle politische Diskussionen und feministische Forderungen lassen sich im Kontext dieser Binarität lesen und verstehen. Was für den Menschen und Mann gilt, gilt nicht sofort auch für die Frau, sondern muss im Ernstfall erst erkämpft und erstritten werden: körperliche Unversehrtheit, Wahlrecht, ökonomische Unabhängigkeit und so weiter und so fort.
Selbstverständlich gibt es auch positive Bildnisse von Weiblichkeit. Doch auch diese – die göttliche Mutter Maria, die künstlerische Muse – sind Fremdzuschreibungen, die ganz bestimmte Funktionen erfüllen und meist unerreichbare Ideale darstellen, die in ihrer Perfektion wiederum nur die Defizite realer Frauen unterstreichen. Etwas provokant ließe sich also vielleicht sagen, Weiblichkeit ist ein Konstrukt zur Legitimation der Unterdrückung der Frau.

Wandelbare Weiblichkeit. Ein Rückblick auf die Entwicklung des Weiblichen zeigt: Weiblich kann alles sein, solange das Patriarchat es gerade so will und braucht. Wenn es in Kriegszeiten zu wenige Arbeitskräfte gibt, dann ist es eben plötzlich weiblich, in Fabriken zu schuften. Wenn es im Space Race gerade wichtig ist, voranzukommen, dürfen sogar Schwarze Frauen ran an die Mathematik. (Hidden Figures, anyone?) Und im Nachhinein werden, wie bereits eingangs geschildert, diese Entwicklungen als natürlich konstruiert – oder rückgängig gemacht, verschwiegen, gelöscht. In Wahrheit sind sie ganz gezielte Änderungen im gesellschaftlichen Bewusstsein mit oft eigener Bildsprache, eigenen Slogans und eigenen Kampagnen: We can do it! Die Geschichte von „Rosie the Riveter“, der Figur dieses ikonischen Bildes, ist hierzu eine großartige und sehr aufschlussreiche Lektüre.
Gerade das Phänomen „typisch weiblicher“ Berufe ist ein sehr eindeutiges Beispiel für die Konstruktion von Weiblichkeit und die einhergehende Abwertung. Viele der aktuell unter „immer schon so gewesen“ einsortierten kulturellen Vorstellungen rund um Gender und Beruf entstanden im Rahmen der industriellen Revolution, als sich die gesamte Gesellschaft und auch die Familienstrukturen im Westen stark veränderten.

 

www.dellagracevolcano.com © Del LaGrace Volcano

Alotta Boutte & Simone ce la Getto (Harlem
Shake Burlesque), San Francisco 2006 © Del LaGrace Volcano

 

Fäden ziehen. Dringen Frauen in vormalige Männerdomänen vor, geschehen zwei Dinge. Erstens: Gehälter und Prestige des Zweigs sinken erwiesenermaßen. Und zweitens: An der Spitze bleiben trotzdem Männer. Auch wenn beispielsweise Kochen, Mode und Beauty als „weibliche“ Interessen verankert sind, stehen an der Spitze der Industrien immer Männer. Kochen ist Frauensache, aber die Haubenküche ist dennoch ein extrem männlich geprägtes Feld; Nähen ist weiblich, aber die wichtigsten und bekanntesten Modedesigner, deren Visionen unsere Kultur prägen (und Frauen Body-Image-Probleme verleihen, die diese wiederum nur mit Produkten dieser Industrien zu lösen vermögen), sind – Bingo: Männer. Auch im Hintergrund werden von Männern die Fäden gezogen: Zu den reichsten Männern der Welt gehören übrigens Bernard Arnault, Inhaber von Luxusmarken wie Louis Vuitton und Dior, sowie Amancio Ortega vom Fashion-Konglomerat rund um Zara, Bershka und Co. Kapitalismus und Patriarchat arbeiten so schön zusammen wie eh und je.

Pink History. Vielleicht ein noch anschaulicheres Beispiel: Die Farbe Pink war bis noch vor etwa hundert Jahren eindeutig mit Buben verbunden. Pink kommt von Rot, und Rot ist in der westlichen Kulturgeschichte eine positiv konnotierte, dominante, gar königliche Farbe. Das als sanfter wahrgenommene Hellblau wurde den „passiven“ Mädchen zugeordnet. Zuerst Frauen zu etwas – Passivität – zu erziehen, um dieses Verhalten danach als essenziellen Bestandteil von Weiblichkeit zu bestimmen, ist hierbei der perfide Trick!
Der Blau-Rosa-Farbentausch, eine Einteilung, die nicht nur für viele Kinder heute in Stein gemeißelt scheint, fand erst irgendwann zwischen 1920 und 1950 statt. Auf dem Fuß folgte klarerweise auch die Abwertung von Pink als „Mädchenzeug“. (Auch die gesamte, sehr interessante Kulturgeschichte der Farbe Pink gibt übrigens Lesestoff für viele Monate.)

Regenbogenfarbener Hoffnungsschimmer. Das Beispiel Pink zeigt uns: Auch die komplette Verdrehung der Umstände und Bedeutungen ist also möglich. Angesichts dieser mannigfaltigen und teilweise willkürlichen Entwicklungen ist vielleicht nichts unmöglich, auch die positive Umdeutung nicht. Ein kleiner regenbogenfarbener Hoffnungsschimmer also. Es bleibt allerdings die Frage nach einer Definition von Weiblichkeit abseits des Männlichen. Glücklicherweise wurde hier ab der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts im Rahmen der zweiten Welle des Feminismus einiges an revolutionärer Arbeit getan.
Die Lösung des Problems könnte aber auch die Abschaffung falscher Binaritäten sein – oder zumindest vorerst ein bisschen mehr Dialektik. Denn obwohl „weil’s schon immer so war“ von Konservativen gerne als Pseudoargument eingeführt wird, bei genauerer Betrachtung zeigt sich: Es war halt echt einfach nicht „schon immer so“. Es wurde irgendwann so gemacht! Und es wird und muss es auch in Zukunft nicht sein.

 

Olja Alvir, Autorin in Wien, ist immer wieder fasziniert davon, zu welch geistiger Akrobatik Menschen fähig sind, um ihr Handeln zu rechtfertigen.

 

 

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