Gegen die da unten

Sprache ist von Klassismus durchzogen – dem muss auch die Linke endlich etwas entgegensetzen. Von BRIGITTE THEIßL

 

Lassen sich Klassen auch entlang sprachlicher Trennungslinien festmachen? Sprachgebrauch und klassistische Unterdrückung sind untrennbar miteinander verbunden, ist zumindest Anja Meulenbelt überzeugt. Im 1988 auf Deutsch erschienenen „Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus“, einer fast schon vergessenen Pionierarbeit, beschreibt die niederländische Autorin anhand ihrer Erfahrung als Lehrende in der Ausbildung von Sozialarbeiter_innen das Zusammenspiel unterschiedlicher Unterdrückungsformen so klar und eindrücklich, dass das Buch zur linken Pflichtlektüre erklärt werden sollte. Der Beruf der_des Sozialarbeiter_in sei – historisch gewachsen – für unterschiedliche Klassen in den Niederlanden akzeptabel, so Meulenbelt, dementsprechend vielfältig setzten sich die Student_innen bezüglich ihrer sozialen Herkunft zusammen.
„Wie sehr Unterdrückung und Sprachgebrauch miteinander verwoben sind, zeigt sich schon, wenn man versucht, auf eine nicht ‚klassistische‘ Art zu schreiben“, stellt Meulenbelt ihrer Analyse voran. Klassenverhältnisse spiegeln sich in der Sprache wider, es sei kaum möglich, die wertende Trennung in „oben“ und „unten“ zu vermeiden: „Ich kann untere Klasse durch Arbeiterklasse ersetzen und obere Klasse durch ‚besitzende Klasse‘, aber dann reden wir immer noch von höheren und niederen Ausbildungen, von ‚aufsteigen‘ und ‚hinunterfallen‘, von Top-Managern, Untergebenen (…), zu jemandem aufschauen oder auf jemanden herabschauen.“

Beschämtes Schweigen. Dieser Befund hat dreißig Jahre später nichts an Aktualität eingebüßt, auch wenn heute Unterschicht oder bildungsfern gerne in Anführungszeichen gesetzt werden und Didier Eribon mit seiner Klassismuskritik zum Shootingstar der linken Szene wurde. Noch immer ist die Debatte um Klasse und Klassismus von Sprachlosigkeit geprägt, selbst in linken und feministischen Kreisen fehlen Bemühungen, eine Sprache zu finden, die sich widerständig den diskriminierenden Zuschreibungen widersetzt. Warum das so ist, darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen: Zum einen ist die Linke heute selbst zutiefst bürgerlich geprägt, andererseits verhindern Scham und Angst vor Stigmatisierung eine Selbstorganisierung von Menschen, die von Klassismus betroffen sind oder waren. „Klasse wird verschwiegen. Ich verschweige sie. Ich trage sie in mir, sie ist das gewichtigste und persönlichste Distinktionsmerkmal, sie prägt all meine Handlungen, ist für mich ebenso Antrieb wie Hindernis. Und doch verheimliche ich sie. Aus Scham, aus Angst, bemitleidet oder darauf reduziert zu werden“, beschreibt Rosa Weißmann in an.schläge 10/2014 das Gefühl, das so viele kennen, die eine Klassenreise hinter sich haben. (1) „Ich habe unbewusste Anpassungsversuche hinter mir, die mal besser, mal schlechter gelangen – die jedenfalls verbunden waren mit viel Anstrengung und Angstschweiß“, formuliert es die Soziologin Julia Roßhart. (2)

 

Die Fotoserie „Sprachlos“ von Petra Fröschl (www.photonality.at) entstand in Zusammenarbeit mit der Kunst Universität Linz und dem Integrationsbüro der Stadt Linz anlässlich des Tags der Sprachen. Die Arbeit thematisiert das Ausdrucksmittel Sprache im Zusammenhang mit den Spannungsfeldern Migration, Kultur und Identität. © Petra Fröschl

Die Fotoserie „Sprachlos“ von Petra Fröschl entstand in Zusammenarbeit mit der Kunst Universität Linz und dem Integrationsbüro der Stadt Linz anlässlich des Tags der Sprachen. Die Arbeit thematisiert das Ausdrucksmittel Sprache im Zusammenhang mit den Spannungsfeldern Migration, Kultur und Identität. © Petra Fröschl

 

