an.sage: Sentimentalität & Stolz

Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

Immer wieder habe sie im Laufe der Zeit an.schläge-Artikel kopiert, um sie nach fruchtlosen Diskussionen ihren Eltern mitzubringen, erzählt die Opernsängerin Katia Ledoux bei ihrem Auftritt auf dem rauschenden an.schläge-Geburtstagsfest in Wien. Es gibt bei der Bühnenshow einige solche persönliche Geschichten über die Bedeutung, die das Magazin in der individuellen Biografie der Künstlerinnen* gespielt hat. Sie alle treiben uns in dieser Nacht voll rührseliger Reminiszenzen immer wieder Tränen in die Augen.
Wir möchten Euch allen von Herzen für diese vielen Liebesbekundungen danken. Es gab sie nicht nur auf dem Fest, sondern auch während der Kampagnenarbeit in den vergangenen Wochen. Sie bedeuten uns ungeheuer viel. Diese Form der Solidarität war ebenso wichtig wie die Abobestellungen, mit denen wir es nun tatsächlich geschafft haben, unser Abo-Ziel zu erreichen! Hooray!
Und es ist nicht allein Nostalgie und eitler Stolz auf das eigene Herzensprojekt, die solch schmeichelhafte Erinnerungen und Lob so ergreifend machen. Es ist die Erkenntnis, dass die eigene Arbeit tatsächlich etwas bewirkt, dass feministisches Engagement einen nachweisbaren Unterschied machen kann.
Doch auch ohne jede Sentimentalität: Die Erkenntnis des eigenen Impacts sollten sich gerade Feministinnen unbedingt bewahren, denn auch sie neigen dazu, ihre Arbeit in der langen Tradition weiblichen Understatements kleinzureden (mit Ausnahme von Alice Schwarzer vielleicht …). Und das betrifft nicht nur den erfreulichen Einfluss, den feministische Projekte und Initiativen auf einzelne Lebensläufe haben, sondern durchaus auch die große gesamtgesellschaftliche Ebene, auf der buchstäblich „Geschichte gemacht“ wird.

 

 

Das zeigt aktuell auch die Erinnerungspolitik zum 50. Jubiläumsjahr von 1968. Dass Sigrid Rüger damals Tomaten auf die Genossen schmiss, weil diese auch nach Helke Sanders revolutionärer feministischer Rede keine Einsicht zeigten, gilt bis heute als launige Fußnote einer Geschichte von vornehmlich männlichen Marxisten, die die Welt verändert haben. Erst jetzt scheint es zu einer zaghaften Neubewertung der Rolle zu kommen, die feministische Kritik bei dieser wichtigen gesellschaftlichen Revolution des 20. Jahrhunderts gespielt hat. Denn sie war definitiv größer als gewürdigt. Gretchen Dutschke, Aktivistin und Witwe der 68er-Ikone Rudi Dutschke, hat gerade ein Buch mit dem Titel „1968: Worauf wir stolz sein dürfen“ veröffentlicht und sagt, dass es gerade die Frauenbewegung sei, auf die wir mit Stolz zurückblicken sollten. Denn bereits in den 1970ern hätten sich die Männer in K-Gruppen zurückgezogen und „die Bewegung zersplitterte. (…) Es war vor allem die Frauenbewegung, die unsere antiautoritären Ideale weitertrug“, so Dutschke im „Standard“-Interview.
Genau diese These macht auch die deutsche Historikerin Christina von Hodenberg in ihrer Studie „Das andere Achtundsechzig“ stark, in der sie zeigt, dass 1968 viel „weiblicher“ war, als die historische Forschung bislang vermuten ließ, und dass vor allem die damals entstandene Frauenbewegung großen gesellschaftlichen Einfluss hatte.
Angesichts dieser vielen Leerstellen sollte alles darangesetzt werden, damit die historische Leistung von Frauen* nicht länger unterschlagen wird.
Denn gegenwärtig sind wieder sie es, die Geschichte machen: Ob bei den buchstäblich historischen Women’s Marches, dem Frauenstreik in Spanien mit über fünf Millionen Teilnehmerinnen oder den Frauentags-Demonstrationen in der Türkei. Diese feministischen Bewegungen, die selten so stark waren, dürfen sich nicht kleinreden und nicht kleinkriegen lassen. Denn die Berichterstattung über solche Ereignisse ist trotz medialem #MeToo-Rummel weiterhin dürftig, stattdessen bekommt altbackenster Antifeminimus viel Raum – wie beim vielbeachteten „Zeit“-Leitartikel, in dem über den „feministischen Volkssturm“ gewütet wird, dessen Auswüchse an „bolschewistische Schauprozesse“ gemahnen würden. (Zur Erinnerung: Die Urteile dieser Prozesse hatten die Verbannung in sibirische Arbeitslager oder gar das Todesurteil zur Folge. Androzentrische Geschichtsvergessenheit also auch hier.)
Für (eine) andere Geschichte(n) ist feministische Medienkritik und Medienarbeit offenbar weiterhin unverzichtbar. Dank Euch können wir sie zum Glück fortsetzen.

 

 

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