„Unsere Grammatik bevorzugt Männer“

LUISE F. PUSCH hat die feministische Linguistik mitbegründet und entscheidend geprägt – mit viel Humor. Sie plädiert weiterhin für das umfassende Femininum, bei dem „alle herzlich mitgemeint sind“. Ein Interview von LEONIE KAPFER und LEA SUSEMICHEL

 

an.schläge: Sie gelten gemeinsam mit Senta Trömel-Plötz als Begründerin der feministischen Linguistik in Deutschland. Trömel-Plötz schreibt rückblickend, dass sie Ihnen für Ihre Solidarität als Freundin und Feministin ewig dankbar sein wird – denn Sie sind ihr zur Seite gesprungen, als sie Ende der 1970er aufgrund ihrer feministischen Sprachkritik massive Anfeindungen seitens der Kollegen erlebte. Ihre beiden universitären Karrieren wurden damit quasi beendet. Heute ist Ihr Buch „Deutsch als Männersprache“ das bestverkaufte sprachwissenschaftliche Werk der Nachkriegszeit. Haben Sie sprachpolitisch also letztlich gewonnen?

Luise F. Pusch: Gewonnen haben wir wohl noch nicht, aber schon einige Etappenziele erreicht. Für mich ist eine gerechte Sprache das Ziel und der Weg dorthin ein langwieriger Prozess mit Hindernissen. Das alles braucht viel Zeit und die entsprechende Zähigkeit, und die Gegenseite ist auch nicht faul oder auf den Kopf gefallen.

Inwiefern ist Deutsch eine besonders sexistische Sprache? Welche Sprache wäre denn ein Positivbeispiel und was ist dabei entscheidend?

Alle Sprachen im Patriarchat sind sexistisch, insofern sie die gesellschaftliche Unterordnung der Frau sprachlich abbilden und dadurch immer wieder bekräftigen. Besonders sexistisch sind die europäischen Genus-Sprachen, die allesamt das maskuline Genus, mit dem Männer bezeichnet werden, über das feminine Genus stellen. Jede Äußerung über Personen, die wir in diesen Sprachen machen, stützt das Patriarchat, und den meisten ist das nicht einmal bewusst.
Englisch und Deutsch sind beide sexistisch, aber das Englische ist leichter zu reparieren bzw. zu therapieren, wie ich es gern nenne. Englische Personenbezeichnungen sind grammatisch neutral, deshalb können wir damit gut auf Personen referieren, ohne uns auf ein Geschlecht festlegen zu müssen: „And the winner is …“. Vom Deutschen wird zwar behauptet – besonders gern von Sprachwissenschaftlern –, das Maskulinum sei geschlechtsneutral. Trotzdem können wir nicht sagen: „Und der Gewinner ist …“, ohne Assoziationen an einen Mann zu wecken. Täglich hören wir Sätze wie „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ – und stellen uns dann automatisch Männer vor. Die vielen Ärztinnen und die siebzig Prozent Apothekerinnen werden automatisch ausgeblendet. Nicht aus bösem Willen, sondern weil unsere Grammatik Männer bevorzugt.

Inzwischen wird in der queer-feministischen Bewegung nicht mehr nur eine geschlechtergerechte Sprache gefordert, sondern generell eine „gerechte Sprache“, die auch andere Diskriminierungsformen berücksichtigt. Sie argumentieren jedoch, dass die sprachliche Diskriminierung der Frau die einzige sprachliche Diskriminierung sei, die sich „tief in der Grammatik eingenistet hat“. Inwiefern? Und was bedeutet das konkret für solche Forderungen?

