Feminist Fashion

„Feministische“ Mode mit politischen Statement-Shirts liegt im Trend, bei H&M genauso wie bei teuren Designer_innen. Wie verlogen ist das? Von JULIA MARTIN

 

„GIRL POWER“, „Girl Gang“ oder „We should all be Feminists“ – diese und viele ähnliche feministische Slogans kann man nun häufig auf T-Shirts, Beuteln und Handyhüllen lesen. Feminismus liegt offenbar im Trend!
Beim schwedischen Textilhersteller H&M gab es einen rosa Kapuzenpullover mit der Aufschrift GRL PWR (Girl Power), ein T-Shirt mit den Worten FEMME VIBES sowie bereits im vergangenen Jahr das Statement-Shirt mit dem Spruch „Feminism. The radical notion that women are people“ zu kaufen.
Auch im Tochterunternehmen Monki, das sich an eine junge, urbane Zielgruppe wendet, wird schon seit Längerem mit ähnlichen Sprüchen geworben. So brachte die Kette vor zwei Jahren einen Pullover auf den Markt, der „Riots not Diets“ forderte. (Die bittere Ironie der Tatsache, dass es bei Monki lediglich Kleidung in den Größen S-L bzw. bis Größe 42 zu kaufen gibt, entging dem Unternehmen dabei offenbar.)
Zum zehnjährigen Bestehen hat das Unternehmen Ende 2016 eine Streitschrift mit dem Hashtag #monkifesto verbreitet, das feministische Forderungen enthält und Themen wie Menstruation, Körperhaare und Masturbation zu enttabuisieren versucht. Außerdem wirbt Monki bewusst mit vielen nicht-weißen und nicht nur mit ausschließlich schlanken Models.

„We should all be feminist“. Selbst in der Welt der High-Fashion gibt man sich feministisch. Maria Grazia Chiuri, die erste weibliche Chefdesignerin in der Geschichte des französischen Edellabels Dior, schickte letzten Herbst Models in weißen T-Shirts auf den Laufsteg, auf denen der Titel eines Buches der US-amerikanischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie gedruckt wurde: „We should all be feminist“. (Zum Preis von 700 Dollar.)
Und als hätte er es schon lange vorausgesehen, ließ ausgerechnet Karl Lagerfeld schon vor Jahren seine Models in der Chanel-Frühjahrs-Show 2015 eine Demonstration auf dem Laufsteg mit Megafons und Plakaten mit der Aufschrift „Ladies First“ und „History is her story“ laufen.
Generell erlebt die Fashion-Industrie, die bisher fast ungebrochen weiß und von streng normierten Schönheitsidealen bestimmt ist, seit einiger Zeit einen Wandel und öffnet sich vermehrt für Personen of Color, Plus-Size und Transgender Models und solche, die nicht den klassischen Schönheitsidealen entsprechen.
Models wie Ashley Graham, Nadia Aboulhosn und Paloma Elsesser zeigen stark und selbstbewusst ihre Kurven, und auf dem Cover der französischen „Vogue“ war mit Valentina Sampaio im Februar das erste Mal in der 97-jährigen Geschichte des Hochglanzmagazins ein Transgender Model zu sehen. Es gibt lesbische Paare, Models mit Hijabs oder der Hautkrankheit Vitiligo bzw. Frauen mit Dis_abilities – die Repräsentationen werden also definitiv diverser. Besonders für junge Frauen bieten diese neuen Vorbilder Identifikationsfiguren, die man zuvor vergeblich gesucht hat.