Mittelschichtsbildung. Der Anpassungsdruck ist für Kinder aus der Arbeiter_innenklasse bereits in der Grundschule enorm, Meulenbelt sieht die Schule gar als Ort der Mittelschichtskultur, wo Arbeiter_innenkinder umso weniger stigmatisiert werden, je besser sie sich der Mittelschichtsumgebung angleichen. „Kommt ein Kind mit einer vom Standardniederländischen abweichenden Sprache in die Schule, dann wird ihm nicht nur ein neuer Sprachgebrauch beigebracht, die alte Sprache wird ihm auch weggenommen, Wörter und Ausdrücke sind plötzlich nicht mehr akzeptabel“, schreibt die Autorin. An den Universitäten, dem Ort der Herausbildung des bürgerlichen Habitus schlechthin, verstärkt sich dieser Anpassungsdruck weiter. Während junge Menschen aus Akademiker_innenhaushalten wie ein Fisch durch das Wasser der Proseminare und lateinischen Fachausdrücke gleiten, stehen Arbeiter_innenkinder häufig ehrfürchtig und schweigend vor der Hörsaaltür.
Obwohl Statistiken seit vielen Jahren belegen, dass sowohl in Österreich als auch in Deutschland Bildung nach wie vor vererbt wird, fehlen Anlaufstellen für Arbeiter_innenkinder an den meisten Universitäten im deutschsprachigen Raum. In Wien hat sich zumindest innerhalb der Strukturen der Hochschüler_innenschaft ein Referat gebildet, das für „First Generation Students“ lobbyiert. Aber auch in der Forschung finde Klassismus nach wie vor kaum Beachtung, schreiben Andreas Kemper und Heike Weinbach in ihrem Einführungsband, die Wissenschaftskultur selbst sei von Klassismen durchzogen, es werde eine Sprache reproduziert, die in den Köpfen Bilder von Abwertungen oder Aufwertungen von Menschen immer wieder neu herstelle.

Unterschichts-Reportagen. In geballter Form durchzieht diese Sprache nicht zuletzt die mediale Berichterstattung. Während man in Boulevardmedien fast täglich abwertende, aggressive Bezeichnungen für Armutsbetroffene, Wohnungslose, Arbeitsuchende, Suchtkranke oder Bezieher_innen von Sozialleistungen findet („Mindestsicherung: 53.000 Kinder Sozialschmarotzer?“, österreich.at), wird in Qualitätsmedien gerne investigativ in die Milieus der Unterschicht eingetaucht. Bürgerliche Journalist_innen holen sich Applaus dafür ab, ihre Kinder in einen öffentlichen statt in einen Privatkindergarten zu schicken, auf Wahlveranstaltungen rechter Parteien werden schlechtsitzende Leggins und Schlagermusik seziert. Oder aber man wagt den Ausflug in eine „andere Welt“ für eine ironische Aneignung – so immer wieder im „Vice“-Magazin zu sehen. „Though the clientele might smirk if you order a Chablis, no one’s going to cut your face for laughing too loudly“, schreibt da etwa ein Autor über britische Working-Class-Pubs. …. Wenig verwunderlich, erweist sich die Hipster-Kultur doch als Hort der Aneignung von „white poverty culture“ bei gleichzeitiger bürgerlicher Distinktionspanik: Während Armutsbetroffene Stigmatisierung für abgetragene Secondhandklamotten, ausrangierte Turnschuhe und ungepflegte Frisuren erfahren, fetten Wohlstands-Kids damit ihr Coolness-Konto auf. Eine Praxis, die auch linken Szenen nicht fremd ist: Hannah Arendt und Gramsci-Reader werden in das zusammengezimmerte Bücherregal von der Müllkippe einsortiert, abends trifft man sich gerne in verrauchten Kneipen, wo der alkoholisierte Pöbel für das nötige Maß an Authentizität sorgt. Als Abgrenzungsmechanismus bleibt da immer noch die akademische Sprache. Wer nicht am richtigen Ort die richtigen Begriffe zu nennen weiß, strengt sich bloß nicht genug an – wie auch auf feministischen Blogs immer wieder zu lesen ist – oder ist schlicht intellektuellenfeindlich. Statt sich mit den eigenen Klassenprivilegien auseinanderzusetzen, folgt lieber der Verweis auf das wahre Ziel der Linken: Wer den Kapitalismus abschaffen muss, dem_der bleibt keine Zeit für persönliche (klassistische) Befindlichkeiten.

 

(1) Lesenswerte Texte dazu findet man auch auf clararosa.blogsport.de

 

(2) Julia Roßhart: Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag. w_orten & meer 2016

 

 

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