Wie ich eben ausgeführt habe, werden im Deutschen und in anderen Genus-Sprachen die Frauen mit einem Femininum und die Männer mit einem Maskulinum bezeichnet. Dabei hat das Maskulinum in jeder Hinsicht Vorrang. Die Sprachwissenschaft sagt, das Maskulinum sei „unmarkiert“ und könne deshalb das Femininum „mitmeinen“. Dass das aber nachgewiesenermaßen eine permanente Ausblendung – um nicht zu sagen Auslöschung – weiblicher Personen bedeutet, kümmert die Sprachwissenschaftler nicht weiter.
Für die Mitglieder der LGBTTQI-Community ist in der Grammatik keine formale Diskriminierung vorgesehen. Es gibt weder ein eigenes Genus für sie, das im maskulinen Genus „mitgemeint“ wäre, noch eine eigene Endung.
Die Bemühungen um eine gerechte Sprache unterstützen wir als Feministinnen natürlich, denn als Frauen haben wir damit die längste und gründlichste Erfahrung. Unsere Erfahrung ist allerdings eine völlig andere als die der Queer Community, die versucht, die Geschlechtertrennung zu transzendieren. Viele Angehörige der Queer Community finden keinen Platz in dem binären Korsett der Genusssprachen, das nur zwei Geschlechter vorsieht.
Vor dem Hintergrund unseres deutschen Sprachsystems braucht diese spezielle Diskriminierung der Queer Community eine eigene, spezielle Lösung. Wir haben im Deutschen das Neutrum, das sich für diesen Zweck aktivieren ließe – aber die meisten Angehörigen der Queer Community werden diesen Vorschlag als diskriminierend von sich weisen. Folglich wäre innerhalb des deutschen grammatischen Systems ein eigenes, neues Pronomen und ein neues Genus eigentlich die naheliegendste Lösung. Linguistisch ist das nicht unkompliziert, aber richtig schwierig wird die Durchsetzung in der nichtqueeren Sprachgemeinschaft. Als feministische Sprachpolitikerin kann ich von den Widerständen der Gegenseite und ihrer AnhängerInnen ein langes Lied singen.
Wenn Frauen, Männer und Angehörige der Transgender Community gemeinsam eine gerechte Sprache aushandeln sollten, würde das vermutlich ähnlich zugehen wie jetzt bei den Sondierungen und Koalitionsverhandlungen zur Jamaica-Koalition. Eigentlich unvereinbare Interessen sollen zu Kompromissen zurechtgefummelt werden.

Sie plädieren auch weiterhin für das Binnen-I. Was spricht Ihrer Meinung nach gegen Schreibweisen wie den Unterstrich oder das Sternchen?

Ich bin bekanntlich „eigentlich“ für das umfassende Femininum, bei dem alle Männer und die gesamte Queer Community jeweils herzlich mitgemeint sind. Da aber so viele Frauen den Männern das umfassende Femininum nicht zumuten wollen (obwohl diese ihnen ungeniert das umfassende Maskulinum seit Jahrtausenden und bis heute tagtäglich zumuten), gibt es Durchsetzungsprobleme in der Praxis. Deshalb plädiere ich für die nächstbeste Lösung, das Binnen-I. Es sieht fast so aus wie das umfassende Femininum und hat sich in den letzten dreißig Jahren auf breiter Front durchgesetzt.
Der Unterstrich (Gender Gap) und das Sternchen (Gender Stern) dagegen erinnern mich fatal an veraltete und überwundene sexistische Schreibweisen wie Lehrer(innen), Lehrer/innen, Lehrer-innen, in denen das Maskulinum wie gewohnt als „erste Wahl“ erscheint und das Femininum als zweite Wahl. Der Trick beim Binnen-I ist gerade die optische Nähe zur eigentlich favorisierten Lösung, dem umfassenden Femininum. Diese optische und somit assoziative Nähe wird durch Unterstrich und Genderstern zerstört. Als Kompromisslösung habe ich auch statt des Binnen-I ein Ausrufezeichen vorgeschlagen. Es stieß bisher nur bei Feministinnen auf Resonanz.