17 Cent pro Stunde. Toll, könnte man meinen. Doch werden hier tatsächlich emanzipatorische Werte vertreten? Oder ist dieser Feminismustrend nur eine ausgeklügelte Marketing-Strategie?
Ein Blick hinter die Fassade vieler Marken offenbart, dass Frauenrechte in der Kleidungsindustrie nach wie vor mit Füßen getreten werden. Denn dafür, dass wir politische Botschaften auf der Brust tragen können, bezahlen andere mit ihrem Leben: So sind die Bedingungen, unter denen überwiegend Frauen billige Kleidung herstellen, nach wie vor oft katastrophal schlecht.
2013 stürzte in Bangladesch ein Fabrikgebäude ein und riss über 1.100 Menschen in den Tod. Mehr als 2.500 Menschen wurden verletzt. Viele Hersteller_innen haben damals versprochen, die Produktionsbedingungen zu verbessern. Durch den sogenannten Accord, ein neues Brandschutzabkommen, das danach geschlossen wurde, werden seither 2.000 der insgesamt 5.000 Fabriken in Bangladesch auf Statik, Elektrik und Feuerschutz überprüft. Gisela Burckhardt ist Vorsitzende des Vereins FEMNET e.V., der sich für faire und würdevolle Arbeit von Frauen weltweit einsetzt. Die Autorin von „Todschick: Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziert“ zieht vier Jahre später dennoch eine ernüchternde Bilanz:
„Die Arbeitsbedingungen haben sich leider nicht gebessert. Sie sind nach wie vor geprägt von starker Frauendiskriminierung, keinem Recht auf Organisationsfreiheit, viel zu niedrigem Lohn und unzähligen Überstunden. Gerade in Bangladesch gibt es immer noch furchtbar niedrige Löhne. Seit drei Jahren ist der gesetzliche Mindestlohn nicht erhöht worden – Sechzig Euro beträgt er monatlich, doch die Lebenshaltungskosten sind massiv gestiegen.“
Von einer positiven Entwicklung kann also nicht gesprochen werden. Für einen Lohn von 17 Cent pro Stunde müssen Menschen also noch immer in giftigen Chemikalien stehen und Stoffe färben, stundenlang nähen und gerben – damit wir unsere empowernden Botschaften tragen können. (1)

 

Lori Shaull, flickr

Lori Shaull, flickr

 

80 bis 90 Prozent aller Arbeitenden in der Textilproduktion in Bangladesch sind Frauen. In anderen sogenannten asiatischen Niedriglohnländern wie Indien ist die Lage ähnlich.
Die Frauen sind nicht kranken- oder sozialversichert und werden menschenunwürdig behandelt, berichtet Gisela Burckhardt: „Die Frauen werden oftmals extrem diskriminiert. Sie werden beschimpft, an den Haaren gezogen, dürfen nur wenige Pausen machen, um essen, trinken oder zur Toilette gehen zu können. Und die Frauen sind dort besonders jung, unter dreißig Jahren. Wenn sie schwanger werden, werden sie oft entlassen und erhalten meist auch keinen Mutterschutz.“
Sich in Gewerkschaften zu organisieren und für mehr Rechte zu kämpfen, ist für die Frauen fast unmöglich. Der Eintritt in eine Gewerkschaft wird oftmals durch Schikanen am Arbeitsplatz oder durch sofortige Kündigungen bestraft. Aus Angst, ihren Lebensunterhalt und ihre Existenzgrundlage zu verlieren, trauen sich daher viele Frauen nicht, für bessere Bedingungen zu kämpfen.
Die Folgen von Massenkonsum und „Fast Fashion“, also der immer schneller werdenden Produktion von Mode, wirken sich also besonders negativ auf Frauen aus – und unter diesen Bedingungen produzieren auch viele der Marken, die sich mit einer feministischen Haltung schmücken.

Makabrer Marketing-Gag. Solange Frauen für „Feminist Fashion“ weiterhin ausgebeutet werden, ist dies nichts weiter als ein makabrer Marketing-Gag. Denn in Zeiten, in denen Weltstars wie Beyoncé, Emma Watson oder Lady Gaga sich offen dazu bekennen, Feministinnen zu sein, eignen sich solch politisch aufgeladene Symbole hervorragend für Marketing-Kampagnen und Trends. Und es ist zweifellos ein wichtiger Schritt, dass die Ungleichheit der Geschlechter nun gesellschaftlich – und gerne auch modisch – thematisiert wird.
Doch auch wenn es schön ist, immer mehr Menschen mit feministischen Slogans auf der Brust zu sehen, sollte unbedingt klar sein: Feminismus ist kein modisches Accessoire. Es ist eine politische Haltung – und eine politische Praxis!

 

Fair Fashion Guide auf FEMNET

(1) Mit fairer Mode, die unter menschenrechtlich verantwortlichen Bedingungen hergestellt wurde. Außerdem gibt es Tipps zum nachhaltigen Konsum: von der Kleiderpflege übers Teilen und Tauschen bis zum Up-Cycling: www.femnet-ev.de

 

 

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