„Ein Mindestmaß an Unbill“

Feministinnen und ihre Luxusprobleme: Der Backlash gegen #MeToo zieht herauf. Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

Der Feminismus ist gegenwärtig von zwei Seiten unter Beschuss – von rechts und von links. Davor warnt die feministische Kulturtheoretikerin Angela McRobbie angesichts einer linksliberalen US-Debatte, die seit dem ideologischen Showdown zwischen Hillary Clinton und Bernie Sanders immer aggressiver geführt wird. Denn auch viele Linke wollen sich angesichts der globalen Misere wieder auf die Kernforderung nach sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit besinnen, statt sich durch „Partikularinteressen” wie Feminismus oder Black Liberation spalten zu lassen.

„Genderwahnsinn”. Der Backlash, der sich als Antwort auf die erfreulichen Erschütterungen durch #MeToo noch leise, aber schon vernehmlich grollend zusammenbraut, gibt McRobbie auch hierzulande Recht.
Denn während Angriffe auf „Genderwahnsinn” und „politische Korrektheit“ von rechtsreaktionärer Seite wohlvertraut sind, ist die Unverhohlenheit relativ neu, mit der feministische Forderungen nun auch von vermeintlich Linken zurückgewiesen und der gute alte Hauptwiderspruch gefeiert wird. Deren Argument lautet: Der Neoliberalismus hätte sich die identitätspolitischen Emanzipationsbestrebungen noch der kleinsten Minderheit inzwischen erfolgreich einverleibt und gewähre diesen nun kleine symbolpolitische Siege. Doch auch wenn Transfrauen oder Lesben hin und wieder Unternehmen und vielleicht sogar mal eine Regierung führen dürften, ändere das an der globaler Ungleichheit und am Elend der prekarisierten Massen nicht das Geringste. Im Gegenteil würde es von den entscheidenden Schlachten nur ablenken.

Haupt- und Nebenwiderspruch. Dieses neue Nebenwiderspruchs-Argument ist so falsch wie das historische: Kapitalistische Ausbeutung lässt sich nicht analysieren und wirksam bekämpfen ohne dabei z.B. den Beitrag zu berücksichtigen, den reproduktive Arbeit weiterhin unentlohnt zum Systemerhalt leistet. Ebensowenig lässt die neoliberale Hegemonie brechen ohne Verständnis für spezifische Diskriminierungsformen und Machtgefälle innerhalb des so ganz und gar nicht homogenen Prekariats. Das heißt – um nun ebenfalls in die diskursfigürliche Mottenkiste zu greifen – konkret: Niemand ist frei, solange nicht alle frei sind.

„Erwachsenensprache“. Auch Robert Pfaller versteht sich als Linker, der für die gute Sache gegen identitätspolitische Überempfindlichkeiten und Überkorrektheiten polemisiert – und er richtet sich dabei nun auch gegen die #metoo-Bewegung. Der Wiener Philosophieprofessor, der schon in der Vergangenheit mit saudämlichen Kommentaren zum Thema auffiel („Ist es egalitär, Frauen zu behandeln, als ob sie kein Geschlecht hätten? Oder ist es egalitär, Frauen mit dem ganzen Respekt und der Courtoisie zu behandeln, die einer Dame im öffentlichen Raum zustehen?“,) plädiert in seinem neuen, leider vielbeachteten Buch nun für eine „Erwachsenensprache“. Denn „auch Frauen sind vernünftige, erwachsene Wesen, die zwar nicht alles, aber ein Mindestmaß an Unbill sehr wohl ertragen können.“ Metoo brächte mehr Schaden als Nutzen verkündet Pfaller (ohne freilich den vermeintlichen Schaden konkret zu benennen), schließlich seien Frauen keine schwachen Opfer, sondern „starke Wesen, die auch Macht und Sex einsetzen und diese bisweilen auch missbrauchen können.” Überhaupt verdanke sich die ganze Empörung letztlich einer puritanischen Sexualfeindlichkeit. Pfallers Conclusio, die in ihrer dreisten Einfältigkeit fast schon wieder beeindruckend ist, lautet: #MeToo unterlaufe errungene emanzipatorische Fortschritte durch Selbstviktimisierung und Sexualitätsfeindlichkeit sogar wieder.

 

Lea Susemichel

 

Luxusprobleme von Hollywoodschauspielerinnen. Bei den prominenten #MeToo-Fällen, die Pfaller als Luxusprobleme von Hollywoodschauspielerinnen abtut, handelt es sich mitunter um Vergewaltigung und brutale Nötigung. Davon unbeeindruckt wird so getan, als würde Männern nun bei jedem unbeholfenen Kompliment sofort das Wort im Mund und bei versehentlich anstreifenden Händen gar gleich der Hals umgedreht.
Und Pfaller ist leider beileibe nicht der einzige mit dieser kruden Argumentationsstrategie. Viele sprechen angesichts von Sachverhalten, die so offensichtlich sind wie ein Schlag ins Gesicht, mit bangen Mienen von „schmalem Grat“, „schwierigen Grenzziehungen“ und „großen Grauzonen“. Doch auch wenn sich das als solche bemäntelt: Das ist keineswegs die Sorge vor einer wildgewordenen weiblichen Lynchjustiz. Es ist eine perfide reaktionäre Strategie – und es ist wichtig, sich das klarzumachen.

Abwehrkampf. Damit kein Missverständnis entsteht. Natürlich ist es unerlässlich, die innerlinke Debatte zu führen, ob identitätspolitische Scharmützel eine breite Solidarisierung verhindern, die es gegenwärtig so dringend bräuchte. Aber diese Debatte ist kompliziert und muss deshalb differenziert geführt werden. Was hier geschieht, ist hingegen erschreckend simpel: Es nicht der Klassenkampf, für den er sich ausgibt, sondern der aggressive Abwehrkampf sexistischer Männer.

 

 

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