 

Die Fotoserie „Sprachlos“ von Petra Fröschl (www.photonality.at) entstand in Zusammenarbeit mit der Kunst Universität Linz und dem Integrationsbüro der Stadt Linz anlässlich des Tags der Sprachen. Die Arbeit thematisiert das Ausdrucksmittel Sprache im Zusammenhang mit den Spannungsfeldern Migration, Kultur und Identität. © Petra Fröschl

Die Fotoserie „Sprachlos“ von Petra Fröschl entstand in Zusammenarbeit mit der Kunst Universität Linz und dem Integrationsbüro der Stadt Linz anlässlich des Tags der Sprachen. Die Arbeit thematisiert das Ausdrucksmittel Sprache im Zusammenhang mit den Spannungsfeldern Migration, Kultur und Identität. © Petra Fröschl

 

Sie sind für Ihre humorvollen Glossen berühmt, in denen Sie etwa ergründen, was der männliche Büffel bloß zur Milch für Mozzarella beigetragen haben könnte. Ist das feministischer Galgenhumor – oder ist Humor Ihrer Meinung nach auch eine besonders geeignete sprachkritische Strategie?

Humor ist in fast allen Lebenslagen eine gute Strategie. Witz und Ironie ebenso. Diese subversiven Strategien sind besonders im Einsatz gegen sture Übermachthaber das Mittel der Wahl, das hat schon der listige Odysseus vorgemacht. Hinzu kommt, dass ich schon immer eine Neigung hatte, das Komische an einer Sache wahrzunehmen. Und die Linguistik fördert ebenfalls den Sinn für Komik, weil wir uns ungrammatische Beispiele einfallen lassen müssen, Regelverstöße, um uns sprachliche Regeln überhaupt bewusst zu machen. Diese ungrammatischen Beispiele sind oft komisch. Eine Kabarettistin oder eine Clownin macht auch nicht viel anderes als das Publikum mit Regelverstößen zum Lachen zu bringen.

Neben Ihrem Blog betreiben Sie auch die Seite FemBio. Was hat Sie dazu motiviert, sich an der feministischen Geschichtsschreibung zu beteiligen? Ergibt sich aus dem Studium weiblicher Biografien ein besonderer Erkenntnisgewinn?

Aber ja. Bei der Arbeit an dem von mir herausgegebenen Sammelband „Schwestern berühmter Männer“ (1985) stellte sich z. B. heraus, dass die berühmte Gleichung „Genie und Wahnsinn“ zutreffender lauten müsste „Männliches Genie – wahnsinnige Schwester“. Die Schwestern, die möglicherweise genau so genial waren wie ihre Brüder, durften ihr Genie nicht ausleben, sondern wurden in Haushalt und Familie verbraucht. Viele hielten das nicht aus und drehten durch.
Ein praktischer Aspekt meiner Hinwendung zur Biografieforschung war der finanzielle. Biografien sind einfach besser zu verkaufen als Sprachwissenschaft. Für Sprachwissenschaft zahlt eigentlich nur die Uni, und die wollte mich ja nicht mehr, als ich anfing, die Sprache feministisch zu untersuchen.

Wir haben in unserer letzten an.schläge-Ausgabe eine Studie zitiert, wonach die Akzeptanz von geschlechtergerechter Sprache zuletzt wieder rückläufig war. 55 Prozent der Befragten sehen keine Notwendigkeit dafür. Die Einführung von geschlechtergerechten Formulierungen in die Amtssprache lässt sich ja bisher durchaus als Erfolgsgeschichte bewerten. Erleben wir jetzt einen Backlash? Was antworten Sie Stimmen, die über „Sprachpolizei“ und „Sprachverhunzung“ schimpfen?

