an.sprüche: Gefühle auf Facebook

Auf Social Media das Herz ausschütten: Ist das nur Exhibition oder schon Subversion? Oder ist es angesichts des Datenschluckers Facebook einfach nur leichtsinnig? OLJA ALVIR und FIONA SARA SCHMIDT diskutieren.

 

TMI – Too Much Information?

Es gibt kaum etwas Schöneres als verstanden zu werden; je bizarrer und spezifischer der Gedanke, desto größer die Genugtuung, dass es da draußen tatsächlich noch jemanden gibt, der ihn teilt. Dies ist wohl mein Grund dafür, meine Gefühle ins Internet zu tippen, ich hoffe darauf, dass irgendwo da draußen etwas aufblinkt, ein paar Nullen und Einsen verschoben werden und ein kleines Signal piepst: „Ich sehe dich. Ich erkenne etwas.“ Einander und die Welt derart auszumachen, sich mitzuteilen (mit Betonung auf Teilen) ist mir ein generelles Bedürfnis, die zahlreichen Plattformen mit ihren schlau durchdachten Bestätigungsfunktionen und Algorithmen wirken auf mich entsprechend verführerisch.
Ich habe ein fast besorgniserregendes Vergnügen daran, anderen ei- nen (auch vermeintlichen) Einblick in sogenannte private und tabuisierte Nischen meiner Gefühlswelt zu ermöglichen. Die Art von Information, bei der erschrocken und vor den Kopf gestoßen die Stirn gerunzelt wird, ist mir die liebste; und so scanne ich mich ständig auf der Suche nach dem, was ich im Alltag vor anderen und mir selbst verstecke. Ich beobachte die Menschen gerne dabei, (nicht) damit klarzukommen, dass ich regelmäßig TMI-Content („too much information“) liefere. Ist das nur Exhibition oder schon Subversion? Ab wann ist die ungefragte Artikulation von Gefühl grenzüberschreitend? Und was wäre denn das genau richtige Ausmaß an Information?
Klar gibt es beachtliche Nachteile dabei, sich derart zu publizieren: Familie und Freund_innen haben manchmal mehr Ahnung als ihnen, Hater und Feind_innen dafür mehr Munition als mir lieb ist. Nicht zuletzt hängt immer die Googlebarkeit der Vergangenheit schwer im Raum: Was denken Arbeitgeber_innen über meinen letzten emotionalen Breakdown?
Doch wenn ich um zwei in der Nacht schlaflos etwas über das Meer und Vermissen schreibe und dann einen kleinen Wink einer unbekannten Person Tausende Kilometer weit entfernt bekomme, sind mir die Antworten auf all diese Fragen plötzlich sehr viel klarer.

 

Olja Alvir ist Autorin in Wien, und ihr Hobby ist es, sich auf so viele Arten wie möglich verletzlich zu machen.

 

© Sabrina Wegerer

© Sabrina Wegerer

 

Das hämische Haha-Smiley

„Aufgrund der neuen AGB in Facebook widerspreche ich hiermit der kommerziellen Nutzung meiner persönlichen Daten gemäß BDSG. Das Copyright meiner Profilbilder liegt ausschließlich bei mir. Die kommerzielle Nutzung bedarf meiner schriftlichen Zustimmung.“ Statements wie dieses kursieren regelmäßig. Schade nur, dass sie genauso wenig bringen wie die Weiterleitung eines Kettenbriefes. Oder in einem Geschäft laut zu rufen: „Ich bin gegen den Kapitalismus und kaufe hier ab sofort gratis ein!“ Denn wer sich bei Facebook anmeldet, erteilt dem Netzwerk für geistiges Eigentum „wie Fotos und Videos eine nicht-exklusive, übertragbare, unterlizenzierbare, gebührenfreie, weltweite Lizenz für die Nutzung jedweder Inhalte, die du auf bzw. im Zusammenhang mit Facebook postest“. Wenn Inhalte von anderen geteilt wurden, gilt dies auch nach dem Löschen des Facebook-Profils. Die Grenzen der Privatsphäre, das Recht auf Vergessen, Strafen für Stalking im Netz und Cyber-Mobbing sowie Urheberrechtsverletzungen werden Gerichte auf der ganzen Welt in den nächsten Jahrzehnten klären müssen.
Möchte ich, dass meine verweinten Augen für immer auf einem Server liegen? Die schönste Party des Jahres? Was ich heute lustig finde, wird meine Freundin übermorgen einen Job kosten. Das süße Baby wird mir später vorhalten, wie wir so naiv sein konnten. Gebe ich meine Gedanken und Gefühle auf einer Plattform preis, die allein durch das Layout dafür gedacht ist, sich gegenseitig zu zeigen, was man heute erlebt hat und wie andere das finden? Behauptet wirklich jemand, differenziert über Themen zu diskutieren, in Kommentaren, die man ständig ausklappen muss, wo jede Aussage mit Herzchen, Böse oder Haha! bewertet werden kann und die als Screenshot für immer bestehen bleiben kann? Noch mehr Persönliches zu posten, heißt noch mehr Datenkrake, noch besser personalisierte Werbung, noch mehr Markieren, Gesichtserkennung, Überwachung und keine Ahnung, wo das Ganze eigentlich hinführt. Trotzdem gut gemacht, der Mist, sonst wären wir ja alle nicht mehr dort.

 

Fiona Sara Schmidt teilt ihre Facebook-Kontakte regelmäßig gewissenhaft in Bekannte und (echte) Freund_innen ein. Emojis benutzt sie in privaten Chats exzessiv.

 

 

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