Die Sprache ist (k)ein_e tote Hünd*in

Ein Küchengespräch über eigene Irrtümer, queere Sprachpolitiken und Kuchenstücke. Von KATHARINA RÖGGLA

 

Vor langer Zeit hing in unserer Küche ein Plakat, auf dem stand: „Und ist erst die Welt der Vorstellungen revolutioniert, so hält auch die Wirklichkeit nicht stand.“ Das zugehörige Bild hatten wir weggeschnitten, aber den Spruch fanden wir toll. Irgendwann ist dann auch der Spruch von der Wand verschwunden. Jetzt, Jahre später, sitze ich in der Küche einer Freundin. Und auch ihr ist nicht nur das Plakat, sondern jeder Glaube daran abhanden gekommen, dass wir die Wirklichkeit nur dadurch verändern, indem wir an unseren Vorstellungen drehen.
Die Wirklichkeit hat sich nämlich nicht revolutioniert, sie hat uns eingeholt. Wenn sich gesellschaftliche Realitäten nicht ändern, sondern nur mit neuen Wörtern bezeichnet werden, dann nehmen irgendwann auch die neu eroberten, die emanzipatorisch gedachten Begriffe den abfälligen Beigeschmack des gesellschaftlichen Ressentiments an.
In der Küche fragen wir uns, warum wir damals so sehr an die Sprachrevolution geglaubt haben. Na, weil es einen Möglichkeitsraum aufgemacht hat, sagt die Freundin. Weil es uns Handlungsmacht gegeben hat. Und weil es für uns selbst zu dieser Zeit auch so wichtig war, gesellschaftliche Normen zu durchbrechen und eigene Maßstäbe zu entwickeln. Eine eigene Sprache für ein eigenes Leben also? Ja, sagt die Freundin, bloß primär auf der Ebene der Selbsterfahrung. Nicht schlecht, aber eben auch nicht weltverändernd.
Mit der Kritik an patriarchalen Sprachzuständen wurden in der Frauenbewegung der 1970er auch durchaus fröhliche Wortneuschöpfungen gebildet – darunter der Gästinnengarten oder die Wasserhenne. Mit dem linguistic turn hat sich der Queer-Feminismus dann immer ernsthafter der Sprachpolitik verschrieben. Derzeit werden gesellschaftspolitische Analysen immer öfter von identitätspolitischen Bekenntnissen abgelöst. Dabei steht nicht mehr die Veränderung der Zustände im Vordergrund, sondern die Aufzählung diverser Identitätskonstruktionen, für die gleiche Rechte gefordert werden. Früher wollten wir nicht ein Stück vom Kuchen, sondern die ganze Bäckerei, heute reicht es, wenn alle genannt werden, die in die Küche dürfen. Wie viele Vegane braucht es, um eine Glühbirne zu wechseln? Drei, eine schraubt und zwei lesen die Inhaltsstoffe. Wie viele Queere schaffen es auf die Party? Keine, alle stehen draußen und studieren die Einladungspolitik.
In unserer Küche sitzen wir dank exklusiver Einladungspolitik nach wie vor zu zweit und denken darüber nach, wann wir aufgehört haben, an die Revolution der Vorstellungen zu glauben. Weil wir nicht mehr studieren, stellen wir fest, weil wir älter geworden sind. Klingt das nicht arrogant, frage ich. Naja, sagt die Freundin, es stimmt aber, dass wir mehr mit anderen Lebensrealitäten konfrontiert sind als früher. Dass wir dadurch materialistischer geworden sind. Weil wir gesehen haben, dass es verdammt viele Dinge gibt, die lebenswichtiger sind, als ob irgendwo ein Sternchen oder ein Unterstrich steht. Der Fokus hat sich verschoben. Und gleichzeitig ist ja auch nicht so, als ob uns inzwischen völlig egal wäre, was für Begriffe verwendet werden.
Um klarzustellen, dass Transfrauen auch Frauen sind, wurde in den letzten Jahren propagiert, Frau* durchgängig mit Sternchen zu schreiben. Aktuelle Texte maßregeln nun genau diese Schreibweise als transphob. Egal für welche Variante ich mich entscheide, ist klar, dass es keine endgültige Lösung gibt. Ja, es ist wichtig darüber nachzudenken, welche Begriffe wir verwenden wollen. Aber auch weil wir dieses Nachdenken wohl niemals abgeschlossen haben werden, wäre es schlau, ein wenig mehr Toleranz für jene aufzubringen, deren Antworten nicht exakt so ausfallen wie die eigenen.
In der Küche nähert sich das Gespräch der Schlusspointe. Was war da eigentlich für ein Bild auf dem Plakat? Und dann sitzen wir fassungslos da: auf dem Plakat liegt ein toter Hund, daneben ein weinendes Kind. Und im Gegensatz zur Sprache ist dieser Hund mausetot, da kann das Kind glauben, woran es will. Das Plakat war von Anfang an zynisch gemeint. Und wir, in unserer festen politischen Überzeugung, haben einfach ausgeschnitten, was uns nicht gepasst hat. Und, wirst du jetzt trotzdem über das Plakat schreiben, fragt die Freundin. Ich weiß nicht, soll ich?, frage ich. Ja, unbedingt, sagt sie, da sieht man doch, wie stark diese Ideologien sind, dass da alles weggeblendet wird, was nicht reinpasst. Aber schreib wertschätzend darüber. Weil schön war es schon, als wir noch dachten, dass alles besser werden kann.

 

Katharina Röggla lebt in Wien, sehnt sich nach einer antiautoritären, antirassistischen und feministischen Bewegung.

 

 

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