Laut Studie sind 45 Prozent also für eine gerechte Sprache – oder zumindest nicht dagegen. Das ist doch sehr ermutigend! Viel, viel besser als zu Anfang unserer Kampagnen. Aber es stimmt, Hindernisse und Rückschläge gibt es immer wieder, wie bei allen Kämpfen um soziale Gerechtigkeit. Der Kampf muss periodisch intensiviert werden, wie jetzt etwa beim Kampf gegen sexuelle Belästigung mit Kampagnen wie #Aufschrei oder #Metoo.
Stichwort „Sprachverhunzung“. In der Regel stimme ich zu: Ja, die ständige Verdoppelung „Lehrerinnen und Lehrer“, „Schaffnerinnen und Schaffner“ etc. ist schwerfällig und unschön. Tatsächlich ist es einfach zu lästig, die Männer immer mitzuerwähnen. Wieder ein Grund mehr für die Einführung des umfassenden Femininums. Oder ich erinnere daran, dass auch sprachliche Schönheit im Auge der Betrachterin liegt. Oder daran, dass wir möglicherweise unterschiedliche Prioritäten haben. Für mich ist sprachliche Gerechtigkeit, wie Gerechtigkeit überhaupt, ein hoher Wert.
Stichwort „Sprachpolizei“: Die feministische Sprachkritik ist eine Basisbewegung, die versucht, die Sprachgemeinschaft über sprachliche Gerechtigkeit aufzuklären. Der Vergleich mit der Polizei, die auf Befolgung der Gesetze zu achten hat, ist insofern völlig abwegig. Eher versuchen wir, die bestehenden Gesetze (d. h. Grammatikregeln) auf basisdemokratischem Wege zu ändern, sie gerecht, d. h. frauenfreundlich zu machen. Als Sprachpolizei führen sich eher diejenigen auf, die auf der Befolgung der bestehenden frauenfeindlichen Sprachregeln bestehen.

Und wie können wir einer Kritik begegnen, die Linguistik als rein elitäres Projekt ohne realpolitischen Bezug abtut?

Es ist naiv, Sprache und Realpolitik voneinander zu trennen. Sprache ist ein wesentlicher Bestandteil der Politik und der Realität. Negativ sehen wir das deutlich bei Trump und seinem Getwitter, bei den gezielt und massenhaft gegen Hillary Clinton im Wahlkampf eingesetzten „fakenews“ aus Russland. Alles nichts als Sprache. Sprache ist das Medium aller Medien. Ohne Sprache gäbe es die anderen Medien gar nicht: kein Internet, keine sozialen Medien, keine Printmedien, kein Radio, kein Fernsehen, keine Games. Und in diesem Medium aller Medien sollen die Frauen weiter weitgehend ausgespart bleiben? Durch ein paar veraltete Grammatikregeln und deren immense Auswirkungen? Das könnte ihnen so passen. Wir verändern die Sprache, damit verändern wir die Vorstellungen, die Bilder im Kopf, das Bewusstsein – und den ganzen Rest.

Sie selbst haben nach Ihrem Kommentar zum Absturz der Germanwings-Maschine – „Frauenquote fürs Cockpit“ – heftige Anfeindung im Internet erlebt. Vor allem in anonymen Internetkommentaren erleben wir ein Wiederaufflammen längst totgeglaubter Sexismen. Wie kann damit umgegangen werden? Haben Sie eine eigene Strategie für Ihr Leben im Netz entwickelt?

Während des zehn Tage langen Shitstorms gegen mich habe ich versucht, die Ruhe zu bewahren, um nicht selbst auf das Niveau der Angreifer abzusinken. Ich habe den Dreck stoisch zur Kenntnis genommen. Geholfen hat mir eine ungeheure Solidarität, die auf denselben Kanälen einströmte: Twitter, Facebook und E-Mails. Und nach fünf Tagen habe ich auch endlich herausgefunden, wie ich die Trolle blockieren kann. Seither benutze ich dieses Werkzeug gern und oft.
Eine eigene Strategie für mein Leben im Netz? Noch lebe ich überwiegend und sehr zufrieden in der analogen Welt. Ich nutze das Netz weitgehend beruflich, d. h. als Autorin, die ein Anliegen hat, das sie verbreiten möchte. Dafür eignet sich das Netz ausgezeichnet.

 

 

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